IDAHOT 2018: „Danke für nichts!“

IDAHOT 2018: „Danke für nichts!“

Von Valentine Auer

Am 17. Mai wird weltweit der Internationale Tag gegen Homo-, Inter- und Transphobie (IDAHOT) begangen. Auch in Wien wird an diesem Tag ein sichtbares Zeichen gesetzt. So findet um 17 Uhr die Demonstration „Walk4Idahit“ vom Westbahnhof über die Mariahilfer Straße bis zum Museumsquartier unter dem Motto „Danke für Nichts, liebe Regierung“ statt: „Wenn die LBTQI*-Community der neuen Regierung nicht einmal ein Wort in ihrem Programm wert ist, dann sagen wir DANKE FÜR NICHTS und verschaffen uns selbst Gehör“, heißt es im Ankündigungstext. Wie wichtig dieser Tag immer noch ist, zeigt nicht nur ein Blick auf die Politik, sondern unterschiedliche Studien aus den vergangenen Jahren, die die Diskriminierung von LGBTI* Personen aufzeigen.

In der EU berichtet fast die Hälfte von Diskriminierungen

Eins vorweg: Es gibt kaum Statistiken zu Hass und Gewalt gegen LGBTI* Personen in Österreich. Doch es gibt unterschiedliche Studien, die sich in den letzten Jahren mit dem Thema befasst haben, um diese Lücke zumindest ein wenig zu schließen. Eine davon ist die „LGBT-Erhebung in der EU“, die 2013 von der „Europäischen Union für Grundrechte“ (FRA) veröffentlicht wurde.

Die Ergebnisse stufte die FRA damals als „in vielerlei Hinsicht sehr besorgniserregend“ ein: Fast die Hälfte (47 Prozent) der befragten LGBTI*-Personen EU-weit erklärte innerhalb des letzten Jahres vor der Erhebung (2012) aufgrund ihrer sexuellen Ausrichtung diskriminiert oder belästigt worden zu sein. Österreich liegt dabei mit einem Wert von 48 Prozent im Mittelfeld. Am häufigsten berichteten innerhalb der EU lesbische Frauen (55 Prozent) und LGBTI* Personen zwischen 18 und 24 Jahren (57 Prozent) von Diskriminierungen und Belästigungen.

Gleichzeitig haben die wenigsten Befragten diese Vorfälle gemeldet: Europaweit haben nur zehn Prozent jener Personen, die im vorangegangenem Jahr Diskriminierungserfahrungen machten, diese gemeldet. „Eine Meldung würde nichts bewirken oder ändern“ ist dabei der am häufigsten genannte Grund der Nicht-Meldung (59 Prozent), gefolgt von der Aussage „Nicht wert es zu melden – es passiert ständig“ (44 Prozent).

Die Erhebung zeigt zudem, dass Diskriminierungen insbesondere in der Schulzeit eine große Rolle spielen: 91 Prozent der Befragten gaben an, dass sie im Laufe ihrer Schulzeit negative Bemerkungen oder Verhaltensweisen gegenüber LGBTI*-Personen wahrgenommen haben (Österreich: 89 Prozent). 67 Prozent haben ihre sexuelle Ausrichtung oder Geschlechtsidentität während der Schulzeit „ständig“ oder „häufig“ verheimlicht. Österreich liegt dabei mit 68 Prozent leicht über den EU-Durchschnitt.

Queere Menschen werden zehnmal so oft Opfer von Körperverletzungen

Einen detaillierteren Einblick in die Situation in Österreich gibt eine Studie (2015) der IG Soziologie (IGS) im Auftrag der Gay Cops Austria. Basierend auf vergleichende Schätzungen aus anderen EU-Ländern sowie den USA geht die IGS davon aus, dass rund 3,5 Prozent (277.660 Personen) der Österreicher*innen sich selbst als LGBTI* definieren.

Gemäß der IGS-Studie werden rund fünf Prozent der LGBTI*-Befragten Opfer von Körperverletzung. Das mag zuerst recht wenig klingen, doch das Risiko physischer Gewalt zu erfahren ist für queere Menschen damit rund zehnmal so hoch wie bei der Gesamtbevölkerung. Etwa zehn Prozent haben laut der Studie zudem in den letzten 12 Monaten vor der Erhebung Beleidigungen oder Diskriminierungen erlebt. Dass dieser Wert bei der FRA-Studie deutlich höher ist, erklärt sich durch die Definition: Die IGS-Studie erhob ausschließlich strafrechtlich relevante Diskriminierung.

Trotz der strafrechtlichen Relevanz gaben nur 3,6 Prozent der Befragten an, den Vorfall angezeigt zu haben. Der häufigste Grund für eine Nicht-Anzeige liegt dabei im Glauben, dass die Polizei das Anliegen nicht ernst nehmen würde (28 Prozent). Tendenziell zeigt sich, dass mit der Schwere des Delikts auch die Anzeigen steigen: So wurden Körperverletzungen von 30 Prozent zur Anzeige gebracht.

Ein weiteres zentrales Ergebnis der Studie sind die psychischen Auswirkungen auf die Opfer: 43 Prozent der Befragten, die eine Beleidigung erfuhren gaben an, dadurch stark oder sehr stark psychisch belastet worden zu sein. Bei jenen, die eine Körperverletzung erlebten, liegt dieser Wert bei 56 Prozent. Überraschend ist laut den Studien-Autor*innen der Test auf eine post-traumatische Belastungsstörung (PTBS). Bei 33 Prozent der Opfer einer Körperverletzung ist eine PTBS wahrscheinlich. Und – laut den Studienautor*innen ein dramatisches Ergebnis – auch 22 Prozent der Opfer von Beleidigungen zeigen Symptome einer PTBS getestet.

Populismus und Nationalismus schwächen LGBTI*-Rechte

Neben den verschiedenen Studien zur Diskriminierung von LGBTI* wird jährlich der „Rainbow Index“ des Verbands ILGA  (International lesbian, gay, bisexual, trans and intersex association) veröffentlicht. Bei der Präsentation des diesjährigen Reports am 14. Mai 2018 kritisierte ILGA-Europa Geschäftsführerin Evelyne Paradis, wie Staaten vor dem Hintergrund des europaweiten Backlashs in Sachen Menschenrechte, glauben können, dass die Gleichstellung von LGBTI*-Personen zu Ende sei: „Die unglaublichen Errungenschaften der letzten Jahrzehnte sind in Gefahr. Machen wir nicht den Fehler zu glauben, dass wir Gleichstellung erreicht hätten. Es gibt zu viele Anzeichen, dass Entwicklungen wie der Populismus und Nationalismus keine politischen Schlagwörter sind, sondern anhaltende Auswirkungen für LGBTI* Personen in Europa haben können.“, erklärt Paradis.

So seien die Errungenschaften der letzten Jahrzehnte sehr anfällig für undemokratische Tendenzen. Daher müssten die Regierungen dringend mehr Maßnahmen umsetzen, um eine Gleichstellung für LGBTI* Personen zu realisieren. Sich dieser Verantwortung zu entziehen sei keine Möglichkeit, heißt es weiter bei der Vorstellung des aktuellen Index.

Tatsächlich zeigt der Rainbow-Index auf, dass sich die Fortschritte in Gesetzgebung und Politik verlangsamt haben. Insgesamt 49 Ländern werden nach ihren LGBTI*-Gleichstellungsgesetzen analysiert und mit einem Wert zwischen 0 Prozent (grobe Menschenrechtsverletzungen) und 100 Prozent (volle Gleichstellung) beurteilt. Das Ergebnis: Wie in den letzten Jahren auch erreicht Malta mit 91 Prozent den ersten Platz im Ranking, weit abgeschlagen folgen Belgien (78,8 Prozent), Norwegen (77,7 Prozent), Großbritannien (73, 5 Prozent) und Finnland (73,3 Prozent). Österreich liegt hinter Deutschland am 13. Platz mit einem Wert von 56,4 Prozent.

Die Befürchtung, dass Rechtspopulismus die LGBTI*-Rechte europaweit schwächt, teilt auch die Politologin und Bundesrätin Ewa Dziedzic (Die Grünen): „Der europaweite Rechtsruck wirkt sich besonders negativ auf Menschenrechtsfragen aus und lässt einen Backlash im Bereich der LGBTI*-Rechte befürchten. Orban stellt sich gegen eine liberale Demokratie und will Beziehungen nur zwischen Mann und Frau, Polen fällt im ILGA-Ranking auf die vorletzte Stelle zurück und in Österreich ist sogenannte ‚Hate Speech‘ an der Tagesordnung“. Dziedzic setzt sich schon lange aktiv für Frauen- und LGBTI-Rechte in Österreich ein und ruft dazu auf, den aktuellen Entwicklungen entschieden entgegenzutreten: „Dem allem gilt es durch aktiven Einsatz für ein diskriminierungsfreies Leben mit aller Vehemenz entgegenzuwirken. Erkämpfte Rechte sind gerade hier brüchig“.

 

Weitere Informationen:

LGBT-Erhebung in der EU (FRA, Stichprobe: 93.079 Personen): http://fra.europa.eu/en/publication/2013/eu-lgbt-survey-european-union-lesbian-gay-bisexual-and-transgender-survey-results

LGBTI Gewalterfahrungen Umfrage – Eine Studie zu Hassverbrechen in Österreich (IGS, Stichprobe: 553 Personen): https://www.vielfalt.or.at/no-hate/files/LGBTI-Gewalterfahrungen-Bericht-IGSF-2015-digital.pdf

Rainbow-Index: https://rainbow-europe.org/

Informationen zum Walk4Idahit: http://idahit.at/

YouTube Channel der Kampagne „ES WIRD BESSER ÖSTERREICH“, die Jugendliche beim Coming-out unterstützt und bei Mobbing und Bullying berät: https://www.youtube.com/user/eswirdbesserAT

 

[Foto: Anastasia Yılmaz | Unsplash.com]