Von der Schwierigkeit einen Dialog über ein Problem zu führen, für das kein Bewusstsein herrscht

Von der Schwierigkeit einen Dialog über ein Problem zu führen, für das kein Bewusstsein herrscht

Von Daniela Trimmel

Rassismus? Dabei denken viele von uns an verbale und physische Angriffe auf bestimmte Personen oder Personengruppen, an rechtsextreme Vereine oder rechtspopulistische Publikationen. Quelle des Problems: einzelne, „böse“ Menschen, deren moralischer Kompass in die falsche Richtung zeigt.

Was aber, wenn Rassismus viel tiefer greift? Wenn auch „gute“ Menschen Teil eines Systems sind, das Rassismus als Überlebensstrategie nützt? Dann spricht man von institutionellem oder auch strukturellem Rassismus – und der ist weiter verbreitet, als man denken mag. Ein Problem, bei dem die Britin Reni Eddo-Lodge in der Vergangenheit oft gegen Mauern gelaufen ist, wenn sie darüber – insbesondere mit Weißen Menschen – sprechen wollte. Als Folge ihrer Frustration veröffentlichte sie im Februar 2014 in ihrem Blog einen Text mit dem Titel „Why I’m no longer talking to white people about race“. Die Reaktionen der Leser*innen waren ganz anders als erwartet: Viele stimmten Reni Eddo-Lodge zu und bedankten sich bei ihr dafür, ein genauso empfundenes Gefühl in Worte gefasst zu haben. Andere wiederum – besonders Weiße Menschen – entschuldigten sich bei der Autorin und baten sie darum den Dialog fortzuführen. Mit ihrem im Jahr 2017 veröffentlichten Buch mit eben jenem Titel, hat Reni Eddo-Lodge genau das getan.

„Why I’m no longer talking to white people about race“ widmet sich in sieben Kapiteln den unterschiedlichen Ausprägungen von strukturellem Rassismus und zeigt auf, wie das Leben von People of Color durch diesen beeinflusst wird. Dabei stützt sich Reni Eddo-Lodge zwar auch auf exemplarische Einzelfälle, basiert ihre Ausführungen jedoch vor allem auf quantitative Daten.

Reni Eddo-Lodge startet ihre Auseinandersetzung mit strukturellem Rassismus mit einem Überblick über die Geschichte Großbritanniens im Umgang mit People of Color. Dem folgt eine ausführliche Analyse des heutigen Systems, in der das Bildungswesen ebenso beleuchtet wird wie der Arbeitsmarkt, die Wohnpolitik und die Justiz. Das Kapitel „What is White Privilege?“ macht deutlich, was es bedeutet in einer Welt zu leben, in der Weißsein die Norm ist. White Privilege beschreibt Reni Eddo-Lodge darin eindrücklich als „[…]an absence of the consequences of racism, […] an absence of your race being a problem first and foremost, an absence of ´less likely to succeed because of my race´”. Auch der Angst vor Überfremdung geht sie in ihrem Buch auf den Grund und illustriert diese anhand eines Interviews mit Nick Griffin, dem ehemaligen Vorsitzenden der British National Party sowie ehemaligem Mitglied des Europäischen Parlaments.

Ihren Erfahrungen mit feministischen Bewegungen räumt Reni Eddo-Lodge ein eigenes Kapitel ein. Als Vertreterin der Intersektionalitätstheorie – welche sie verständlich und kurzweilig erklärt – ist es ihr ein Anliegen, dass die Überschneidungen zwischen Rassismus und Sexismus nicht nur erkannt werden, sondern auch gemeinsam gegen diese beiden Formen von Diskriminierung vorgegangen wird.

„Why I’m no longer talking to white people about race“ schließt mit einer Analyse der untrennbaren Verbindung von Rasse und Klasse und der Erinnerung, dass die Lösung des Problems mit uns selbst beginnt.

Obwohl auf Geschichte und Gegenwart des Rassismus in Großbritannien fokussiert, können die zeitgemäßen Betrachtungen von Reni Eddo-Lodge so oder in ähnlicher Weise auch für andere Länder gelten. Claudia Schäfer, Geschäftsführerin von ZARA (Zivilcourage und Anti-Rassismus-Arbeit), hält bei der Präsentation des jährlichen Rassismus Reports zur Situation in Österreich etwa fest: „Insgesamt scheint sich eine Art rassistischer Grundkonsens breitgemacht zu haben, der sich seinen Weg in viele Strukturen und Entscheidungsgremien gebahnt hat“.

Es scheint also höchste Zeit, ein Problembewusstsein zu schaffen und strukturellen Rassismus aufzubrechen. In Großbritannien, Österreich und dem Rest der Welt. #GemeinsamSindWirMehr

Reni Eddi Lodge: Why I’m no longer talking to white people about race. Bloomsbury Trade, 272 Seiten, Juni 2018.

 

Weitere Informationen:

Interview mit Reni Eddo-Lodge

ZARA Rassismus Report [pdf]

 

[Bild: Bloomsbury]