„Es ist ein Unding, wie Frauen über ihren Körper im Dunkeln gelassen werden“

„Es ist ein Unding, wie Frauen über ihren Körper im Dunkeln gelassen werden“

Von Valentine Auer

 

Zyklus-, Fertilitäts- und Schwangerschafts-Apps boomen. Millionenfach vertrauen Frauen diesen Anwendungen intimste Details an. Dabei ist deren Verwendung oftmals problematisch: So werden die Daten für personalisierte Werbung aufgezeichnet, Körper normalisiert und Geschlechterklischees reproduziert. Gründe genug, um diese Apps aus einer feministischen Perspektive zu kritisieren sowie mitzugestalten und mit der Programmiererin Julia Friesel über eben diese Gestaltungsmöglichkeiten zu sprechen. Friesel ist Teil des Bloody Health Kollektivs und arbeitet gemeinsam mit Tina Baumann und Marie Kochsiek an der Open-Source Zyklus-Tracking-App drip.

Wie entstand bei euch die Idee, die App „drip“ zu entwickeln?

Wie so oft im Leben gab es keinen Moment mit einer flammenden Rede am Anfang. Es war vielmehr ein Zufall. Meine Kollegin Marie hat sich bereits in ihrem Soziologie-Studium mit dem Thema Period Tracking beschäftigt. In ihrer Masterarbeit schrieb sie darüber, wie Frauen mit solchen Tracking-Apps umgehen, welche Probleme es damit gibt und wie der Zyklus in diesen Apps dargestellt wird. Sie hatte Lust an einer Alternative zu arbeiten und auf Twitter gefragt, ob jemand mitmachen will und ich meldete mich darauf. Ich nutze selbst schon lange solche Apps und mich störten diverse Sachen daran. Daher hatte ich Lust darüber nachzudenken, was ich anders machen würde. Die dritte Kollegin, Tina, hat so eine App noch nie vorher benutzt, weil keine passend für sie war – vor allem aus datenschutzrechtlichen Gründen. Wir hatten also alle drei ganz verschiedene Gründe, um damit anzufangen.

 

Du meintest gerade, dass dich diverse Sachen gestört haben. Was war das zum Beispiel?

Ich verwende schon lang die symptothermale Methode[1] als Verhütungsmethode. Am Anfang habe ich das auf Papier aufgezeichnet und mir irgendwann gedacht, dass ich das lieber am Handy machen würde. Es gibt aber sehr wenige Apps, die mit dieser Methode arbeiten. Ich fand dann eine, die ich auch recht lange benutzte. Zu Beginn dachte ich gar nicht so kritisch darüber nach, aber mein Partner hat mich gefragt, ob ich weiß, was mit den Daten gemacht wird. Das wusste ich nicht, also habe ich die Allgemeinen Geschäftsbedingungen gelesen. Danach wusste ich aber immer noch nicht mehr, das war sehr intransparent. Bei Marie und Tina war es auch so, dass sie ziemlich schnell festgestellt haben, dass diese Datenlage problematisch ist. Marie war auch genervt von Designaspekten, die ich gar nicht so am Schirm hatte, weil ich jahrelang nur eine App nutzte. Als ich dann in den App Store schaute, waren hunderte rosa Blümchen- und Schmetterlings-Designs zu sehen. Manchmal sind auch sexy Frauen-Silhouetten abgebildet oder süße Tierchen. Für mich ist das so ein komischer Blick von außen, der mich fragen lässt, wer das mit welchem Hintergrund designt. Meiner Meinung nach hat das nichts in einer Health-Tracking-App verloren. Ich erwarte mir eine seriöse Ansprache. Es geht um meinen Körper, um meine Gesundheitsdaten, da möchte ich mich ernst genommen fühlen.

 

Denkst du, dass dieser von dir beschriebene „Blick von außen“ damit zusammenhängt, dass viel mehr Männer in der IT-Branche zu finden sind als Frauen?

Das ist eine Vermutung, ja. Ich habe keine empirischen Auswertungen zu den Entwicklungsteams dieser Apps. Aus meinen unterschiedlichen Jobs in der IT-Branche weiß ich aber, dass sehr viele Männer in der Branche arbeiten. Das heißt natürlich nicht, dass das Produkt schlecht sein muss, aber oftmals kommt Einfallslosigkeit dazu. Ich glaube, dass 90 Prozent der Apps reines Clickbait betreiben. Das heißt, es wird für Werbung genutzt, aber es gibt nur minimale Funktionalität. Da macht sich dann niemand wirklich Mühe.

 

In einem Artikel von deiner Kollegin Marie hieß es dazu auch, dass sich diese Angebote vor allem an der Kaufkraft ihrer Zielgruppen orientieren und weniger an den tatsächlichen Problemen der Gesundheitsversorgung oder -aufklärung.

Genau. Die Kaufkraft und das Anzeigen von personalisierter Werbung ist aber nur eine von vielen Möglichkeiten, wie mit den erhobenen und gespeicherten Daten umgegangen werden kann. In den USA ist es bereits so, dass große Firmen diese Apps ihren Mitarbeiter*innen anbieten, um ihre Fruchtbarkeit und Schwangerschaft zu tracken. Die Mitarbeiter*innen bekommen dafür einen Dollar pro Tag und die Unternehmen minimieren ihre Gesundheitsausgaben, weil beispielsweise Schwangerschaftskomplikationen vermieden werden können. Ich finde es so absurd, solche Details aus dem Intimleben oder zur Fruchtbarkeit preiszugeben. Das hätte ich mir auch nicht ausmalen können, dass es so weit kommt. Ich halte es für problematisch, nicht zu wissen, was für ein Potential noch in der Zukunft liegt und wie diese Daten in anderen politischen oder ökonomischen Umständen verwendet werden können. Manchmal ist die Zukunft ja auch schon hier, nur weiß man es oft nicht. Für diese Risiken muss Aufmerksamkeit und Bewusstsein geschaffen werden. Auch mir geht es oft so, dass ich mich an dieses steigende Level der Datenpreisgabe gewöhne.

 

Mit drip reagiert ihr auf diese Probleme und speichert dieDaten nur lokal am Gerät, ohne sie an einen Server zu übermitteln.

Ja, man möchte sich gegen solche Datensammel-Geschäftsmodelle wehren und etwas Besseres machen. Mir ist es aber auch wichtig, dass es nicht nur darum geht auf das was andere schlecht machen, zu reagieren. Wir haben jetzt die Möglichkeit, die Dinge so zu bauen, wie wir sie haben wollen und aktiv eigene Schwerpunkte zu setzen.

 

Das erinnert auch an die zweite Frauenbewegung, wo es sehr zentral war, sich aus einer feministischen Perspektive mit dem eigenen Körper zu beschäftigen. Mittlerweile scheint dieser emanzipierende Moment durch verschiedene Fitness- und Gesundheits-Apps und durch die statistische Vermessung des Körpers verloren gegangen zu sein. Hat die Arbeit an drip für dich auch etwas Emanzipierendes?

Das ist ein total interessanter Hinweis. Meine Motivation mit der symptothermalen Methode zu beginnen, war, dass mir hormonelle Verhütungsmethoden gar nicht taugten. Ich recherchierte daher zu Alternativen und fand die symptothermale Methode. Da gab es schon diesen Aha-Moment, bei dem ich mich gefragt habe, wieso man sowas nicht in der Schule lernt oder mir das auch sonst niemand gesagt hat. Ich finde das ein Unding, wie Frauen über ihren Körper im Dunkeln gelassen werden. Ich entdeckte dann so meinen Nerd in mir und merkte, dass es mir Spaß macht zu erfahren und zu lernen, wie der Zyklus und die Methode funktioniert. Damals konnte ich noch gar nicht programmieren, aber zurückblickend liegt das für mich auf einer Linie: Herausfinden, wie etwas funktioniert, es selber zu machen, eine eigene Lösung finden. Daher ist es auf jeden Fall emanzipierend für mich eine App zu bauen, wo gleichzeitig die symptothermale Verhütungsmethode verwendet wird.

 

Aber ist man mit so einer App nicht erst recht wieder abhängig von bestimmten Algorithmen?

Ja, das ist sehr zweischneidig. Daher versuchen wir auch unsere Algorithmen transparent zu machen und die Nutzer*innen dazu zu animieren, selbst mitzudenken. Diese Apps vermitteln oft den Eindruck, dass man sie brauchen würde. Aber der Körper ist keine Black Box, die nur durch einen tollen Algorithmus verstehbar wird. Trotzdem suggerieren diese Angebote, dass irgendwelche Algorithmen tolle Ergebnisse für den schwierigen schwierigen Körper bringen würde. Das finde ich problematisch.

 

Da sind wir auch beim Thema, was überhaupt ein schwieriger Körper ist. Denkst du, dass solche Apps Körper sowie Gesundheit noch stärker normieren als es bereits der Fall ist? 

Das kann man nicht so pauschal sagen, aber bei jenen Apps, die schlecht gemacht sind, ist das auf jeden Fall so. Da kommt es schon vor, dass von bestimmten Normen und Werten ausgegangen wird und Frauen, deren Zyklusverhalten irgendwie hervorsticht, gar nicht mitgedacht werden. Schwierig finde ich auch Apps, die Sex- oder allgemein Gesundheitstipps geben. Da ist der Tonfall manchmal problematisch – wenn zum Beispiel ein Tipp gegeben wird, wie man fehlende Lust auf Sex beheben kann. Leute, für die keine Lust auf Sex ok ist, wird suggeriert, dass etwas falsch mit ihnen ist. Gleichzeitig zeigen viele Angebote auch auf, dass Körper verschieden sein können. Wir versuchen auch, dass wir Menschen mit unterschiedlichen Lebensumständen, Geschlechtsidentitäten, Körperlichkeiten, Herkünften und aus verschiedenen sozioökonomischen Umständen mitdenken. Aber das ist nur teilweise möglich, wenn wir die Leute nicht direkt miteinbeziehen und dafür fehlen uns Zugang und Ressourcen. Neben der Normierung von Körper geht es aber auch darum, wie bestimmte Prozesse benannt werden: Man kann ja mehrere Körpersymptome tracken lassen und wir überlegten da sehr lange, welche Icons wir für die verschiedenen Symptome benutzen wollen. Daher haben wir uns angeschaut, wie das andere machen und da finden sich dann Blümchen als Symbol für Sex oder verschämte Formulierungen. Das heißt, es findet auch eine Normierung von Sexualität statt. Ich finde es so wichtig, klare Worte zu finden, Frauen auch sprachlich Mittel in die Hand zu geben und Dinge so zu benennen, wie sie sind.

 

Weitere Informationen

drip steht derzeit als Beta-Version zur Verfügung. Diese kann auf gitlab (https://bloodyhealth.gitlab.io/) oder im Google Play Store heruntergeladen werden. 

[1] Bei der symptothermalen Methode werden die Körpertemperatur und die Zykluslänge gemessen sowie die Schleimbildung im Gebärmutterhals überprüft. Mit diesen Angaben können die fruchtbaren Tage bestimmt werden. Doch nur wenige der Verhütungs- oder Schwangerschafts-Apps verwenden diese Methode. Dass dies problematisch ist, zeigt ein Test der Stiftung Warentest aus dem Jahr 2017. Nur drei von 23 untersuchten Apps wurden als „gut“ bewertet – die einzigen drei, die mit der symptothermale Methode arbeiten. 18 Apps wurden als „mangelhaft“ bewertet, vor allem auf Grund der Ungenauigkeit in puncto Zyklus-Voraussagen. https://www.test.de/Zyklus-Apps-im-Test-5254377-0/

 

[Zeichnung: Bloody Health Kollektiv, Copyright: Anna Niedhart von Rainbow Unicorn]

[Foto: Julia Friesel, Copyright: Jan Bölsche]