Zum Weltflüchtlingstag: Auf den Spuren der SHADES TOURS

Zum Weltflüchtlingstag: Auf den Spuren der SHADES TOURS

Von Viktoria Penz

Seit 2015 bietet das Wiener Unternehmen SHADES TOURS Führungen und Vorträge zu gesellschaftlich polarisierenden Themen an. Das Besondere daran: Die Tourguides sind selbst ehemalige Obdachlose, Flüchtlinge oder Abhängige. Zum Weltflüchtlingstag ein Porträt der Tour rund um den Themenkomplex „Flucht und Integration“.

Ein verregneter Mittwochabend vor dem Österreichischen Integrationsfonds im dritten Wiener Gemeindebezirk. Ein kleines internationales Grüppchen hat sich um den jungen Syrer Kenan versammelt. „Was bedeutet für euch Integration?“, fragt er in die Runde. Schnell finden sich Antworten: Ein Gefühl, dazu zu gehören und akzeptiert zu werden. Obwohl die Teilnehmer*innen aus vier verschiedenen Erdteilen kommen, kommt man leicht auf einen gemeinsamen Nenner in der Diskussion.

Was auf den ersten Blick wie ein sehr spät angesetzter Outdoor-Workshop wirkt, ist tatsächlich eine herrlich alternative Führung der SHADES TOURS: Das Unternehmen bietet seit 2015 Touren durch Wien zu gesellschaftlich polarisierenden Themen wie „Armut und Obdachlosigkeit“, „Flucht und Integration“ und „Sucht und Abhängigkeit“ an. Das Besondere dabei: Die Tourguides sind selbst ehemalige Obdachlose, Flüchtlinge oder Abhängige. Denn das Konzept der SHADES TOURS beruht auf der Logik, dass Menschen, die selbst in einer sozial prekären Lage gelebt haben, am besten über diese erzählen können. Die Arbeit als Tourguide ermöglicht ihnen gleichzeitig die (Re-)Integration ins Alltagsleben. Besucht werden bei den Führungen aber weder Hofburg, noch Stephansdom, sondern Plätze, die für die frühere Lebenslage der Guides eine besondere Rolle spielten.

Kenans Tour beginnt am Hauptbahnhof. Nachdem 2015 das Dublin-Abkommen temporär ausgesetzt worden war und Tausende syrische Geflüchtete nach Österreich kamen, entstand eine Art Dorf am Terrain des größten Bahnhof Österreichs. Kenan musste mit erst 13 Jahren aus Syrien fliehen, da er während der Revolution Fotos geschossen und in den sozialen Netzwerken verbreitet hatte. Nachdem er einige Zeit in Syriens Nachbarländern gelebt hatte, gelangte er über die Türkei nach Österreich – ein Land, von dem er vor seiner Flucht nichts wusste, wie er nun in einwandfreiem Englisch berichtet. Zwischen Erste Bank Campus und dem Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl erzählt der 22-Jährige aber nicht nur über die Geschehnisse von 2015, sondern gibt auch Einsichten in die Gesetzeslage rund um das Thema Asyl. Geduldig beantwortet er die Fragen der Tourteilnehmer*innen, egal ob zu den Statistiken oder seiner persönlichen Geschichte, wodurch das Thema Migration mit vielen seiner Ausformungen fassbar wird. 

Dieses Fassbar-Machen ist schließlich auch das Ziel der SHADES TOURS, denn Perrine Schober, Gründerin des Unternehmens, verfolgt mit ihrer Firma auch einen Bildungsauftrag: Die Tourguides geben neben den Führungen auch Workshops an Schulen, wenn im Unterricht beispielsweise Menschenrechte oder soziale Konflikte thematisiert werden. „Obwohl man täglich Obdachlose sieht, beachtet man sie gar nicht oder fühlt sich hilflos. Hier gibt es tatsächlich eine Bildungslücke, der die SHADES TOURS entgegenwirken sollen, indem sie über die Thematik informieren“, beschreibt sie den Hintergrund der Vorträge. Die SHADES TOURS stellen aber auch ein Angebot an Unternehmen, wenn beispielsweise innerhalb eines Teams Diskrepanzen aufgrund unterschiedlicher Meinungen zu besagten Themenkomplexen auftauchen. „Das Wichtigste ist, Verständnis und Empathie zu schaffen. Natürlich gibt es auch Teilnehmende, die eine sehr negative Einstellung zu gewissen Thematiken haben. Es ist aber nicht das Ziel der SHADES TOURS, Meinungen zu ändern, sondern eine andere Perspektive zu schaffen“, erklärt sie die Quintessenz des Konzepts.

Kenan und Andrè Heller zeigen sich gegenseitig ihr Wien.

Eine andere Perspektive auf das Thema „Flucht und Integration“ gibt Kenans Tour definitiv. Am Rochusmarkt angelangt, thematisiert er die kulturellen Unterschiede zwischen Österreich und Syrien. Er erzählt, worin sich österreichische und syrische Freundschaften unterscheiden, dass das Leben in Syrien viel stärker vorbestimmt wird und dass man in Österreich immer ein bisschen vorgeben muss, jemand anderer zu sein. Für sich hat Kenan beschlossen, aus beiden Kulturen das zu nehmen, was ihm gefällt, und das Unangenehme zu ignorieren. Seine Eloquenz und das lockere Auftreten lassen dabei kaum die Herausforderungen dieses kulturellen Spagates erkennen.

Wer eine klassische Touristenführung durch Wien möchte, ist bei den SHADES TOURS an der falschen Adresse. Will man aber einen besseren Einblick in die österreichische Gesellschaft und das soziale Miteinander bekommen, sind die Führungen und Vorträge ein idealer Ansatzpunkt.  Dass das Angebot dabei sowohl für Tourist*innen, als auch für langjährige Bewohner*innen der lebenswertesten Stadt der Welt ergiebig ist, beweisen die steigenden Teilnehmer*innenzahlen und die große positive Resonanz.

Fazit: Ein gelungenes Konzept, das Win-Win-Situationen für Tourguides und Tourteilnehmer*innen kreiert und dabei die Balance zwischen sachlicher Information und spannendem Storytelling halten kann – sehr empfehlenswert!

 

Weitere Informationen

Die SHADES TOURS finden fast täglich statt und kosten 18 € pro Person: https://www.shades-tours.com/