Die 10 größten Kritikpunkte am WM-Party-Patriotismus

Die 10 größten Kritikpunkte am WM-Party-Patriotismus

Am 14. Juni 2018 beginnt die 21. Fußball Weltmeisterschaft in Russland. Ein Artikel von Lightyear2000 über Fußball, Nationalismus, Männlichkeit und Rassismus.

Fußball bringt Menschen zusammen. Manche meinen – ob ernst gemeint oder nicht – es sei das Einzige, was Europa wirklich verbindet.  Doch was meinen wir überhaupt, wenn wir von Fußball sprechen? Ist das Team gemeint, die Fans, das mediale Rundherum oder der soziale Charakter? Steht die Repräsentation einer Nation oder die Unterstützung eines Teams im Vordergrund?

Es gibt einen großen Unterschied zwischen dem Nationalteam und Klubfußball, so der Nationalismusforscher Dario Brentin bei dem Vortrag „Fußball und Nationalismus“ in der Hauptbücherei Wien. Wer ein Nationalteam anfeuert, muss sich darüber im Klaren sein, dass es sich damit auch um eine symbolische Repräsentation des Nationalstaats handelt. Dies ist ein erster Kritikpunkt, warum Party-Patriotismus problematisch ist.

Was bedeutet eigentlich „Patriotismus“? Laut der deutschen Wikipedia ist Patriotismus „eine emotionale Verbundenheit mit der eigenen Nation […]. Im Deutschen wird […] auch der Begriff ‚Vaterlandsliebe‘ synonym verwendet. Diese Bindung wird auch als Nationalgefühl oder Nationalstolz bezeichnet […].“ Somit handelt es sich um einen politischen Begriff, der noch dazu emotional aufgeladen ist. So geht es bei „Nationalismus“ um den Einsatz für die eigene Nation und darum, „deren vermeintliche Gegner scharf [zu] bekämpfen […].  Nationalisten sind insofern aggressiv, als sie die (sogenannten) Rechte des eigenen Volkes für gewöhnlich weit über die Rechte anderer Völker stellen.“ Dies ist eine Rhetorik, die an militärische Auseinandersetzungen erinnert, und ist somit ein zweiter Kritikpunkt an „Party-Patriotismus“.

Dritter Punkt: Laut Dario Brentin trägt Party-Patriotismus dazu bei Nationalismus zu normalisieren. Damit vollzieht sich eine Wende hin zum positiven, exklusiven Nationsbegriff. Es geht nicht mehr nur darum, das eigene Team zu unterstützen. Im schlimmsten Fall schlägt Nationalismus in Gewalt gegen Menschen um, die als nicht zugehörig zur „eigenen Nation“ definiert werden. Ganz unabhängig davon, ob sie denselben Reisepass haben, oder nicht.

Viertens ist die Fußball-Weltmeisterschaft männlich zentriert. Männer gelten im Bereich des Fußballs als Norm. Spricht man von der „Fußball WM“ ist klar, dass die Männer gemeint sind, das weibliche Pendant hingegen muss als „Frauen-Fußball-Weltmeisterschaft“ benannt werden. In unserer Gesellschaft, die nach wie vor unter krasser männlichen Dominanz leidet, äußerst sich dies auch in den Preisgeldern: Bei der Frauen-WM 2015 in Kanada schüttete die FIFA insgesamt 15 Millionen Dollar aus, bei der Männer-WM 2018 in Russland hingegen 400 Millionen Dollar.

Ein fünfter Kritikpunkt hängt ebenfalls mit männlicher Dominanz zusammen, ist aber gleichzeitig nicht vom Nationalismus zu trennen. Ich finde es unangenehm, manchmal sogar bedrohlich, wenn betrunkene Männer vor und nach den Spielen durch die Straßen mit ihren nationalen Symbolen ziehen. Dieses Bedrohungsszenario kann sowohl für Frauen und Männer gelten, aber vor allem für alle Menschen, die von stolzen Nationalist_innen als Ausländer_innen identifiziert werden, wie Übergriffe während Weltmeisterschaften schon öfters gezeigt haben. Somit befeuert Party-Patriotismus in hohem Maße Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und direkte, körperliche Übergriffe.

Selbstverständlich können nicht alle Menschen, die ihre Nationalmannschaft unterstützen, ins rechte Eck gestellt werden kann. So hängt aber ein sechster Punkt, warum Party-Patriotismus problematisch ist, mit dem Schwenken von Nationalflaggen zusammen: Dadurch entsteht nämlich nur ein scheinbares „inklusives“ „Wir“, welches alle repräsentieren möchte, die zu dieser Flagge hinzugezählt werden. Gleichzeitig schafft dieses „Wir“ ein exklusives „die Anderen“ und somit einen Ausschluss. Dies bringt Potential für Konflikte mit, oder deutlicher: Rassismus. Nationalismus ist zutiefst ideologisch. Das heimtückische an Ideologie: Gleichheit wird bloß vorgegaukelt, Party-Patriotismus mit all den nationalen Symbolen instrumentalisiert.

Gleichzeitig könnte es positiv gewertet werden, dass viele verschiedene soziale Schichten aus allen Berufsgruppen Fußball schauen. Dass diese Menschen bei einem Spiel zusammen kommen, ist höchstens in einer Fanzone einer Stadt zutreffend. Als massentouristisches Ereignis fahren viele Menschen aus der ganzen Welt zu diesem sportlichen Großevent. So ist der siebte Kritikpunkt, dass nur wohlhabende Menschen, die sich einen solchen Urlaub und die teuren Stadiontickets leisten können, bei der Endrunde auch physisch teilnehmen können. Dazu kommt, dass solch ein massentouristisches Event auch ein ökologisches Desaster bedeutet.

Positiv ist auch, dass Alaba, Harnik, Arnautović oder andere Spieler mit Migrationsgeschichte eine starke Identifikationsmöglichkeit für Migrant_innen bieten. So ist es etwa für Dario Brentin positiv, dass das österreichische Nationalteam die Gesellschaft demokratisch abbildet, sie repräsentiert. Leistungsträger wie Alaba, Junuzović oder Arnautović sind in Wien aufgewachsen und haben den Sprung in internationale Topligen geschafft. Gleichzeitig ist es, achtens problematisch, dass im Spitzensport das Leistungsprinzip unserer Gesellschaft auf die Spitze getrieben wird. So würde ein David Alaba aufgrund seiner Hautfarbe jede Woche mehrmals von der Polizei kontrolliert werden, wenn er kein Fußballstar wäre.

Ein neunter Kritikpunkt an Party-Patriotismus ist die erschreckende Ähnlichkeit zu rechten bis rechtsextremen Parteien. Das Schwenken der österreichischen Nationalfahne im Stadion zusammen mit dem Singen der Nationalhymne ist dann besonders unheimlich, wenn man daran denkt, dass genau dasselbe auch die FPÖ bei ihren Veranstaltungen macht. Auch, wenn nicht jede_r Fahnenschwenker_in im Stadion automatisch ein_e Rassist_in ist.

Zehnter Punkt: Auf der einen Seite sind die Nationen im sportlichen Wettstreit, der sehr stark politisch angestrichen ist. Wie politisch WM Endrunden sind, zeigt sich daran, wie sehr Gastgeberländer versuchen, das Image des eigenen Landes (sei es für Tourismus oder bloß als Aushängeschild für die eigene Nation) zu profilieren. Nicht nur die Gastgebernation versucht sich national zu inszenieren, sondern jedes Land und zwar nicht nur sportlich. In einer oftmals übertriebenen medialen Euphorie gilt das Nationalteam als Aushängeschild für die ganze Nation. So werden individuelle Erfolge einzelner Spitzensportler_innen als kollektive Triumphe einer ganzen Nation instrumentalisiert. Das äußert sich etwa im Ausspruch: „Wir haben gewonnen.“

Nationalismus ist in einer globalisierten Welt völlig überholt. Menschen bleiben schon lange nicht mehr am immer gleichen Ort. In nahezu jeder Region gibt es Migration. Das Konzept des Nationalstaats ist veraltet, dennoch hat es weltweit vor allem aus machtpolitischen Überlegungen eine hohe Bedeutung und gilt darüber hinaus weltweit als „alternativlos“.

Es geht um Machtstrukturen, es geht um nationale Dominanz, jede Nation strebt dies an. Es ist wichtig, diese hoch politische Ebene zu sehen. Am 14. Juni 2018 beginnt keine“ harmlose WM“, bei der es einzig und allein um den Sport geht. Party-Patriotismus ist in seinem Potential gefährlich und schlägt sehr leicht in Rassismus um. Manche sind bloß stolz auf die Nationalmannschaft, andere diskreditieren, diffamieren oder sind gar übergriffig gegenüber Menschen, die sie als „die Anderen“ definieren. „Toleranten Party-Patriotismus“ ist mit dem Soziologen Wilhelm Heitmeyer gesprochen „gefährlicher Unsinn“ und kann es so nicht geben. Die Trennlinien von Patriotismus, Nationalismus, Chauvinismus sind dafür zu fließend.

Dazu kommt, dass sportliche Erfolge einer Nationalmannschaft oft von rechten Parteien und Gruppierungen instrumentalisiert werden. Und das ist besonders gefährlich.

[Foto: Glen Carrie | unsplash ]