Antimuslimischer Rassismus: Wenn auf Worte, Taten folgen

Antimuslimischer Rassismus: Wenn auf Worte, Taten folgen

Von Valentine Auer

 

Eine Frau mit Kopftuch wird im öffentlichen Raum beschimpft, sie solle Österreich verlassen, sie habe hier nichts verloren – und das obwohl sie Wienerin ist. Sie wird verbal attackiert und am Ende angespuckt. Dass diese Art von Rassismus kein Einzelfall ist, zeigt der zum vierten Mal erscheinende Antimuslimischer Antirassismus Report, der am  2. April 2019 von der „Dokustelle Islamfeindlichkeit & antimuslimischer Rassismus“ präsentiert wurde.

540 antimuslimische Fälle

In diesem Report wurden für das Berichtsjahr 2018 540 Fälle dokumentiert. Das entspricht einem Plus von 74 Prozent gegenüber 2017. Laut Rumeysa Dür-Kwieder von der Dokustelle hänge dieser starke Anstieg vor allem mit dem erhöhten Bekanntheitsgrad der Stelle sowie mit der Zusammenarbeit mit der Organisation für Zivilcourage und Anti-Rassismus-Arbeit ZARA zusammen.

 

 

 

53 Prozent der Fälle fanden dabei im Internet statt und 31 Prozent im öffentlichen Raum. „Insgesamt spielen sich 84 Prozent der antimuslimischen Fälle in öffentlichen Räumen ab. Die Täter*innen bleiben in diesen Räumen unbekannt. Die Hemmschwelle sinkt und sie müssen ihr Verhalten nicht verantworten“, so Dür-Kwieder weiter.

 

 

 

Auch wenn nach wie vor 83 Prozent aller Fälle Frauen, insbesondere sichtbare Muslima, zu den Opfern zählen, wurde heuer eine starke Zunahme männlicher Betroffener verzeichnet. Anders als Frauen, wurden Männer häufiger Opfer rassistischer Polizeikontrollen.

Verfestigung von Narrativen

Diese Zahlen sind eingebettet in politische Diskurse, sind sich Dür-Kwieder sowie Elif Adam, ebenfalls von der Dokustelle, sicher. Eine Analyse der politischen Reden im Nationalrat und im Wiener Gemeinderat zeige, wie bestimmte Wörter und Narrative eingesetzt werden, um eine toxische Stimmung zu erzeugen, Hass gegenüber Muslim*a und Flüchtlinge zu schüren und dementsprechende politische Entscheidungen vor der Bevölkerung zu legitimieren.

Zu den häufigsten Narrativen zählt dabei die Vermengung von Islamismus und Islam. „Es ist bedenklich, wenn man den Unterschied zwischen einer extremistischen Ideologie und einer Religionszugehörigkeit vermischt“, kommentiert Elif Adam. Oder die Konstruktion einer Dichotomie, die auf der einen Seite Muslim*a als Andere markiert und auf der anderen Seite die Bevölkerung als schützenswert bezeichnet.

Wenig überraschend steht auch das Kopftuch im Mittelpunkt antimuslimischer Narrative: Es wird als Beispiel genannt, wieso Integration und Islam ein Widerspruch darstelle. Debatten rund um das Kopftuch zeigen wie Muslima Selbstbestimmung und Individualität abgesprochen wird, wie kopftuchtragende Frauen als fremdbestimmt konstruiert werden. Dass gleichzeitig in medialen und öffentlichen Diskursen selten Betroffene zu Wort kommen ist für Elif Adam höchstproblematisch: „Wir beobachten, dass nicht Betroffene, sondern oft Dritte erklären, was das Kopftuch individuell für eine Frau bedeuten kann. Das ist oft pauschalisierend und sehr kontraproduktiv: Wenn andere Leute in der Öffentlichkeit den Bedeutungsinhalt von Frauen mit Kopftuch bestimmen können, führt das dazu, dass diese tatsächlich angegriffen werden“.

Einen Zusammenhang zwischen dem politischen Framing und tatsächlicher Taten zeigt auch ein Blick auf die einzelnen Berichtsmonate. So zeigen sich drei Spitzen bezüglich der dokumentierten Fälle: Und zwar im Jänner, März und November. Spannend ist dabei vor allem der November. Ein Monat, in dem das FPÖ-Werbevideo über den E-Card Missbrauch veröffentlicht wurde und der Antrag für das Kopftuchverbot an Volksschulen gestellt wurde. Themen, die in der breiten Öffentlichkeit für eine angespannte Stimmung sorgten, heißt es im Antimuslimischen Rassismus Report. Immer wieder sei eine signifikante Steigerung der gemeldeten Fälle bemerkbar, wenn zeitglich polititische Kampagnen und Debatten negative Assoziationen zu Muslim*a wecken.

Empfehlungen an Politik, Polizei, NGOs und Medien

Um Antirassismusarbeit zu stärken, formuliert die Dokustelle Maßnahmen auf verschiedenen Ebenen. Eine Auswahl:

- An die Politik: Regierungsmitglieder werden aufgefordert eine klare Grundhaltung gegen Rassismus und Diskriminierung in ihren Aussagen und Taten zu zeigen. Rassistische Hetze von politischen Funktionär*innen sollen zudem als verfassungswidrig erachtet werden.

- An die Polizei: Mehr Maßnahmen zur Sensibilisierung von Beamt*innen, damit diese rassistisch motivierte Delikte erkennen. Zudem soll nach Vorbild Großbritanniens ein Dokumentationsformular eingeführt werden, das die vermutete Motivation des Täters erfasst und von den Betroffenen ausgefüllt wird.  

- An NGOs und staatliche Institutionen: Bewusstseinsbildende Kampagnen und Veranstaltungen sowie bereits existierende Institutionen sollen stärker unterstützt und ausgeweitet werden. Gleichzeitig wird ein konstruktiver und gleichwertiger Dialog zwischen zivilgesellschaftlichen Organisationen und staatlichen Institutionen, gefordert. 

- An die Medien: Medienvertreter*innen müssen bewusster und differenzierter mit Begrifflichkeiten umgehen.

 

Weitere Informationen:

Die Dokustelle Islamfeindlichkeit und antimuslimischer Rassismus dokumentiert antimuslimischen Rassismus und berät die Betroffenen. Hier können die Fälle gemeldet werden.

 

[Foto: Murtaza Elham Photography | Dokustelle Österreich]