„Es hat stattgefunden und zwar hier“

„Es hat stattgefunden und zwar hier“

„Der Mensch ist ein schöner Gedanke. Volkhard Knigge und Buchenwald“ wird das diesjährige Internationale Dokumentarfilmfestival „Ethnocineca“ eröffnen. Wir haben den Film bereits vorab gesehen und geben einen Einblick in den Eröffnungsfilm als auch in das restliche Programm.

Die Blätter rascheln. Es ist windig. Es kann Regen oder Schnee fallen. Manchmal ist es düster und nebelig, manchmal beleuchten Sonnenstrahlen den Wald, die grüne Wiese. Schönes Wetter verhübsche den Ort, manchmal sei das kaum auszuhalten. „Der Ort ist der Natur gleichgültig“, sagt Volkhard Knigge. Und dennoch könne auch ein Baum, der schon vor 1945 hier stand als stummer Zeuge agieren und sagen „Diese Geschichte ist wahr. Diese Geschichte ist nicht nur historischer Stoff, den man lernen soll oder muss, sondern es hat stattgefunden und zwar hier.“ Es ist eine von vielen Annäherungen Volkhard Knigges an eine „unheilbare Geschichte“.

Vom Gewöhnlichen zum Mörderischen

Screening Der Mensch ist ein schöner Gedanke

Seit mehr als 20 Jahren leitet der deutsche Historiker Knigge die Gedenkstätte Buchenwald am Standort des ehemaligen KZ Buchenwald. Im Dokumentarfilm „Der Mensch ist ein schöner Gedanke. Volkhard Knigge und Buchenwald“ gibt der Filmemacher Sigfried Ressel dem Gedenkstätten-Leiter den Raum diese Geschichte zu reflektieren, die Bedeutung dieses Ortes, des Erinnerns und Gedenkens aufzuarbeiten. Reflektionen, die immer wieder unterbrochen werden von nüchternen Beschreibungen der Architektur des KZ Buchenwalds, die die erschreckende Funktionalität und die Gewöhnlichkeit des Ortes aufdecken: „Für die nationalsozialistischen Konzentrationslager ist eigentlich so gut wie nichts baulich spezifisch. Abgesehen von den Infrastrukturen wie Krematorien und Tötungsanlagen, die explizit – oft auch ‚by doing‘ – erfunden und eingerichtet werden“, erklärt Knigge. Es ist „sozusagen das Gewöhnliche, das ins Extreme gedreht wird, ins Mörderische. Wenn man diese Irritationen aufnimmt, kommt man vielleicht auch dieser fatalen Normalität des Aussonderns bis in die Ermordung hinein ein Stück weit – auch emotional – auf die Spur.“

Das Publikum begleitet Knigge so durch den Ort, durch die architektonischen Details einzelner Bauten, aber auch durch die Leere, die es an diesem Ort auszuhalten gilt. Es begleitet Knigge jedoch auch bei seinen Besuchen bei den Zeitzeug*innen Éva Fahidi und Ivan Ivanji. Fahidi, die 45 Jahre lang schwieg. Und erst 60 Jahre nach dem sie bei einem Todesmarsch 1945 entkommene konnte, ein Bericht über das Erlebte, über die Deportation ungarischer Jüd*innen, veröffentlicht. Und Ivan Ivanji, der nach 1945 als Schriftsteller, Journalist, als Diplomat und als Übersetzer – unter anderem für Josip Broz Tito – arbeitete.

Fehlende Glaubwürdigkeit der Politik

„Menschen, die vorher gedacht und hinterher gedacht haben. Menschen, die vorher gelebt und hinterher gelebt haben“, wie es Knigge ausdrückt. Und Menschen, die heute etwas zu sagen haben, weil sie darüber nachdachten, wie wir eine Gesellschaft einrichten, damit sie „ihren humanen Atem nicht verliert“. So werden die Zuseher*innen immer wieder in die Gegenwart geholt und mit der Frage, warum wir heute überhaupt gedenken und erinnern müssen, konfrontiert. Eine der Antworten von Knigge liegt in der Frage der Glaubwürdigkeit: „Kann man abschieben irgendwohin, wo nichts ist? Kann man das wollen? Wenn man das will, dann soll man das, was wir Erinnerungskultur nennen, bitte lassen. Politiker, die mittlerweile durchaus die erinnerungskulturelle Sonntagsrede beherrschen müssten eigentlich über ihre eigene Zunge stolpern, wenn sie so etwas fordern.“

Ethnocineca: Vom Erinnern bis #metoo

Genau das war auch der Grund nicht nur diesen Eröffnungsfilm auszuwählen, sondern weitere Filme, die an das Erinnern erinnern, unter dem Fokusprogramm „On Memory“ zu versammeln, erklärt Marie-Christine Hartig, ein Teil des künstlerischen Leitungs-Teams der Ethnocineca: „Es ist ein Thema, das im Gedenkjahr 2018 kaum wegzudenken ist. Aber auch die nationalen politischen Gegebenheiten haben uns zu dieser Programmschiene bewogen.“

On Migration. On Pressure. On Youth. On Women. So lauten die anderen vier Fokusprogramme. Insbesondere der Frauen-Schwerpunkt geht dabei auf eine aktuell diskutierte Debatte ein, so Katja Seidel – ebenfalls künstlerische Leiterin: „Gerade aufgrund der #metoo-Debatte ist es wichtig Sichtweisen von Frauen Raum zu geben. Wir zeigen daher Filme, die einen anderen Blick auf Emanzipation geben und aufzeigen, welche Wege des Widerstandes es gibt.“

Das gesamte Filmprogramm wie auch das Rahmenprogramm stehen heuer unter dem Schwerpunkt „Whose story is it?“, wie Hartig erklärt: „Wir beschäftigen uns mit Autor*innenschaft, Machtstrukturen, Demokratie in der Erzählung von Menschen. Über wen werden Filme gemacht? Wer macht diese Filme und wie?“. Von 4. bis 10. Mai werden unter anderem diese Fragen im Votiv Kino und im Kino DeFrance sowie im Weltmuseum und im Volkskundemuseum Wien thematisiert. Das gesamte Programm findet sich unter: https://www.ethnocineca.at/festival/programm-2018

Der Eröffnungsfilm wird am 04. Mai um 20:00 im Votiv Kino gezeigt. Im Anschluss steht der Regisseur Siegfried Ressel für Fragen zur Verfügung. Der Protagonist Volkhard Knigge wird bei der Wiederholung am 08. Mai anwesend sein.

[Fotos von der Ethnocineca Pressekonferenz und dem Pressescreening des Eröffnungsfilms, Copyright: Benjamin Storck]