Die Politik der Trans Studies

Die Politik der Trans Studies

Von Hanna Weichselbaum

Persson Perry Baumgartinger veröffentlichte 2017 sein Buch „Trans Studies. Historische, begriffliche und aktivistische Aspekte“ im Wiener Verlag Zaglossus. Darin beschreibt er die Entstehung dieser Forschungsrichtung, erklärt Begriffe rund um das Thema Trans und widmet sich den Forschungsthemen der Trans Studies in Österreich. Im Interview spricht der Autor über Hürden der Trans Studies an den Universitäten, die Bedeutung der Sprache und politische Entwicklungen.

Im Text wird die Bezeichnung Trans verwendet, wenn es sich um Themengebiete rund um Transgender handelt.

 

Womit befassen sich Trans Studies?

Trans Studies sind Teil eines politischen Projekts. Sie sind aus der Trans-Bewegung entstanden, in der es notwendig war, sich gegen eine massiv pathologisierende und menschenrechtsverletzende medizinische und biologische Wissenschaft, aber auch gegen staatliche Praktiken und feministische Anfeindungen zu wehren. Trans Studies bedeuten Empowerment. Trans Studies versuchen auch zu vermitteln, dass Dinge nicht nur aus einem Blickwinkel betrachtet werden können, sondern dass es immer mehrere Verwobenheiten von unterschiedlichen Diskriminierungs- und Privilegierungsstrukturen gibt. Es geht also auch um Intersektionalität. Trans Studies sind eine eigene Forschungsrichtung, aber keine Wissenschaftsdisziplin. Dabei ist es wichtig, dass sich die Trans Studies, wenn sie als Teil eines politischen Projekts in die Universitäten gehen, nicht von ihren Ursprüngen, dem Aktivismus, abheben. Ein aktivistischer und erfahrungsbezogener Ansatz hat es in Universitäten oft nicht leicht und deswegen versuche ich diese Verbindung zu betonen.

Wie kann so eine Verbindung zwischen Aktivismus und universitärer Forschung aussehen?

Wir können uns bisherige Forschungsrichtungen anschauen, zum Beispiel die Gender Studies und von ihnen lernen. Ich glaube, dass die Gender Studies, als sie anfingen sich zu institutionalisieren, ziemlich viel an der aktivistischen Kraft der feministischen oder Frauenbewegung verloren haben. Du musst dich immer anpassen, wenn du in ein so altes und machtvolles System wie in die Universität willst. Eine Möglichkeit ist, die Alltagssprache als Theoriegenerierung anzuerkennen und sogenannte „graue Literatur“ miteinzubeziehen. Damit meine ich Schriftstücke, die nicht in einem etablierten Verlagshaus veröffentlicht wurden, zum Beispiel Broschüren über Trans-Themen, Webseiten, Vlogs oder Hashtags.

Auf welche Widerstände stößt du mit Trans Studies an der Universität?

Ich versuche seit über zehn Jahren die Trans Studies an die Unis zu bringen. Die Gender Studies zum Beispiel zeigten bisher wenig Interesse und eher Abwehr: „Unsere Studierenden sind noch nicht soweit.“ „Transsexuelle kommen eh schon in einer Queer Studies Lehrveranstaltung vor.“ Solche Sachen habe ich mir bisher anhören müssen. Das war auch ein Grund dieses Buch zu schreiben – als Streitschrift. Ich habe aber auch von Einzelpersonen Unterstützungen erfahren, die Strukturen hat dies leider (noch) nicht verändert.

Was ist der Grund für diese Abwehr?

Für mich liegt das daran, dass die Gender Studies in Österreich auf einem essentialistischen Feminismus basieren, der oft nur von privilegierten Frauen ausgeht und zum Beispiel trans Personen und Theorien selten anerkennt. Dabei haben die Trans Studies grundlegend zur feministischen Forschung und zu den Gender Studies beigetragen, genauso wie die intersektionale Forschung und die Inter Studies. Es gab und gibt natürlich einzelne Leute, die kritische Ansätze erarbeiten, die Frage ist, wie viel Raum ihnen an den Universitäten gegeben wird. Derzeit erlebe ich, dass der universitäre Feminismus und die Gender Studies konservativer werden mit dem Rechtsrutsch.

Ist das der Glaube daran, dass man auch ein Stück nach rechts rücken muss, um die Leute nicht zu verlieren?

Ehrlich gesagt, glaube ich, dass der Feminismus, der sich durchgesetzt hat an den österreichischen Universitäten, schon von Anfang an konservativer war. Aber das müsste man sich genauer anschauen. Letztes Jahr auf der Pride (Anm. „Regenbogenparade“) in Großbritannien hat sich zum Beispiel die Gruppe „Get the L Out“ mit ihren Transparenten einfach der Parade vorangestellt. Die hatten klare Anti-trans-Transparente, die unter anderem trans Frauen als Vergewaltiger bezeichneten. Das sind Vorwürfe aus den Siebzigerjahren und das sind Vorwürfe, die unter anderem dazu beitrugen, dass Trans Studies als Gegenwehr entstanden sind. Wenn du Gender Studies lernst, lernst du hauptsächlich Männer – Frauen / Frauen – Männer. Trans und manchmal Inter werden nur als Beweis-Beispiele gebraucht. Darüber hinaus findet nicht viel statt, außer wenn sich eine einzelne Person engagiert.

Die Trans Studies trugen dazu bei, dass die Vorstellung der Binarität der Geschlechter aufgebrochen wurde. Wie kann ich damit umgehen, ohne zu vergessen, dass Frauen aber diskriminiert werden?

Das eine schließt das andere nicht aus. In meinen Analysen schaue ich mir ein System an, das es manchen Menschen und Lebensweisen leichter macht und anderen schwerer. Ich schaue mir an, wo Ein- und Ausschlüsse stattfinden. Wenn du Frauen sagst, dann haben wir meist ein Bild von einer weißen, christlichen Mittelschichtsfrau, die vielleicht eine bestimmte formale Ausbildung hat, eine bestimmte Staatsbürgerschaft, einen bestimmten Gesundheitszustand, der als richtig angesehen wird. Frauen werden aber unterschiedlich diskriminiert. Das versuchen die Trans Studies zu zeigen. Es gibt keine starren Identitäten. Trans versteht sich auch im Sinne von transformieren, also Geschlecht als Prozess wahrzunehmen. Wir sind permanent in Transformation, sowohl auf unserer individuellen Ebene als auch auf einer gesellschaftlichen. Das sieht man gerade sehr gut. Dieser politische Wandel geht unglaublich rasant. Ständig in Transformation zu sein, bedeutet auch, dass wir mitmachen und mitverändern können.

Du hast Angewandte Sprachwissenschaft studiert. Welche Rolle spielt die Sprache in den Trans Studies?

Sprache hilft dabei sich zu ermächtigen. In meinem Umfeld gab und gibt es ganz viele tolle, kreative, künstlerische Begriffe. Diese Vielfalt und Kreativität, diese Selbstbestimmung kommt in Lexika überhaupt nicht vor. Deswegen habe ich selbst ein Lexikon gemacht (Anm. das Projekt „Queeropedia“). Es gab auch einen langen Kampf, , nicht als transsexuell, nicht als krank bezeichnet zu werden, nicht pathologisiert zu werden. Das hat ganz viel mit Sprache zu tun, sowohl im Sprachgebrauch als auch in Schriftstücken.

Warum nicht transsexuell?

„Transsexualität“ und „Transsexualismus“ sind medizinische Begriffe. Es gibt trans Leute, die das als Selbstbezeichnung verwenden. Es geht nicht darum, dass sie das nicht machen sollen. Selbstbestimmung ist wichtig. Aber in der Medizin wurden Menschen, die nicht als normal wahrgenommen wurden, unter anderem als transsexuell bezeichnet, während sie misshandelt wurden. Dabei gibt es so viele kreative Selbstbezeichnungen!

Hast du das Gefühl, dass sich die Verwendung von Sprache in der breiten Öffentlichkeit ändert, also zum Beispiel bezüglich des Genderns? Wird das besser?

Ich finde schon. Das Binnen-I zum Beispiel hat sich sehr schnell durchgesetzt. Ähnliches erlebe ich auch mit dem Stern, der boomt gerade. Eigentlich ist der Stern entstanden, um Geschlechtermarkierungen aus der Sprache rauszuhalten, indem man bei allem, das Geschlecht markiert, stattdessen einen Stern macht: also „d*“ statt „der“ oder „die“. Jetzt ist der Stern quasi wie das Binnen-I. Es setzt sich das durch, das am Ehesten noch der Norm entspricht. Dass der Stern boomt, hängt damit zusammen, dass Menschen viel mehr über Trans-Themen wissen als früher. Es ist ein weniger pathologisierendes Wissen als früher. Es hat aber auch damit zu tun, dass jetzt die Inter*-Bewegung stärker geworden ist. In Deutschland und Österreich hat sie einen dritten Eintrag ins Personenstandsregister erkämpft. Da es bei Trans und Inter um Geschlechtervielfalt geht, hat das auch Auswirkungen auf die gesellschaftliche Sicht zu Trans. Der Aktivismus ist grundlegend für ein Weiterkommen in der Gesellschaft.

Was wünschst du dir für die Zukunft der Trans Studies?

Zurzeit ist für die Trans Studies wirklich wichtig, dass sie sich nicht korrumpieren lassen, wenn sie in die akademische Welt reinkommen. Da muss man sich ständig reflektieren, kritische Stimmen zulassen und bestimmte Strategien fahren: Leute angemessen bezahlen, partizipativ arbeiten oder eben „graue Literatur“ zitieren, aber auch schauen, dass die Rechtsabteilungen den trans, inter* und nichtbinären Leuten zu ihren Rechten verhelfen. Es gibt viele strukturelle Hürden, an denen noch gearbeitet werden muss. Das müssen auch Menschen in der akademischen Welt machen und nicht nur Aktivist*innen, die meist irgendwann ausgebrannt sind, weil sie gegen so viel ankämpfen müssen. Dafür braucht es also Verbündete, die dann sagen: „Das ist mir jetzt wichtig, mach du dein Ding, ich schau mal, dass die Universität mehr als zwei Geschlechter akzeptiert.“ Man hat Widerstand auf allen möglichen Ebenen. Aber ich glaube, dass sich bereits etwas ändert. Allerdings ist es jetzt auf der Kippe, wir wissen nicht, wo die Politik hingeht. Es gibt Leute, die sagen, das ist der letzte Aufschrei des konservativen, nationalistischen Rückschritts. Ich glaube, das Wichtigste ist, nicht aufzuhören zu kämpfen. Wenn der Rechtsruck weitergeht, wird es vielen Leuten schlechter gehen, zuerst den sogenannten Minderheiten, später dann dem Großteil der sogenannten Mehrheit. Man muss dranbleiben und schauen, dass man die Normalität, die gerade politisch erschaffen werden soll, nicht zur Normalität werden lässt.

 

Zur Person: Persson Perry Baumgartinger ist Wissenschafter, Lektor, Trainer und Coach. Er studierte Angewandte Sprachwissenschaft mit einer Fächerkombination in den Bereichen Geschlechterforschung, Slawistik und Anthropologie an der Universität Wien. Seine Arbeitsschwerpunkte sind: Kritische Diskursanalyse, Queer Linguistics, Transgender Studies, Kritisches Diversity und Social Justice.

 

Weitere Informationen:

Persson Perry Baumgartinger: Trans Studies. Historische, begriffliche und aktivistische Aspekte. zaglossus. 321 Seiten, 2017.

Im Juli 2019 erscheint Baumgartingers Dissertation zur staatlichen Regulierung von Trans als Buch: https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-4854-6/die-staatliche-regulierung-von-trans/

Link zur Queeropedia: https://www.academia.edu/5900438/queeropedia_print_3._vollständig_neue_Auflage

 

[Fotos: Rally for Trans Rights, Washington, DC (Ted Eytan, Flickr) | Buchcover (zaglossus) | Persson Perry Baumgartinger]