Von der Pilgramgasse, dem Sozialstaat und Mai-Ehen: Filmrezension „Zu ebener Erde“

Von der Pilgramgasse, dem Sozialstaat und Mai-Ehen: Filmrezension „Zu ebener Erde“

Von Viktoria Penz

Manche Bilder gehören so sehr zum Stadtalltag, dass sie beinahe fixer Bestandteil der visuellen Infrastruktur einer Stadt sind. Da wäre die Postfrau, die man immer in derselben Straße trifft, oder der Greenpeace-Aktivist, an dem man jeden Tag auf dem Weg zur Arbeit vorbeikommt. Und dann gibt es noch das Bild mit dem Menschen, der vor dem U-Bahn-Ausgang sitzt, tagtäglich, während ein Menschenstrom reaktionslos an ihm vorüberzieht. Dieses Bild gibt auch Michael Jolly ab. Er ist einer der Protagonisten des Dokumentationsfilms „Zu ebener Erde“ und wird in einer der Eingangsszenen in seinem Rollstuhl vor der Station Pilgramgasse gezeigt. Mit einem selbst gebastelten Schild in den Händen wünscht er den PassantInnen einen guten Morgen und einen erfolgreichen Tag. Der Großteil der Menschen geht einfach weiter, die meisten sehen ihn nicht einmal an.  

Für „Zu ebener Erde“ begleitete das Regietrio Birgit Bergmann, Steffi Franz und Oliver Werani obdachlose Menschen in Wien durch die vier Jahreszeiten. Sie folgen ihnen zur Caritas, zum Westbahnhof und in ihre Unterkünfte. Hedvig beispielsweise, eine ältere Dame, die nie um ein Wort verlegen ist, lebt in einer Höhle von Ästen und Gerast am Stadtrand von Wien. Dort empfängt sie Freundinnen; erläutert ihnen, warum sie den österreichischen Sozialstaat nicht sozial findet. Erklärt, dass sie bald einiges erben würde; sollte sie die Unterkunft einer NGO beziehen, wäre das Erbe weg. Deshalb wohnt sie auch im Winter in der Höhle. Ihr langes, weißes Haar stylt sie mit Haarspray, bevor sie eine Vorlesung an der Uni Wien besucht. Wortgewandt bringt sie sich dort mit einem globalisierungskritischen Kommentar ein. Katka hingegen kann nur in einer Szene ungestört von ihrem Leben erzählen. Ihr Mann, Ladislav, unterbricht die Slowakin in den anderen Szenen, fügt hinzu, was er für wichtig hält und erzählt von seinen Plänen. Katka sagt, ihre Ehe sei eine Mai-Ehe, und es hieße, Mai-Ehen seien besonders unglücklich. Ladislav fährt sie zur Ärztin, bringt sie im Winter zu einer Notschlafstelle, stellt sie in ihrem Rollstuhl vor einen U-Bahn-Ausgang. Eingehüllt in Decken versucht die schmächtige Frau dort Kontakt mit den Leuten aufzunehmen. Hinter ihr hängt das Plakat eines Einrichtungshauses; eine Pendelleuchte wird um 79,99 Euro beworben. Auch Herr Birkner wird porträtiert. Er war bei der Fremdenlegion und lacht etwas verschämt, als ihn die Caritas-Mitarbeiterin nach seinem perfekten Französisch fragt. Dann bekommt er neue Kleider und wird beim Duschen unterstützt.         

Filmstill Zu ebener Erde

In „Zu ebener Erde“ plätschern die Geschichten von Menschen, welche das Stadtbild maßgeblich formen, ruhig vor sich hin. Man sieht, wie die MitarbeiterInnen der Notschlafstelle mit den Obdachlosen interagieren; wie manche der ProtagonistInnen sich ob der ungewohnten Aufmerksamkeit öffnen und am Lagerfeuer von verstorbenen Kleinkindern oder, im Gegenteil dazu, von ihrem Kinderwunsch erzählen. In einem Fall begleitet die Langzeitdokumentation einen der ProtagonistInnen sogar bis ans Grab. Die RegisseurInnen halten sich dabei im Hintergrund, ab und an haken sie in Gesprächen nach. Nüchtern und in jeder Sekunde reflektiert breiten sie die Leben derer aus, die man im Alltag oft nur für Sekunden wahrnimmt. Schon nach einigen Szenen beginnt man als Zusehende/r, die eigene Rolle zu hinterfragen, denn ein dominierendes Motiv ist jenes, der auf Bänken und Rollstühlen sitzenden Menschen, die mit anderen in Kontakt treten wollen – und ignoriert werden. Die Absurdität der vorbeiströmenden Menschenmassen wird durch die Geschichten fast greifbar. Dennoch lösen die Bilder kein Mitleid aus; auch Aussagen, dass jemandem geholfen werden müsse, vermeidet der Film. Eher macht der Perspektivenwechsel auf sehr klare Weise auf das ewige Vorbeischauen aufmerksam. Zum Teil ist der Film zu ruhig – wer sich emotionale Geschichten vom schweren Leben einer Obdachlosen erwartet, ist mit diesem Film falsch beraten. Die RegisseurInnen geben den ProtagonistInnen vielmehr die Zeit, zu erzählen, was sie möchten. Ohne Kommentar und ohne ein Spektakel daraus zu machen. Fazit: Ein gelungener Beitrag zur Wahrnehmungsschärfung, der ein bisschen mehr Tempo vertragen könnte.

 

Die nächsten Spieltermine:

15. Oktober, 18:00 und 20:00 im Stadtkino im Künstlerhaus, Wien

17. Oktober, 17:30 im Cinema Paradiso, St. Pölten

17. Oktober, 16:00 im Actor’s Studio, Wien

18. Oktober, 18:00 und 20:00 im Stadtkino im Künstlerhaus, Wien