„... sich bei jedem Kollegen aufs Neue outen zu müssen“

„... sich bei jedem Kollegen aufs Neue outen zu müssen“

Von Valentine Auer

In den vergangenen Jahren entwickelten einige EU-Länder nationale Aktionspläne, um die Sicherheit und Gleichberechtigung von LGBTIQ*-Personen zu verbessern. Auch rechtliche Änderungen und Maßnahmen wurden EU-weit umgesetzt. Dazu zählen zum Beispiel die Besserstellung von Regenbogenfamilien, vereinfachte Verfahren für selbstbestimmte Geschlechtsumwandlungen, das Ende der operativen Eingriffe bei intersexuellen Kindern oder eben das Verbieten von Diskriminierungen in unterschiedlichen Bereichen aufgrund der sexuellen oder geschlechtlichen Identität. Das zeigt der „Fundamental Rights Report“ 2019 der Europäischen Grundrechte-Agentur.

„Die EU-Mitgliedstaaten werden aufgefordert, weiterhin spezielle Maßnahmen anzunehmen und umzusetzen, die sicherstellen, dass lesbische, schwule, bisexuelle, trans- und intersexuelle Personen (LGBTI) ihre Grundrechte, die ihnen nach EU-Recht und nationalem Recht zustehen, in vollem Umfang in Anspruch nehmen können“, heißt es in diesem Bericht. Denn Studien und Erhebungen aus unterschiedlichen Ländern zeigen auch, dass Diskriminierungen und Ungleichbehandlungen nach wie vor Alltag für LGBTIQ*-Personen sind. Unter anderem auch im Lohnarbeits-Bereich, wie die im Auftrag der AK Wien und von SORA durchgeführte Erhebung „Arbeitssituation von LSBTI-Personen in Österreich“ zeigt.

Von Beleidigungen bis zum Mobbing

„Teilweise (auch heftiges) Mobbing – inklusive komplett erfundener Lügen, um mich zu diskreditieren, verbale direkte Attacken und Diskriminierung, demonstratives Ignorieren“. „LSBTI-Personen dürfen in unserem Unternehmen nur ‚unter der Hand‘ arbeiten. Es ist klar, dass es keine leitendenden Positionen für geoutete Personen gibt. Es hat sich noch kein*e Kolleg*in verpartnert, weil jede*r fürchtet, nicht länger tätig sein zu dürfen“. „Allgemein herrscht ein Tabu bezüglich Sexualität, wenn sie nicht heterosexuell ist. Über Ehepartner*innen, Hausbau und Kinder wird gesprochen, solange die Sache heterosexuell bleibt“.

Das sind nur einige von vielen Schilderungen der Befragten, die eine Ungleichbehandlung gegenüber LGBTIQ*-Personen in ihrem Unternehmen wahrnehmen. Die Bandbreite der Ungleichbehandlungen und Diskriminierungen reicht dabei von arbeitsbezogener Diskriminierung wie unsachgemäße Kritik an der Arbeit oder dem Vorenthalten von Informationen über soziale Diskriminierung, also dem Tuscheln, dem Verbreiten von Gerüchten, dem Äußern von Beschimpfungen oder Beleidigungen bis hin zum Mobbing, das auch Sachbeschädigungen, sexuelle Belästigung oder körperliche Gewalt beinhalten kann.

Die Studie der AK Wien zeigt, dass rund 60 Prozent der befragten LBTQI*-Personen von sozialen Diskriminierungen betroffen sind. Doch auch arbeitsbezogene Diskriminierung und sogar Mobbing kommen viel zu oft vor. Vor allem Trans*Personen sind dabei von vielfachen Diskriminierungen betroffen: Ganze 65 Prozent erlebten bereits soziale Diskriminierung in ihrem Unternehmen, fast die Hälfte wurde in Bezug auf ihre Arbeit diskriminiert und 24 Prozent leide(te)n unter Mobbing. Ein ähnliches Bild zeigt sich auch unter jenen Befragten mit keiner eindeutigen sexuellen Orientierung und/oder Geschlechteridentität: 66 Prozent von ihnen sind von sozialer Diskriminierung, 42 Prozent von arbeitsbezogener Diskriminierung und 31 Prozent von Mobbing betroffen.

 

 

 

 

Eine weitere Studie der AK Wien, die im März 2019 veröffentlicht wurde („Diskriminierungserfahrungen in Österreich“), zeigt zudem die Mehrdimensionalität von Diskriminierungserfahrungen. So vermuteten 20 Prozent jener Personen, die schwul, lesbisch oder bisexuell sind, dass sie auch aufgrund ihres Geschlechtes diskriminiert wurden. Neun Prozent gingen davon aus, dass ihre Religion oder Weltanschauung ein weiterer Diskriminierungsfaktor ist.

Permanentes Outing

„... sich bei jedem Kollegen aufs Neue outen zu müssen“, so benennt einer der Befragten die ständige Belastung am Arbeitsplatz. Laut den Studienautor*innen der Erhebung aus dem Jahr 2018 sind „Heteronormativität und Heterosexismus nach wie vor Realität, die Herstellung dieser Norm erfolgt über Alltagspraktiken“. Dazu zählen zum Beispiel Erzählungen von den heterosexuellen Partner*innen, von den Kindern oder Einladungen zu Familienfeiern. Für LGBTIQ*-Personen stellt sich dadurch permanent die Frage, ob sie ihre sexuelle Orientierung oder ihre Geschlechtsidentität benennen oder verheimlichen solle.

Die Erhebung ergab, dass 59 Prozent der Befragten ihre sexuelle Orientierung und/oder ihre Geschlechtsidentität am Arbeitsplatz nicht bewusst anspricht, auf Nachfrage jedoch ehrlich darüber redet. 23 Prozent sprechen bewusst über das Thema und jeweils neun Prozent lassen ihre Arbeitskolleg*innen und Vorgesetzten in einem falschen Glauben bzw. verheimlichen ihre sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität.

 

 

„... geht nur mich etwas an“, 45 Prozent nannten dies als einen Grund, um sich nicht zu outen. Gleich danach folgen die Befürchtung, dass das Outing Tratsch und Beleidigungen nach sich ziehe (45 Prozent) sowie die Angst dadurch aufzufallen (34 Prozent). 30 Prozent möchten die gute Beziehung zu den Kolleg*innen nicht gefährden und 28 Prozent befürchten Nachteile bei Aufstiegsmöglichkeiten.

 

 

Klare Statements und Leitbilder

„Größtes Problem sind die Stigmatisierung und Definition als eigene Gruppe, die sozial abgewertet werden kann. Geschäftsführung muss offiziell hinter der Gleichstellung stehen und muss diese auch aktiv kommunizieren“. „Schulungen der Vorgesetzten und Mitarbeiter rund um das Thema Diversity und LSBTI sowie klare Anti-Diskriminierungsrichtlinien in den Unternehmen würden meiner Meinung nach helfen“. „LGBTIQ-Themen in den Medien, Ausdehnung der gegenderten Sprache auf firmeninterne Unterlagen. Aufnahme der Antidiskriminierung in Dienstverträge. Nach außen tragen von Diskriminierungen in den Betrieben. Bewusstseinsarbeit über Heterosexismus“.

So lauten mögliche Verbesserungsvorschläge und Maßnahmen gegen Diskriminierungen am Arbeitsplatz, die von den Befragten genannt wurden. Insgesamt scheinen sich die LGBTIQ*-Beschäftigten einig zu sein: Es braucht eine klare Positionierung gegen Diskriminierung vonseiten der Führungsebene, konkrete Richtlinien für den Umgang mit LGBTIQ*-Themen und -Personen im Betrieb, sowie themenspezifische Weiterbildungen für Führungskräfte und Diversity-Trainings. Als am wenigsten hilfreich erachten die Befragten symbolische Maßnahmen wie Regenbogenfahnen, Poster oder ähnliches erachtet – aber immerhin wurde diese Maßnahme von knapp der Hälfte hilfreich oder ziemlich hilfreich eingestuft. Hier gehe es – so die Befragten – vor allem darum, LGBTIQ*-Personen sichtbar zu machen, nicht nur auf betrieblicher, sondern auf gesamtgesellschaftlicher.

 

Weitere Informationen:

Die Onlinebefragung zur „Arbeitssituation von LSBTI-Personen in Österreich“ stand interessierten Personen vom 13. Februar bis 7. Juni 2017 offen. Der Stichprobenumfang belief sich auf 1.286 Personen. Da es sich bei der Befragung um keine echte Zufallsstichprobe handelt, kann keine Repräsentativität gewährleistet werden.

Um Übersichtlichkeit zu schaffen, wurden die Befragten von den Studienautor*innen in sechs Gruppen geteilt. In der Studie heißt es dazu: Schwule Männer umfasst Männer, die als solche geboren wurden und als schwule Männer leben. Lesbische Frauen wurden als Frauen geboren, leben als solche mit lesbischer sexueller Orientierung. Männer mit anderen sexuellen Orientierungen sind als Männer geboren, leben als solche, bezeichnen sich jedoch nicht als schwul, sondern ordnen sich einer anderen sexuellen Orientierung (bisexuell, queer, pansexuell) zu. Das gleiche gilt für Frauen mit anderen sexuellen Orientierungen. Trans*Personen beinhaltet all jene Personen, die entweder als Frauen geboren sind und als Männer leben oder als Männer geboren sind und als Frauen leben. Menschen mit anderen sexueller Orientierung oder Geschlechtsidentität umfasst Befragte, die sich zu keiner der genannten Gruppe zugehörig fühlen bzw. eine Kategorisierung entlang der oben genannten Kriterien für sich ablehnen.

Die gesamte Studie kann hier heruntergeladen werden: https://www.arbeiterkammer.at/service/studien/gleichbehandlung/Arbeitssituation_von_LSBTI-Personen_in_Oesterreich.html

 

[Foto: Zackary Drucker | The Gender Spectrum Collective]