Von der Kunst, eine blockierte Straße zu blockieren

Von der Kunst, eine blockierte Straße zu blockieren

Von Nathan Spasic (Freier Journalist und Fotograf)

Samstagabend beschließen Anhänger*innen der Identitären Bewegung die durch Nickelsdorf führende Landesstraße B10 zu blockieren.

Eigentlich sind Campingausflüge vollkommen harmlos. Der gestrige Ausflug der Identitären ist es aber nicht. Wer noch nie von den Identitären gehört hat muss sich nicht schämen. Tatsächlich ist es nur ein verschwindend kleines Grüppchen, welches österreichweit etwa 30 aktive Anhänger*innen umfasst. Die Identitären zeichnen sich vor allem durch anti-muslimische Hetze aus. Flüchtlinge und Migrant*innen seien eine Bedrohung für die ‚abendländische Kultur’. Das sogenannte ‚Fremde’ sei eine tickende Zeitbombe, das Österreich in ein ‚Pulverfass’ verwandelt habe.

Wie dem auch sei – die Identitären fuhren gestern nach Nickelsdorf um dort ihre Zelte aufzuschlagen. Ziel des Ganzen sei die Grenze Österreichs zu schützen. Abgesehen davon, dass Flüchtlinge absolut keine Bedrohung für das sogenannte Abendland darstellen, ist es durchaus fraglich wie die Identitären das anstellen wollten. Rein logistisch wäre das nämlich eine enorme Herausforderung für die 20 Rechtsextremen, die sich momentan in Nickelsdorf befinden. Österreich und Ungarn teilt eine 366 km lange Grenze voneinander. Das heißt, dass ein Identitärer 18 km bewachen müsste. Ein undurchführbares Vorhaben. Das dürften die Identitären auch eingesehen haben, also entschlossen sie sich die nach Wien führende Landesstraße B10 zu blockieren. Daher setzten sie sich auf die Straße und pflanzten ihre Lambda-Fahnen in den Boden. Die B10 wurde allerdings bereits vor Wochen von den Behörden gesperrt. Also drehten die Identitären kurzerhand ein Propagandavideo, welches ihr Missgeschick als politischen Akt des Widerstands inszenieren sollte:

Im Übrigen hielt sich zu dem Zeitpunkt kein einziger Flüchtling in Nickelsdorf auf. Die Flüchtlinge machen nämlich einen großen Bogen um Ungarn. Dort wurden erst unlängst die Gesetze deutlich verschärft, wodurch Flucht zu einer Straftat geworden ist. Immer am Puls der Zeit, diese Identitären. Ein Sympathisant kommentiert diese Erkenntnis folgendermaßen:

Die Aktion der selbsternannten Grenzschützer ging also ganz klar nach hinten los. Ihre offenbar wenig durchdachte Intrige flog auf. Aber viel schlimmer, und das könnte die patriotischen Leser*innen zutiefst erschüttern: sie schafften es nicht Österreichs Grenzen zu sichern. Und das war doch ihr eigentliches Ziel, oder? Zumindest offiziell.

Wer jetzt behauptet, dass so ein Fauxpas jedem passieren könne, dem stimme ich zu. Die Identitäre Bewegung lernt allerdings nicht aus ihren Fehlern. So "besetzten" sie 2013 die bereits besetzte Votivkirche – zwei stolze Stunden lang, bevor sie hinausgeworfen wurden. Den deutschen Kameraden wiederfuhr vor wenigen Tagen ein ähnliches Schicksal: sie besetzten ein Haus, das sie für ein Flüchtlingsheim hielten. Wenig später stellte sich heraus, dass die ganze Aktion ein Flop war. Somit kann man davon ausgehen, dass die ‚Wohlstandsrevoluzzer’ der Identitären Bewegung nach einem sehr seltsamen Schema vorgehen. Ob man das noch politisches Kalkül nennen kann? Ich wage es in Frage zu stellen.

 

Weierführendes:

Das verquere Weltbild der „Identitären“

Rechtsextreme demonstrieren in Wien (Identitäre Bewegung Österreich)

Die Identitären: Die "Neuen Rechten" im Aufwind?

Die Identitäre - Handbuch zur Jugendbewegung der Neuen Rechten in Europa