„Wie das Internet aussieht, ist nicht in Stein gemeißelt“

„Wie das Internet aussieht, ist nicht in Stein gemeißelt“

Von Valentine Auer

 

Ob Webseiten, die gezielt Falschmeldungen produzieren und verbreiten, oder Hass-Kommentare, die sich gegen Frauen, gegen Geflüchtete oder gegen die Politik richten. Im Internet scheinen demokratische Grundwerte weniger zu gelten und die Polarisierung der Gesellschaft bereits vollzogen zu sein. Insbesondere das politisch rechte Spektrum sei dabei laut und sichtbar. Doch Nutzer*innen können sich gegen Hassrede und Desinformation wehren. Welche konkreten Strategien es gibt, erklärte die Journalistin und Netz-Expertin Ingrid Brodnig im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Strategien gegen Rassismus und Extremismus“.

Rassismus im Internet steigt

Seit 2013 werden sie Jahr für Jahr mehr. Die rassistischen Fälle in Österreich, die von der Antirassismus-Beratungsstelle ZARA dokumentiert werden. „Insgesamt scheint sich eine Art rassistischer Grundkonsens breitgemacht zu haben, der sich seinen Weg in viele Strukturen und Entscheidungsgremien gebahnt hat", erklärt ZARA-Geschäftsführerin anlässlich der Präsentation des Antirassismus-Bericht 2017. Es sind insbesondere jene Fälle, die mittels Online-Portale und soziale Medien vermittelt werden, die ansteigen: Im Jahr 2016 waren 31 Prozent der insgesamt 1.107 dokumentierten Rassismus-Fälle dem Internet zuordenbar, 2017 stieg dieser Anteil auf 44 Prozent (von insgesamt 1.162 Fällen).

Ein Anstieg, den auch Ingrid Brodnig bestätigen kann: „Seit 2015 – als die Flüchtlingsdebatte aufkochte – gibt es eine massive Steigerung. Die Diskussion im Netz ist hochgeschwappt. Es war nicht alles rassistisch, aber es war eine harte Diskussion. Diese harte Diskussionskultur hat sich seitdem gehalten. Das ist eine neue Qualität.“

Hass im Netz: Die „neue Normalität“

Hinzu kommt, dass soziale Medien als Drama-Maschinen agieren, wie es Brodnig in ihrem Buch „Lügen im Netz“ beschreibt. „Angry people click more“, heißt es dort. Wütende Menschen klicken mehr. Wut war und ist eine Emotion, die Veränderung schaffen kann und Menschen aktiviert. Das konnte man beim Frauenwahlrecht beobachten oder bei der Bürger*innenrechts-Bewegung. Problematisch wird es dann, wenn sich die Wut nicht nach oben, sondern nach unten richtet und gezielt benachteiligte Gruppen als Sündenbock produziert.

Die Aktivierung der Menschen durch Emotionen wie Wut führt zur Zunahme von Klicks, Likes oder Kommentaren. Dies wiederum wird zum Beispiel vom Facebook-Algorithmus belohnt. Eine Folge: Eine „neue Normalität“ entsteht: „Menschen, die in solchen wütenden Gruppen drinnen sind, haben auf einmal das Gefühl, das sei normal. Es ist die neue Normalität, dass ich auf einmal so rede“, erklärt Brodnig.

Ein anderes Internet ist möglich

Was also tun? Als erstes das Internet anders denken! „Wie das Internet aussieht, ist nicht in Stein gemeißelt“, schreibt Brodnig in ihrem Werk „Hass im Netz“. Das Internet ist nach wirtschaftlichen und nicht nach menschlichen Bedürfnissen gestaltet. Niemand habe darüber nachgedacht, ob wir die Rahmenbedingungen im Internet so formen, dass das Gute im Menschen hervorgebracht wird, so die Netz-Expertin: „Jeder von uns hat das Potential Gutes zu tun und jeder hat das Potential Schlechtes zu tun. Wir können gesellschaftliche Rahmenbedingungen so formen, dass Menschen eher motiviert werden, dass das Gute in ihnen hervorkommt oder dass das Schlimmste im Menschen hervorkommt.“ Derzeit sei es so, dass negative Stimmen eher positives Feedback bekommen.

Das widerspricht auch dem Mythos einer demokratischen Debatte im Internet, denn nicht alle wollen oder können teilnehmen. Es gibt Menschen, die sich nicht fertigmachen machen lassen wollen, weil sie einen ausländisch klingenden Namen haben oder Frauen sind. Denn in hasserfüllten Debatten wird gerade gegen Frauen, unabhängig von der eigentlichen Diskussion, nicht selten eine sexistische Herabwürdigung oder sogar die Androhung sexualisierter Gewalt verwendet. Aber: Eine zentrale Erkenntnis, die Brodnig in „Lügen im Netz“ formuliert: „Das Internet ist nicht automatisch ein Tool der Spaltung und Segregation“.  So könnte Facebook beispielsweise versuchen Inhalte stärker einzublenden, die in unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen positiv bewertet werden, und damit das Vereinende anstatt das Trennende in den Fokus rücken.

Was kann jede und jeder Einzelne* machen?

Doch nicht nur große Unternehmen wie Facebook können dazu beitragen, dass sich die Stimmung im Internet verbessert, sondern auch jede und jede*r einzelne User*in. Zum Beispiel durch das Einbringen in die Debatte. Allerdings nicht an jenen Orten, an denen sachliche Diskussionen weder möglich noch erwünscht sind. Kommentare unter Artikel von etablierten Medien können mehr erreichen als ein Kommentar auf Facebook-Seiten von rechtspopulistischen Politiker*innen. Auf den Seiten etablierter Medien findet sich eine Bandbreite an Meinungen, auch Menschen, die nicht an Rassismus, Sexismus, Homophobie oder anderen diskriminierenden Ideologien festhalten. Zudem fördert das Kommentieren auf problematischen Facebook-Seiten die Sichtbarkeit eines Postings aufgrund des Facebook-Algorithmus. Daher sollten auch bedenkliche Aussagen, Artikel, Postings, Tweets oder Webseiten nicht verlinkt werden. Stattdessen können diese Aussagen durch einen Screenshot thematisiert werden. „Damit fördern Sie nicht die Reichweite jenes Politikers, dem Sie eigentlich widersprechen wollen“, so Brodnig.

Wird jemand selbst Opfer von Hass-Kommentaren oder Desinformation kann auch Humor eine gute Strategie sein, um so die Absurdität von Aussagen zu unterstreichen. Gleichzeitig können auch juristische Wege eingeleitet werden, wie Brodnig in „Lügen im Netz“ schreibt. Auch wenn nur ein Bruchteil der Hetze und Hassrede rechtlich belangt werden kann und viele Verfahren dazu eingestellt werden, ist es doch ein hilfreicher Schutzmechanismus: „Je öfter sich Opfer von Desinformation juristisch wehren, desto größer wird die Chance, dass besonders manipulative oder hetzerische Akteure doch auch mit Geldbußen oder sogar mit Haftstrafen belangt werden“, heißt es dazu in „Lügen im Netz“ (was in Österreich rechtlich belangt werden kann, kann hier nachgelesen werden).

In Bezug auf das Aufklären von Falschmeldungen rät Brodnig dazu, vor allem geteilten Fotos zu misstrauen. Bilder werden vermehrt von rechten Gruppen verwendet, da sie leicht konsumierbar sind. Eine kurze Bildersuche (bspw. über Google oder TinEye) kann Aufschluss über den eigentlichen Kontext oder über das Original des geteilten Fotos geben. Die Macht der Bilder sollte auch zunehmen für Aufklärung genutzt werden: „Es kann frustrierend sein, auf welche unfaire Weise Bilder eingesetzt werden. Doch ich glaube, wir können aus diesen Tricks unseriöser Akteure einiges lernen. Sie nutzen deswegen so oft grafisches Material, weil dieses stark wirkt: Doch diese Methode, lässt sich ebenso für Richtigstellungen und Faktenchecks einsetzen“, schreibt Brodnig in „Lügen im Netz“ und hält zusammenfassend fest: „Jeder kann etwas dazu beitragen, dass die Situation eine Spur besser wird und es Fälscher damit insgesamt etwas schwerer haben. Der erste Schritt ist, selbst ein möglichst gutes Radar für dubiose Behauptungen zu entwickeln – um nicht auf Täuschungen hereinzufallen und um andere im Freundeskreis rasch zu warnen. Zweitens können wir geschickter werden im Kontern mit Aufklärung und mit der Betonung dessen, was richtig ist und was falsch. Drittens hilft es, die Mechanismen von Plattformen wie Facebook oder Google zu durchschauen und dieses Wissen so einzusetzen, dass gezielte Provokationen besser eingedämmt werden.“

Zur Person: Ingrid Brodnig studierte Journalismus und Unternehmenskommunikation. Journalistische Leidenschaft: Das Internet in all seinen Facetten, von europäischer Netzpolitik bis zu unglaublichen Katzenvideos. Von 2007 bis 2014 arbeitete sie für die Wiener Wochenzeitung Falter, zuletzt als Chefin des Medienressorts. Von Februar 2015 bis Februar 2017 Medienredakteurin des österreichischen Nachrichtenmagazin Profil, dort für die Berichterstattung über digitale Themen zuständig. Macht regelmäßig Radiokolumnen für die Ö1-Sendung „Digital.Leben“. Siehe auch: https://www.brodnig.org/about/

 

Weitere Informationen:

Unsere Veranstaltungsreihe 2017/2018 „Strategien gegen Rassismus & Extremismus".

Martin Wassermair im Gespräch mit Ingrid Brodnig

Ingrid Brodnig (2016): Hass im Netz. Was wir gegen Hetze, Mobbing und Lügen tun können. Brandstätter Verlag

Ingrid Brodnig (2017): Lügen im Netz. Wie Fake News, Populisten und unkontrollierte Technik uns manipulieren. Brandstätter Verlag (eine überarbeitete und aktualisierte Fassung erscheint demnächst)

ZARA – Zivilcourage und Antirassismus-Arbeit

Beratungsstelle #GegenHassimNetz

Die Facebook-Gruppe #ichbinhier will strukturiert gegen Hass im Netz vorgehen und das Diskussionsklima verbessern.

Deutschsprachige Faktenchecks-Seiten:

Minikama, Correctiv „echt jetzt“, ARD „Faktenfinder“, Kobuk, Bildblog, Übermedien