„Nennen wir es Krieg“

„Nennen wir es Krieg“

Von Valentine Auer

„Balkanisierung“ oder „Stammeskriege“. Mit diesen Begriffen versuchte Europa jahrelang die Illusion einer friedlichen Nachkriegszeit aufrecht zu erhalten. Was in den 1990er Jahren im ehemaligen Jugoslawien passierte, hatte nichts mit dem restlichen Europa zu tun, so die Geschichtsschreibung von Institutionen wie der NATO oder der EU. Die Ausstellung „Testimony – Truth or Politics“ im Volkskundemuseum will das ändern, indem die Jugoslawienkriege in die europäische Gedenkkultur aufgenommen werden und gleichzeitig jene zu Wort kommen, die tatsächlich am Krieg beteiligt waren.

Hegemoniale Narrative mit Widersprüchen durchkreuzen

„Testimony – Truth or Politics“: Ein Projekt, das vor zehn Jahren startete und heute umfangreiche Ergebnisse präsentieren kann: Nicht nur die dazugehörige Ausstellung, die seit 13. April im Volkskundemuseum zu sehen ist, sondern auch ein riesiges Online-Archiv (http://www.svedocanstvo-imenovatitoratom.org/rs/). Die Idee dahinter: Zeugnisse von Menschen zu sammeln, die tatsächlich am Krieg teilgenommen haben, erklärt Ausstellungs-Kuratorin Noa Treister: „Menschen, die den Krieg erlebt haben, waren in der Geschichtsschreibung nicht repräsentiert. Es wurde über sie, aber nicht mit ihnen gesprochen“. Die Grundlage des Projektes sind daher mehr als 300 Interviews, die unter dem Titel „Naming IT war“, mit Kriegsteilnehmer*innen geführt wurden – von Kriegsveteranen über Geflüchtete und Binnenvertriebene bis hin zu Familien gefallener Soldat*innen und zivilen Opfern.

„Es gibt sehr viele hegemoniale Narrative“, bestätigt auch der wissenschaftliche Sprecher des Volkskundemuseums, Herbert Justnik, „Erzählungen von den Staaten selbst, die Einzelstimmen herausnehmen und diese politisch instrumentalisieren. Aber auch Erzählungen vom Westen, von der NATO, der EU, die von ‚Stammes-Kriegen‘, von ‚Balkanisierung‘ sprechen. Dagegen wehrt sich das Projekt, hier gibt es auch widersprüchliche Erzählungen“. Durch die westlichen Erzählungen sollte so jahrelang eine Illusion von einem friedlichen Zusammenleben seit dem zweiten Weltkrieg aufrechterhalten werden. Das ist dort und hat mit uns nichts zu tun, vermutet Treister den Gedanken hinter dieser hegemonialen Geschichtsschreibung. Gleichzeitig trieben europäische Banken und Investor*innen die Deindustrialisierung der Nachfolgestaaten voran, um billige Arbeitskräfte zu bekommen.

Die Jugoslawien-Kriege in die europäische Gedenkkultur aufzunehmen ist daher zentral, erklären die Projektverantwortlichen. Und es sind Aushandlungsprozesse historischer Erinnerungen, die auch in Österreich, insbesondere in Wien, thematisiert werden müssen. So leben laut Statistik Austria mehr als 173.000 Menschen, die in Jugoslawien oder dem ehemaligen Jugoslawien geboren wurden, in Wien (Stichtag 1.1.2017). „Im Zuge der Kriege sind rund 90.000 Personen unmittelbar nach Österreich gekommen. Daher haben wir auch in Wien Interviews geführt und merkten, dass Wien der perfekte Ort der Verdrängung ist: Die Jugoslawien-Kriege sind die meist verdrängten Kriege in Wien“, weiß Projektorganisator Alexander Nikolić aus den unzähligen Gesprächen. Naming it war. Nennen wir es Krieg, fügt er hinzu. Die interviewten Personen bezeugen diese Kriege.

Sozioökonomische Faktoren in die Geschichtsschreibung aufnehmen

Die interviewten Personen sollen aber auch das Wissen über Akteur*innen, Ursachen und Konsequenzen der Kriege erweitern. Sich allein auf ethnische und religiöse Differenzen als Grund für die Kriege zu beziehen, greife zu kurz, sagt Treister: „Es heißt immer, dass der wichtigste Grund in den Unterschieden der Nationalitäten liege. Aber auch Klasse spielt eine Rolle“.

Und vor allem auch: Wirtschaftliche und sozioökonomische Faktoren. Denn mit dem Zerfall Jugoslawiens zerfiel auch die jugoslawische Wirtschaft, Privatisierungen und Fabrikauflösungen führten zu Armut. „Betriebe in Jugoslawien waren im Besitz der Arbeiter*innen und nicht im staatlichen Besitz. Waren diese zuvor von den Beschäftigten verwaltet worden, wurden sie im Lauf der Jahre privatisiert. Das Wegnehmen der Betriebe, die Enteignung haben die Kriege sehr stark mitgetragen“, so Justnik. Was einmal selbstbestimmte Arbeit war, wurde zum schlecht bezahlten Job. Diese selten thematisierte Zusammenhänge von Krieg und Privatisierung, Demokratisierung und der Zerstörung des Selbstverwaltungssystems will das Projekt fokussieren und verstärkt diskutieren.

„I Called Home“

Diese Themen sollen auch in der Ausstellung verhandelt werden. Allen Arbeiten ist dabei eine Audio-Komponente auf Basis der geführten Interviews gemein. Zum Beispiel bei Jelena Markovićs Arbeit „I Called Home“: Ein kleiner Tisch, davor ein Stuhl, darauf ein Telefon. Hebt man das Telefon ab hört man zuerst eine männliche Stimme: „Hello? Mom? Mom? Can you hear me? Mom?“. Eine Stimme, die immer wieder unterbrochen wird von Klick-Geräuschen und den Zeugnissen der interviewten Kriegs-Teilnehmer*innen – bis zum Ende, einem langen Geräusch, das das Abschneiden des Telefonats vermuten lässt.

„Diese Kommunikation, die Kriegsteilnehmer mit ihren Familien versuchten und machten, repräsentieren die ersten Zeugnisse über das, was sie erlebten. Wie sich herausgestellt hat, hatten sie große Schwierigkeiten und nur wenig Möglichkeiten, zu Hause anzurufen. Diese Installation beschwört die Situation von der Kampffront zu Hause anzurufen und legt die Zeugnisse über den Mangel der Kommunikation offen“, so Marković über die Intention ihrer Arbeit.

Es ist ein Beispiel von insgesamt fünfzehn Arbeiten, in denen die internationalen Künstler*innen durch verschiedene Medien und Herangehensweisen die Zeugnisse der Kriegsteilnehmer*innen bearbeiten. „Das Ziel ist dabei nicht nur Information zu sammeln“, erklärt Kuratorin Treister abschließend, „sondern eine tatsächliche Veränderung einzuleiten. Plötzlich kann man über den Krieg sprechen“.

Weitere Informationen:

Die Ausstellung „Testimony – Truth or Politcs. Formen der Erinnerung an die Jugoslawien-Kriege“ ist vom 13.04. bis 30.09.2018 im Volkskundemuseum Wien zu sehen. Die Ausstellung wird von der EU gefördert. Damit bezieht ein EU-gefördertes Projekt erstmalig nicht-hegemoniale Narrative zu den Jugoslawien-Kriegen mit ein. Die Ausstellung war zuvor auch in Belgrad, Sarajevo und Trient zu sehen.

„Testimony – Truth or Politics“ ist ein Projekt vom „Center for Cultural Decontamination“ und „The Ignorant Schoolmaster and his Committees“ aus Belgrad. Es entstand in Zusammenarbeit mit Organisationen von Kriegsteilnehmer*innen. Projektpartner in Wien ist das Künstler*innen-Kollektiv Boem*. Das Audio-Archiv mit den Zeugnissen der Kriegsteilnehmer*innen findet sich hier (BKS): http://arhiva.svedocanstvo-imenovatitoratom.org

[Foto: Jelena Marković / Serbia. I called home, 2017, audio installation. © Nikola Radić Lucati]