Einmal Migrant*in, immer Migrant*in?

Einmal Migrant*in, immer Migrant*in?

Von Lotte Blumenberg

In Ihrem Buch „Ich bin von hier. Hört auf zu fragen!“ holt die Autorin Ferda Ataman mit Humor zum Rundumschlag gegen das aktuelle deutsche Verständnis von Migration und Integration aus und macht fünf Vorschläge, wie es weitergehen kann.

Am Anfang steht ein Name. Nicht Miriam, Lotta oder Gaby, sondern eben Ferda. Allein dieser Name führt für die Autorin in Deutschland zu einem lebenslangen Hinterfragen ihrer Identität durch Andere. Immer wieder muss sie fremden Menschen erklären, wo sie herkommt. Nein, wo sie wirklich herkommt. Dieser Umstand, unter dem viele Menschen leiden, die keinen vermeintlich deutschen Namen tragen, dient der Autorin als Einstieg ins Thema. „Ausbürgerung durch Fragen“ nennt sie es und meint damit die automatische Annahme vieler Deutscher ohne Migrationshintergrund, dass eine Person mit dem Namen Ferda Ataman nicht wirklich aus Deutschland sein könne. Auch das Thema Aussehen greift die Autorin auf und stellt fest, dass viele immer noch denken sie könnten „Ausländer“ anhand ihres Aussehens von „Deutschen“ unterscheiden. Die Vorstellung, dass alle Menschen aus der Türkei dunkle Haare und dunkle Haut haben, sei ebenso falsch wie die Idee, dass blond und blauäugig typisch deutsches Aussehen ist. „Falsch deswegen, weil die meisten Einheimischen von Natur aus keineswegs so aussehen. Der Führer zum Beispiel: nicht sonderlich groß, dunkel behaart und mit Schnauzer glich Adolf Hitler eher dem Stereotyp eines Anatoliers als einem Arier. Gut, er war kein Deutscher (sondern Österreicher), aber der vermeintliche Anatolier-Look fand sich auch bei anderem in seinem Kabinett“.

Im ersten Teil des Buches räumt Ataman mit „Fünf Missververständnisse[n] im Einwanderungsland“ auf. Neben der Legende der blauäugigen, blonden Deutschen zähle zu den Missverständnissen auch die ewige Forderung nach Integration. Die Autorin stellt fest, dass Integration kein abzuschließender Prozess ist, sondern vielmehr eine ewige Bringschuld, „die sogar vererbt wird“. Als Paradebeispiel führt sie die Geschichte des deutschen Fußballprofis Mesut Özil an. Özil spielte für die deutsche Herrennationalmannschaft und wurde nach dem frühen Ausscheiden bei der Weltmeisterschaft 2018 von verschiedenen Seiten als Sündenbock ausgemacht. Auslöser der Kritik an ihm war ein Bild, welches er kurz vor der Weltmeisterschaft mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan aufgenommen hatte. Özil trat aus der Nationalmannschaft zurück und stellte fest: „Wenn wir gewinnen, bin ich Deutscher – wenn wir verlieren, bin ich Migrant“. Die wichtigste Lektion aus diesem Vorfall fasst Ataman so zusammen: „Deutsch wird man nicht. Man ist es“. Das Leben in Deutschland sei für die Mihigrus („liebevolle“ Bezeichnung von Ferda Ataman für Personen mit Migrationshintergrund) „eine ständige Bewerbung aufs Deutschsein – ohne Aussicht auf Erfolg“.

In weiteren Kapiteln setzt sich Ataman kritisch mit der Vorstellung auseinander, dass Migration etwas Neues sei oder die Einwanderung im Jahr 2015 ein „Ausnahmezustand“ gewesen sei, den es zu beheben gilt. Sie sieht besonders die Politik in der Verantwortung die Hysterie aus der Debatte zu nehmen und stattdessen mit Gelassenheit auch positive Seiten von Migration wahrzunehmen und zu betonen. Anhand von Statistiken und historischen Beispielen zeigt sie die Normalität und Notwendigkeit von Migration auf und macht deutlich, dass eine „Steuerung“ von Migration ohnehin kaum möglich ist. Das eigentliche Problem sieht Ataman in der Bedrohung der Demokratie durch Rechtsradikale.

Im zweiten Teil des Buches macht sie „Fünf Vorschläge wie es weitergehen kann“ und plädiert unter anderem für ein umfassenderes Verständnis von Integration (alle müssen sich in die Gesellschaft integrieren, nicht nur Mihigrus), einen anderen Umgang mit dem Thema Rassismus und für mehr Sichtbarkeit von Mihigrus in der Gesellschaft, also beispielsweise in Parlamenten, Behörden, Redaktionen und vielen weiteren Institutionen. „Eine offene Gesellschaft braucht ein „Wir“ ohne völkischen Ballast. Das bedeutet aber intensive Arbeit an unserem Selbstverständnis, vor allem für die Politik“.

Ferda Ataman bietet keine noch nie gehörten Vorschläge, fasst aber die Kritik an der Migrations- und Integrationsdebatte in Deutschland gut zusammen und liefert einige Denkanstöße und auch schlagfertige Argumente für die nächste Diskussion mit Familie, Freund*innen und Arbeitskolleg*innen. Das Buch problematisiert das gängige, unzeitgemäße Verständnis von Migration und Integration in Deutschland und zeigt auf, welche Schritte notwendig wären, um dieses Verständnis den gesellschaftlichen Realitäten anzupassen und alle Menschen gleichwertig einzubeziehen.

 

Ferda Ataman: Ich bin von hier. Hört auf zu fragen! S. Fischer Verlag. 208 Seiten. 2019
 

[Cover: S. Fischer Verlag]