#vonhier: 3 Romane, die Švabos, Almans und andere Kartoffeln lesen sollten

#vonhier: 3 Romane, die Švabos, Almans und andere Kartoffeln lesen sollten

Von Švabica Valentine Auer

#vonhier. Unter diesem Hashtag schreiben seit Februar 2019 Menschen mit Migrationserfahrung und Menschen, die – unabhängig von ihrer Herkunft oder ihrem Geburtsland – als Migrant*in gelesen werden, darüber, wie sie aufgrund ihres Aussehens, ihres Namens, ihrer Religion, vielleicht auch aufgrund ihrer tatsächlichen Herkunft in eine Schublade gesteckt werden. Die User*innen erzählen von den unzähligen Momenten, in denen eine angenommene Herkunft im Mittelpunkt von Gesprächen stand. Sie erzählen davon, wie sie mit der „Woher kommst du... wirklich?“-Frage umgehen oder warum sie gar nicht mit dieser Frage umgehen müssen und wollen. In der Literatur beschäftigten sich Autor*innen schon vor der Netz-Debatte #vonhier mit Fragen der eigenen Identität. Eine Frage, die insbesondere durch das Umfeld, in denen sich die Menschen bewegen, an Bedeutung gewinnt. Drei Romanempfehlungen, die sehr unterschiedliche Diskussionen rund um Identität, Fremd- und Selbstzuschreibungen allen Švabos, Almans und anderen Kartoffeln* auf eindrückliche Weise verständlich machen.

Die in Deutschland geborene Özlem, die sich ohne gefragt zu werden mit dem Satz „Meine Eltern sind aus der Türkei“ vorstellt („Ich bin Özlem“ von Dilek Güngör). Deborah Feldman, die ihre Flucht aus der Gemeinde chassidischer Jüd*innen und den darauffolgenden Kampf, ihr eigenes Jüdischsein zu finden, beschreibt („Überbitten“ von Deborah Feldman). Und die 16-jährige Starr, für die es aufgrund ihrer Erfahrung mit Polizeigewalt zunehmend schwieriger wird, nicht als „typisch Schwarze“ auf der Weißen Privatschule, die sie besucht, wahrgenommen zu werden („The Hate U Give“ von Angie Thomas). Die Protagonistinnen der drei ausgewählten Romane scheinen unterschiedlicher nicht sein zu können. Gemein ist ihnen die Vielzahl an Kämpfen, die sie führen: Sie alle müssen enorme Energie aufwenden, um einen Platz in einer Gesellschaft zu erhalten, die vom Finden einer „wahren“, einer einzig möglichen Identität besessen zu sein scheint. Eine Identität wiederum, die einzig auf Herkunft, Religion oder auch nur dem Namen, dem Aussehen einer Person beruhen kann.

Dilek Güngör: Ich bin Özlem.

„Das Gefühl nicht dazuzugehören, ist mein treuer Begleiter geworden. Du bist nicht wie die anderen und darum verkehrt, das war für mich der einzige logische Schluss“, denkt sich die Protagonistin Özlem in Dilek Güngörs Buch „Ich bin Özlem“. „Anders und anders konnte nicht nebeneinander bestehen. Es ging nur anders und falsch“, führt sie den Gedanken weiter aus. Im kurzen, leicht und schnell zu lesenden Werk „Ich bin Özlem“ werden die Themen Zugehörigkeit und Identität am klassischsten behandelt. Hier gibt es kaum Nebenerzählungen. Dilek Güngör zeigt eindrücklich, welche Auswirkungen die ständigen Fremdzuschreibungen für ein Individuum haben können.

Sei es im Kindergarten, in der Schule, bei den Nachbarskindern oder bei Freund*innen: Immer wieder erinnert sich die Ich-Erzählerin Özlem an Erfahrungen im Kindesalter, in denen ihre Umgebung sie als anders markiert hat, ihr deutlich machte, dass sie nun mal nicht so Deutsch ist wie ihre Schulkolleg*innen. Özlem erinnert sich an diese Momente des Fremd-Seins, weil sie erst jetzt im Erwachsenenalter merkt, wie sehr sie diese ständigen Zuschreibungen prägen. Im Laufe der Erzählung und im Kontext verschiedener Gespräche und Begegnungen mit ihren Freund*innen steigt eine Wut in Özlem auf, während sie gleichzeitig ihr Türkisch-Sein reflektiert und schließlich einen Weg einschlagen will, den sie alleine bestimmt: „Ich muss nicht werden, überhaupt nichts muss ich werden, immerzu werden und werden, wie oft kann man sich verpuppen? Ich bin schon längst jemand, schon längst genug und kann aus dem schöpfen, was ich weiß und kann und habe“.

Angie Thomas: The Hate U Give

„Die Williamson-Starr hält den Mund, wenn Leute ihr blöd kommen, damit keiner sie für ein ‚Angry Black Girl‘ hält. Die Williamson-Starr ist zugänglich. Kein bedrohliches Anstarren, kein fieser Seitenblick, überhaupt kein vielsagender Blick. Sie weicht Konfrontationen aus. Letztlich gibt die Williamson-Starr niemandem einen Grund, sie ein Ghetto-Girl zu nennen.“ Die Williamson-Starr, das ist eine Version von Starr Carter, nämlich diejenige, die gemeinsam mit ihren Geschwistern eine Weiße Privatschule besucht. Die andere Version der Protagonistin in Angie Thomas‘ Jugendbuch „The Hate U Give“ ist die Garden Heights Starr. Sie lebt im fiktiven US-amerikanischen Viertel Garden Heights, in dem hauptsächlich Schwarze leben. Starr Carter will diese zwei Versionen von ihr strikt voneinander trennen, auch wenn es kräfteraubend ist: „Zweierlei Menschen zu sein, ist so anstrengend. Ich habe mir angewöhnt, mit zwei verschiedenen Stimmen zu sprechen und unter bestimmten Leuten nur bestimmte Dinge zu sagen".

Diese Trennung aufrecht zu erhalten wird durch den Mord an ihrem besten Freund Khalil zunehmend schwieriger: Vor ihren Augen wird Khalil ohne einen Grund von einem Polizisten bei einer Verkehrskontrolle erschossen. Starr ist die einzige Zeugin, sie muss laut werden, für Khalil, zeigt sich der Öffentlichkeit und wird damit auch bei ihren Freund*innen an der Schule zu eben jenem „angry black girl“ als das sie nicht wahrgenommen werden wollte. Angie Thomas zollt den zahlreichen Schwarzen Opfern von Polizeigewalt in ihrem Debütroman genauso Tribut wie jenen Menschen, die als Schwarze mit institutionellem und Alltagsrassismus konfrontiert sind. Während Starr zu Beginn des Romans rassistische Aussagen von ihren Schulkolleg*innen noch schluckt und ignoriert, entwickelt sich im Laufe der Geschichte auch bei Starr eine Wut gegenüber den Rassismen, gegenüber dem Wissen aufgrund ihrer Hautfarbe und des Viertels, aus dem sie kommt, kein gleichwertiger Teil der US-amerikanischen Gesellschaft sein zu können. Sie entwickelt Wut und Trauer gegenüber der Erkenntnis, dass manche Leben mehr wert sind als jenes ihres besten Freundes Khalil, der für so viele andere Schwarze Menschen steht, die aufgrund ihrer Hautfarbe durch Polizeigewalt getötet wurden, der aber auch für so viele Schwarze in den USA steht, die systematisch diskriminiert und ausgegrenzt werden, die zuallererst als thugs**, also als Kriminelle, wahrgenommen werden. Eine Wahrnehmung, durch die die Gesellschaft abseits des Viertels gleichzeitig die ausgeübte Gewalt legitimiert.

Deborah Feldman: Überbitten

„Gab es denn nichts außerhalb von ‚jüdisch‘ und ‚nicht-jüdisch‘ wollte ich wissen? Gab es etwas dazwischen, darüber hinaus? War es möglich, dass ich einer Sphäre angehörte, die jenseits dieser beiden Pole existierte?“ Weniger Roman als biographische Erzählung ist Deborah Feldmans „Überbitten“. Ein Buch, das dort beginnt wo ihr Erstlingswerk „Unorthodox“ aufhört: Erzählt Feldman in ihrem ersten Buch vom Aufwachsen in der ultraorthodoxen jüdischen Gemeinde der Chassid*innen, setzt „Überbitten“ bei der Ankunft im säkularen Manhattan an und erzählt von der Flucht aus der jüdischen Gemeinde und der darauffolgenden Suche nach Identität. Dass sie in den USA nicht glücklich werden kann, wird Deborah Feldman schnell klar. Auch wenn sie dort groß geworden, laut ihren Papieren US-Amerikanerin ist, hatte sie keine Ahnung, was es bedeutet, US-Amerikanerin zu sein. In einem Interview mit der ZEIT erzählt sie von ihren Erfahrungen in diesem für sie neuen, in diesem säkularen Land: „Es fordert die absolute Auflösung der Identität. Die Anerkennung der Vergangenheit einer Person wird verweigert. Man kann eben nicht seine Wurzeln rausreißen und dann in Amerika wieder einpflanzen. Du musst dort entwurzelt leben und so tun, als wärst du immer schon dort gewesen.“

Daher setzt sie ihre Suche in Europa fort. „Jeder wollte mich irgendwie über mein Jüdischsein definieren, während ich damit zu kämpfen hatte, mich gerade außerhalb dieses Rahmens zu finden“, schreibt sie über einen der ersten Aufenthalte in Europa, konkret in Frankreich. Und dennoch: Aufgewachsen bei ihrer Großmutter, die als einzige in ihrer Familie Auschwitz überlebt hat und sich nach der Flucht in die USA in den ultraorthodoxen Glauben stürzte, folgt Feldman ihren europäischen Spuren. Ausgerechnet in Deutschland, jenem Land, das für ihre Herkunftsgemeinde das ultimative Böse darstellt, findet Feldman ihre Heimat.

„Überbitten“ setzt sich mit der Vereinbarung von einer individuellen und einer kollektiven jüdischen Identität nach dem Holocaust auseinander, die individuelle Herkunfts- und Identitätssuche trifft in Deutschland aber genauso auf die nicht-übersehbare Gegenwart der Geschichte und auf eine kollektive deutsche Unsicherheit. Niemand hier will etwas mit Jüd*innen zu tun haben, die Angst etwas Falsches zu sagen, ist groß. Als „normal“ durchzugehen ist in Deutschland nicht möglich, es ist nicht der Schmelztiegel, den Feldman aus den USA kennt und dennoch fühlt sie sich gerade hier zum ersten Mal nicht fremd. Erst in Deutschland und innerhalb der Ambivalenzen in denen sie auch hier lebt, versöhnt Feldman ihre Vergangenheit im ultraorthodoxen Judentum mit ihrer Zukunft in Deutschland – ohne dabei die Augen vor Antisemitismus zu schließen, denn schließlich bedeutet Zukunft für sie auch dafür zu kämpfen, dass ihre Generation Frieden findet.

Selbstbestimmung statt Fremdzuschreibung

So unterschiedlich die drei Geschichten auch sind, alle zeigen, dass es niemanden zusteht zu bestimmen, wann und wie eine Person ihre Herkunft, ihre Identität – die oftmals mit intimen Kämpfen einhergeht – offenzulegen hat. Sie sprechen sich gegen Fremdzuschreibungen und für Selbstbestimmung aus. Es sind Bücher, die zu aktuellen Debatten passen. Doch vergessen wird allzu oft, dass sie auch zu Debatten gepasst hätten, die vor zehn Jahren geführt wurden. Für die Schriftstellerin und Kolumnistin Dilek Güngör sind es öde, wenn auch notwendige Wiederholungen: „Ich habe das Gefühl, wir wiederholen uns. Gerade für Leute wie uns ist dieser Hashtag, ob man fragen darf, woher jemand kommt, eine uralte Sache. Wir haben uns da schon tausendmal erklärt. Das ist nichts Neues, auch die Frage, ist Integration gescheitert oder nicht, da gähnen wir bloß noch“, erzählt sie im Interview mit „Deutschlandfunk“. Und gerade deswegen seien allen, die diese Ödheit und Wiederholung dahinter nicht und nicht verstehen wollen, die drei vorgestellten Bücher ans Herz gelegt.

 

Weitere Informationen:

* Der Begriff Švabo ist eine umgangssprachliche Bezeichnung aus dem ehemaligen Jugoslawien und den Nachfolgestaaten, um Deutsche und Österreicher*innen zu benennen. Der Begriff wird vor allem von Migrant*innen verwendet. Der Begriff Alman kommt aus dem Türkischen und bedeutet übersetzt „Deutsche*r“ und kann (wie der Begriff Švabo) verwendet werden, um „typisch Deutsches/Österreichisches“ zu benennen. Ähnlich wird auch der Begriff Kartoffel für Deutsche verwendet.

** Der Titel des Buchs basiert auf dem Ausspruch des Rappers Tupac Shakur, der Thug Life als Akronym für „The Hate U Give Little Infants Fucks Everbody“ versteht. Starrs Vater erklärt ihr die Bedeutung des Ausspruchs: „Wenn die Khalils eingelocht werden, weil sie Drogen verkaufen, verbringen sie entweder einen Großteil ihres Lebens im Knast, einer anderen milliardenschweren Branche, oder sie haben Probleme, einen richtigen Job zu finden und fangen dann wahrscheinlich wieder an zu dealen. Das ist der Hass, den sie uns geben, Baby, ein gegen uns gerichtetes System. Das bedeutet Thug Life."

 

Der Film The Hate U Give wurde auch verfilmt (Regie: George Tilman, jr.). Hier geht’s zum Trailer:  https://www.youtube.com/watch?v=3MM8OkVT0hw

Die Kolumnen von Dilek Güngör werden auf ihrer Webseite gesammelt: http://www.dilek-guengoer.de/kolumne/

Netflix kündigte die Produktion einer Mini-Serie an, die auf dem ersten Buch von Deborah Feldman „Unorthodox“ basieren soll: https://variety.com/2019/tv/news/netflix-deutschland-83-anna-winger-series-unorthodox-1203135684/

 

Dilek Güngör: Ich bin Özlem. Verbrecherverlag, 2019, 160 Seiten.

Angie Thomas: The Hate U Give. cbt Kinder- und Jugendbuchverlag, 2017, 512 Seiten.

Deborah Feldman: Überbitten. btb-Verlag, 2018, 704 Seiten.

 

[Foto: Benjamin Storck]