Queer – vom Schimpfwort zur kämpferischen Selbstbezeichnung.

Queer – vom Schimpfwort zur kämpferischen Selbstbezeichnung.

Das Ziel ist ein selbstbestimmtes Leben ohne Zwänge

 

Von lightyear2000

In der ersten Junihälfte ist die Europride, am 15. Juni findet die jährliche Regenbogenparade statt. Was heißt aber eigentlich Queer und was bedeutet „Queer Politics“? Was ist die Geschichte des Begriffs und welche Bedeutung und Ziele hat Queer?

Das Wort kommt aus dem Englischen und war bzw. ist ein Schimpfwort gegen alle, die den Normen geschlechtlicher und sexueller Identifikationen nicht entsprechen, besonders als abwertende Bezeichnung für Schwule wurde und wird der Begriff verwendet. So definiert thefreedictionary.com Queer unter anderem als „deviating from the expected or normal“. Seit den 1980er Jahren erfuhr der Begriff eine starke Umdeutung hin zu einer positiven Verwendung.

Entstehung und Herkunft des Begriffs „Queer“

Es begann mit der Homophilenbewegung Ende des 19. Jahrhunderts, ging weiter mit der Gay Liberation Front und dem lesbischen Feminismus: Das sind Bewegungen, deren Ziel ein Aufbrechen von traditionellen Rollenklischees war, daraus ist schließlich Queer Politics entstanden. So entstand Queer als Reaktion um den Streit des richtigen Identitätsmodells innerhalb der Lesben- und Schwulenbewegungen der 1960er Jahre und wollte das statische „Wir“ der Szene aufbrechen. Ebenso von großer Bedeutung für die Geschichte des Begriffs ist der „CSD“: Der Christopher-Street-Day ist der internationale Feiertag von Menschen, die sich als lesbisch, schwul, intersexuell oder transgender bezeichnen. Er erinnert an den Aufstand vom 28. Juni: An diesem Tag provozierte die Polizei mit einer Razzia in der New Yorker Schwulenkneipe Stonewall Inn in der Christopher Street tagelange Straßenkämpfe. Damit waren lesbisches und schwules Selbstverständnis als Widerstandsidentität geboren. Zum ersten Mal leisteten Lesben, Schwule, Transgender und Bisexuelle systematisch Widerstand gegen staatliche Diskriminierung, Repression und Polizeigewalt. An diese Stelle trat ein wütend gewordenes Selbstbewusstsein, das Akzeptanz von Andersartigkeit forderte. Queer ist nicht nur als Reaktion auf Ausschlüsse innerhalb von Emanzipationsbewegungen entstanden, sondern auch als unmittelbare Antwort auf gesellschaftliche Diskriminierung und Normierung.

Die AIDS-Epidemie und „Queer Nation“

Ein weiterer historischer Kontext von Queer ist das Netzwerk von Aktivismus und Theoriebildung, welches im Zuge der Aids-Epidemie entstand. Demnach kann Queer als mittelbare Antwort auf den öffentlichen Umgang mit Aids gesehen werden, der Homophobie begünstigte. In den Medien als die „Schwulenseuche“ (sic!) benannt, brachte AIDS den gnadenlosen Heterosexismus und die tödliche Homophobie einer Gesellschaft zutage, die sich in den USA unter der Reagan-Regierung entschlossen zeigte, die dem Exodus einer ganzen Generation schwuler Männer tatenlos und ungerührt zusah.

In dieser Zeit entstand die Gruppe „Queer Nation“, welche zu einem großen Teil auf der Act up-Bewegung aufbaute. Bei letzterer handelte es sich um schwule und lesbische Aktivist*innen, die mittels provokanter Aktionen auf den gefährlichen Umgang der Reagan-Regierung mit der Krankheit AIDS aufmerksam machte. „Queer Nation“ wiederum war ein Zusammenschluss aus losen vernetzten Gruppen, welche in den 1980er Jahren ein Zeichen gegen die heterosexuelle Familie als Keimzelle der Nation setzte. Der Name „Queer Nation“ war gedacht als bewusste, aber nicht unproblematische Provokation dieses Nationenbegriffs. Mit radikalen Aktionen übten sie nicht nur Kritik an der ebenfalls diskriminierenden lesbischen und schwulen Community, sondern auch an dem weißen, mittelständischen, heterosexuellen Mainstream.

Dabei wurde der Slogan von Queer Nation „Everything goes“ radikal in die Praxis umgesetzt und mit den Konzepten von Sexualität und Geschlecht experimentiert. Ein weiteres Ziel der Bewegung war es, öffentliche Räume mit Sexualität und politischer Identität zu besetzen, um  damit Normierungen aufzubrechen. Nicht nur Schwule und Lesben, auch andere „sexualpolitische Bewegungen“ sind unter Queer vertreten, nämlich die Bisexuellen-, Transsexuellen-, Transgender-Bewegung. Queer Nation begünstigte also die positive Umdeutung hin zu einem übergreifenden Ausdruck, der alle Menschen, unabhängig von ihrer Identität und Lebensweise einschließen soll. Diese Gruppe machte Queer weit über die Grenzen der USA bekannt.

Die Bedeutung von Queer heute

Dennoch entwickelte sich Queer nicht als „logisch-notwendige“ Fortführung der Homosexuellen-Bewegung, sondern als radikale Kritik gegen sie. Queer wuchs zu einer Sammelbewegung, in der sich alle zusammenfanden, die von der Gesellschaft zu Außenseiter*innen gemacht wurden. Gleichzeitig wird zum entschlossenen Widerstand gegen Konformismus aufgerufen und auf die Rehabilitierung aller von einem weißen, männerdominierten und mittelschichtsfixierten Heterosexismus verwobenen Lebensweisen hingearbeitet.

Die Basis eines queeren Verständnisses ist eine gesellschaftliche Wirklichkeit, in welcher Menschen nicht anerkannt, ausgegrenzt, diskriminiert, geschlagen, verfolgt, getötet werden, weil sie gesellschaftliche Normen nicht erfüllen können oder wollen. Daher sind Kämpfe gegen diskriminierenden Normen, die bis zum Tod führen können, Kernelemente queerer Positionen. Dies wird auch im Gespräch mit Menschen, die sich als Queer bezeichnen, deutlich: Sie fühlen sich von gesellschaftlichen Konventionen eingeengt und haben daher das Bedürfnis, ihre Situation durch verschiedene Strategien zu verbessern. Queer umfasst auch ein großes, heterogenes Spektrum mit mehreren Richtungen. Als Konsequenz scheint die „Unbestimmtheit und schwere Fassbarkeit“ des Begriffs Vor- und Nachteil zugleich zu sein, um Queer nicht seiner Offenheit zu berauben.

Queer möchte eine „Politik der Sichtbarmachung“ vollziehen und insbesondere heterosexuelle Normen sowie Zweigeschlechtlichkeit dekonstruieren und gleichzeitig ebenso an schwulen wie lesbischen Modellen der Identität Kritik üben.

Der Einzug von Queer in den akademischen Bereich

Neben queerem, politischem Aktivismus (Queer Politics) gibt es auf akademischer Ebene die Queer Theory. Denn auch auf universitärer Ebene blieben queere Kämpfe nicht unberücksichtigt. Die Queer Theory knüpft an die radikalen Forderungen der Queer Nation an, indem dieser Begriff als Sammelbezeichnung für Queer Politics oder als Denkrichtung (Queer Studies) verwendet wurde und wird. Der erste akademische Text, in welchem der Terminus „Queer“ vorkam, war jener von Teresa de Lauretis „Queer Theory; Lesbian and Gay Sexualities. An Introduction“ (1991). Darin schlug sie vor, mittels „Queer“ kategoriale und identitätspolitische Einschränkungen zu überschreiten. Zur gleichen Zeit wurde Judith Butlers Werk „Gender Trouble - Feminism and the Subversion of Identity“ (1990; dt. 1991) veröffentlicht, das mit der Kritik der angenommenen, universellen Kategorie „Frau“ eine radikale Kritik an der Frauenbewegung formulierte. Bei Queer verbindet sich ein begriffs-, identitäts- und heteronormativitätskritisches Politik- und Theorienverständnis.

Ziel von Queer: ein selbstbestimmtes Leben ohne Zwänge

Queer kann als Theorie und Praxis verstanden werden, die Ideen für gesellschaftliche Veränderung entwickelt. Queer fordert ein Selbstbestimmungsrecht eines jeden Menschen und beschreibt, dass (geschlechtliche) Merkmale vielfältig sind. Es ist notwendig, die größtmögliche Pluralität zu erreichen und Differenzen von Individuen zu achten. Menschen sollen sich frei und unverurteilt zwischen den Geschlechtern bewegen können. Queer leben heißt gleich-, ungleich- und meta-geschlechtlich lieben, hassen und streiten zu können und bedeutet jenseits von klassen-, rassistischen- und körperspezifischen Kategorien den grauen Alltag zu bewältigen.

Es wird von der Gesellschaft gefordert, dass tiefgreifende Änderungen der Struktur vorgenommen werden, indem schwule, lesbische, intersexuelle, bisexuelle, transsexuelle etc. Lebensentwürfe nicht nur toleriert, sondern auch akzeptiert werden. Jede*r kann bereits in seinem*ihren persönlichen Umfeld beginnen, Dinge zu verqueeren, also nicht bloß geschlechtliche Normen in Frage zu stellen. Es geht um die Anerkennung und Akzeptanz von Differenz und Anders-Sein in der Gesellschaft, ohne sich dafür schämen zu müssen, daher wird auch der Slogans „Anything goes“, selbstbewusst und radikal in die (politische) Praxis umgesetzt. Veränderung ist nicht unmöglich, sondern realistisch, wenn wir hier und jetzt damit beginnen. Denn Körper und Geschlecht werden in jeder Kultur, in jeder Gesellschaft politisch und kulturell mit Bedeutungen aufgeladen und sind daher niemals unabhängig von Geschichte, Kultur, Epoche und Gesellschaft. Beginnen wir im Hier und Jetzt mit dieser Veränderung!

 

Quellen und weiterführende Literatur

Degele, Nina (2008). Gender / Queer Studies. Eine Einführung. Fink: Paderborn.

Farlex, Inc. (2011). Queer. Zugriff am 29. August 2019. Unter: http://www.thefreedictionary.com/Queer

Jagose, Annemarie (2005). Queer Theory. Eine Einführung. Querverlag: Berlin. 2. Auflage.

Köppert, Katrin (2008). Queer leben? Queer labeln? (Wissenschafts-)kritische Kopfmassagen. In: mAnN*, LCavaliero / Huber, Jamie / Emerson, Juliette / Köppert, Karin / Coffey, Judith / Klarfeld, Roman / V. D. Eemde. Queer leben? Queer labeln? (wissenschafts-)kritische Kopfmassagen. (8-21). Förderungsgemeinschaft wissenschaftlicher Publikationen von Frauen e.V.: Freiburg.

Kroll, Renate (2002). Metzler Lexikon Gender Studies Geschlechterforschung. Ansätze – Personen – Grundbegriffe. Verlag J.B. Metzler: Stuttgart. Weimar.

Perko, Gudrun (2005). Queer-Theorien. Ethische, politische und logische Dimensionen plural-queeren Denkens. Papyrossa Verlag: Köln.

Spannbauer, Christa (1999). Das verqueere Begehren. Sind zwei Geschlechter genug? Diametric Verlag: Würzburg.

Villa, Paula-Irene (2007). Kritik der Identität, Kritik der Normalisierung – Positionen von Queer Theory. In: Hieber, Lutz / Villa, Paula, Irene. Images von Gewicht. Soziale Bewegungen, Queer Theory und Kunst in den USA. (165-190).  transcript Verlag: Bielefeld.

Voß, Heinz-Jürgen (2011). Geschlecht. Wider die Natürlichkeit. Schmetterling Verlag: Stuttgart.

Woltersdorff, Volker (2003). Queer Theory und Queer Politics. Zugriff am 5. August 2011. Unter: http://www.linksnet.de/de/artikel/18504.

 

[Foto: unsplash.com | Jordan McDonald]