Vom Anfang des Endes der Aquarius

Vom Anfang des Endes der Aquarius

Von Viktoria Penz

 

Macerata ist ein verschlafenes, italienisches Kleinstädtchen inmitten von korngoldenen und dunkelgrünen Hügeln, von dem hierzulande höchstens ItalienexpertInnen schon einmal gehört haben. Allerdings verstecken sich zwischen den mittelalterlichen Mauern auch Geschichten von Menschen, die auf der Aquarius Leben retteten und ihre Heimat aufgrund unsäglicher Dinge verlassen mussten – jene Geschichten von Migration, die derzeit in Verdrängung geraten sind.

Im wörtlichen Sinne bedeutet der Name der mittelitalienischen Kleinstadt Macerata aufgeweicht, in der Kulinarik auch durchzogen, mariniert. Tatsächlich passt der Name sehr gut zu der idyllischen Gemeinde mit den mittelalterlichen Stadtmauern, denn Macerata ist „durchzogen“ von außergewöhnlichen Geschichten. Vor fast genau einem Jahr wurde in dem 40.000-Einwohner-Städtchen ein Koffer mit einer zerstückelten Frauenleiche gefunden. Der mutmaßliche Täter, ein Nigerianer, wurde wenig später verhaftet. Als Reaktion darauf schoss ein lokaler Neonazi aus dem fahrenden Auto auf sechs schwarze Passanten. In Macerata findet man aber auch andere, positive Geschichten. Still und heimlich beherbergt das Städtchen Menschen, deren Leben von Migration geprägt ist. Vladimir zum Beispiel. Er kommt aus Schweinfurt, Deutschland, und lebt seit zwei Jahren in Italien. Er fuhr als Teil der Besatzung der Aquarius nach Valencia, als dem Schiff als erstem privatem Seenotrettungsschiff das Anlegen an einem italienischen Hafen verboten wurde. Auch Armand (Anm. d. Red.: Name geändert) lebt seit zwei Jahren in Macerata. Er kommt aus Abidjan, der insgeheimen Hauptstadt der Elfenbeinküste. Er hat in Italien politisches Asyl erhalten. Migration über das Mittelmeer ist das Thema, das die beiden verbindet. Es ist das Thema, das sich durch ihre neue Heimatstadt und ihre Heimatkontinente zieht. Das Thema, von dem mir die beiden sehr unterschiedlichen Männer in Macerata erzählen.    

Von direkten und scheuen Blicken

Als ich Armand das erste Mal treffe, ist er sehr still. Wir nehmen an einem Theaterworkshop mit verschiedensten Beteiligten teil. Für eine erste Workshopübung müssen wir einem uns zugeteilten Gegenüber minutenlang ohne Sprechen in die Augen schauen, um die Person vor uns zu beschreiben. Armand und ich werden einander zufällig gegenübergestellt.

 

Er ist etwas kleiner als ich, seine Augen liegen weit auseinander und blicken mich direkt an. Er lächelt nicht. Er versucht auch nicht, irgendetwas darzustellen. Sein Blick ist schwer und belastend, auf eine Weise leer, die ausdrückt, dass es für ihn keine Bedeutung mehr hat, was um ihn geschieht. Ich versuche, meinen neutralen Blick zu halten. Dann beginne ich – natürlich ohne es zu wollen – zu weinen. So oft ich auch blinzle, die Tränen lassen sich nicht zurückhalten. Drei Monate später, nachdem er mir seine Geschichte erzählt hat, erinnert er mich an diesen Moment. Er meint, ich hätte alles gesehen in diesem Augenblick, als ich in Tränen ausbrach.

 

Wenn Vladimir von seiner Zeit auf der Aquarius erzählt, blickt er einem nur manchmal scheu in die Augen. Er ist zu sehr darauf konzentriert, die richtigen Worte zu finden und Sachverhalte verständlich zu machen. Sein Gesicht entspricht den russischen Stereotypen mit hohen Wangenknochen und hellen Augen. Vladimir ist in Kasachstan geboren, seine Kindheit verbrachte er in der Sowjetunion. Als Jugendlicher kam er aufgrund des Aussiedlerstatus seiner Mutter nach Deutschland. Seine Jobsuche in Italien hat ihn ausgerechnet auf die Aquarius geführt. Im Juni 2018 trat er zum dritten Mal seinen Dienst auf dem Schiff an. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich die italienische Innenpolitik aber bereits gravierend verändert. Als er nach dem Ende jenes Turnus zum regulären Austausch der Besatzung in Marseille anlegte, geschah dies für längere Zeit. Vladimir glaubt nicht, dass die Abwesenheit von Rettungsschiffen die Menschen von der Flucht abhalten wird. Auch Armand glaubt das nicht.          

 

Eine positive Erzählung statt Not und Armut     

Als ich Armand bitte, mir von seiner Geschichte zu erzählen, will er anfänglich nicht. Wenig später willigt er doch ein. Im Gespräch wirkt er nervös, erzählt aber detailliert; er, der in Gruppen ruhig und gefasst ist, immer Abstand zu den Anderen hält und nur das Allernötigste spricht. Nachdem er mir von seiner Angst nach der Schießerei des Neonazis in Macerata erzählt, kommen wir auf die Schiffe der Hilfsorganisationen zu sprechen. Auch er kam über die libyschen Lager nach Sizilien, wenig später nach Macerata. Allerdings war seine Zeit in Libyen nicht wie in den Berichten der NGOs. Er meint, er habe sich ruhig verhalten und hätte daher keine Probleme bekommen. Aber er weiß, dass die Frauen in den Lagern sich prostituieren, um an Geld für Essen zu kommen, dass Menschen auf offener Straße aufgegriffen werden und als Sklaven verkauft werden. Ihm sind diese Horrorgeschichten aber erspart geblieben. Sein Horror fand viel früher statt.

 

Der Beginn seiner Erzählung vom früheren Leben in der Elfenbeinküste steht in Kontrast zu den Geschichten von Armut und Not in Westafrika. Es ist eine jener Geschichten, die Hoffnung geben. Armand lebt mit seiner Frau und seinen drei Kindern im Haus seines Vaters in Abidjan. Durch eine Kautschukplantage verdient er sehr gutes Geld. Er engagiert sich in einer politischen Gruppe, denn, so sagt er, in seinem Land sei das Geld sehr ungleich verteilt. In seinem Stadtviertel ist Armand der Vorstand einer Gruppe von 200 Mitgliedern, die den amtierenden Präsidenten unterstützen. Damit endet aber bereits der schöne Teil der Erzählung. Schon 2002 hatten Spannungen zwischen dem Norden und dem Süden der Elfenbeinküste einen Bürgerkrieg entfacht. Im Norden, welcher bis heute Heimat für viele ImmigrantInnen aus den Nachbarländern ist, bildeten sich Rebellengruppen, die gegen die Regierung ankämpften. 2007 schloss man schließlich ein Friedensabkommen. Nach den Präsidentschaftswahlen Ende 2010 erkannten die internationalen Organisationen einen neuen Präsidenten an, doch auch der amtierende Präsident sah sich als Wahlsieger und weigerte sich zurückzutreten. Erneut flammte ein Bürgerkrieg auf. Die beiden verfeindeten Lager griffen sich gegenseitig an, Entführungen und Morde waren an der Tagesordnung.

 

Hier beginnt Armands Unglück. Zu Beginn des Jahres 2011 zog sich Armands Frau mit den Kindern aufgrund jener Bürgerkriegssituation in das Heimatdorf ihrer Eltern zurück. Armand selbst blieb mit seiner halbseitig gelähmten Mutter in Abidjan, da er seine politische Verantwortung nicht aufgeben wollte. Er erinnert sich, es muss der Morgen des 7. Aprils 2011 gewesen sein, als eine Bekannte in sein Haus kam, von der Ermordung ihres Mannes berichtete und um Schutz in seinem Haus bat. Armand beschloss, mit den Rebellen zu reden. Seiner Meinung nach wird Politik nicht mit Waffen gemacht, sondern mit Worten. Nachdem diese jedoch ein Redeangebot ausschlugen, zog er sich zurück. Eines Tages, als Armand gerade zu Besuch bei einem Nachbarn war, hielt ein Auto vor seinem Haus. Der Nachbar befahl ihm, sich unter seinem Bett zu verstecken. Beide Männer wussten, weswegen der Besuch gekommen war. Zwei Schüsse fielen. Als Armand von dem Bett hervorkroch, sah er, wie die Leichname seiner Mutter und der Bekannten vor das Haus gezerrt wurden, um sie zu verbrennen. Seine Brüder werden ihm später die Schuld am Tod ihrer Mutter geben.

 

Armand weint, als er vom Tod seiner Mutter spricht. Ein 36-jähriger, muskulöser, gut gekleideter Mann, der die Flucht nach Europa überlebt hat. Er erinnert sich, dass nach der Rettung aus dem Mittelmeer alle MigrantInnen am Schiff geweint hätten, nur er nicht. Eine Frau fragte ihn, warum er nicht weine, warum er wie tot wirke. Er hätte geantwortet, er sei seit einigen Monaten tot.

 

Das Weinen auf der Aquarius        

Auch Vladimir erzählt von den Freudentränen und den Tänzen, mit welchen die Geflüchteten an Bord ihren – wie sie es nennen – zweiten Geburtstag feiern. Die meisten Mitglieder der Crew der Aquarius arbeiteten drei Wochen am Stück auf dem Seenotrettungsschiff. Als er Anfang Juni seinen Turnus antrat, wurde ihm berichtet, dass sich der Ton von offizieller Seite gegenüber den NGOs merklich verschlechtert hatte. Dennoch erhielt die Aquarius vom Maritime Rescue Coordination Center in Rom die Anweisung, zwei Schlauchbooten zu Hilfe zu eilen. Mehr als 200 Menschen konnten bei der nächtlichen Rettungsaktion geborgen werden. Am nächsten Tag brachten zwei Schiffe der italienischen Küstenwache noch einmal 400 Menschen an Bord, um selbst für weitere Rettungen bereit zu stehen. Eine Routinemaßnahme. Danach begab sich die Crew auf Hinweis des römischen Koordinationszentrums auf den Weg Richtung Sizilien. Zwischendurch sollte der Crew der Port of Safety, der endgültige sichere Ankunftshafen, mitgeteilt werden. Doch zwischen Italien und Malta musste das Schiff halten, denn der italienische Innenminister verweigerte dem Schiff die Ankunft auf Sizilien. Er wollte, dass Malta, das eigentlich zuständig wäre, das Schiff anlegen lässt. Malta wies ein Anlegen jedoch ebenfalls strikt zurück. Während sich die diplomatische Krise zwischen Malta und Italien zuspitzte, vergingen zwei Tage, die 629 Geflüchteten samt Crew mussten auf dem Schiff in Ungewissheit ausharren.

 

Vladimir erzählt, dass die Aquarius wie ein Tauschgut in der politischen Diskussion behandelt wurde, aber sie war ein Gut, das niemand haben wollte. Mit Voranschreiten der Zeit wurde die Kontrolle der Menschenmenge immer schwieriger. Nach 48 Stunden wurde bekannt gegeben, dass Valencia das Schiff aufnehmen wollte. Zwei Schiffe der italienischen Küstenwache, welche dem Schiff inzwischen den Großteil der Flüchtlinge wieder abnahmen, begleiteten die Aquarius nach Spanien. Die Reise dorthin ist einige Male länger als der Weg nach Sizilien. Natürlich war man an Bord der Aquarius nicht darüber erfreut, dass ganze drei Rettungsschiffe der Search-and-Rescue-Area fernblieben, ausgerechnet zu einer Zeit, in der besonders viele Schlauchboote von Libyen absetzten. Die Besatzung hatte allerdings keine andere Wahl. Letztlich blieben ungefähr 100 Personen – vor allem Frauen, Kinder und Verletzte – auf der Aquarius. Vladimir schätzt, dass etwa 20 Prozent der Geretteten, welche während seiner Zeit auf der Aquarius geborgen wurden, Frauen und Kinder waren. Der Rest sind Männer, die meisten unter 40 Jahre alt. Viele der Geflüchteten kommen aus West- und Ostafrika, einige direkt aus den afrikanischen Mittelmeerländern, sehr wenige aus Pakistan. Vladimir erzählt, dass die Fluchtursachen stark variieren; viele flüchten vor der Perspektivlosigkeit in ihrer Heimat, wohingegen viele der Ankömmlinge aus Eritrea und Somalia orthodoxe Christen sind, die in ihren Heimatländern aufgrund ihrer Religion verfolgt werden. Viele Andere fliehen vor anhaltenden Unruhen, bewaffneten Konflikten oder sonstigen lebensbedrohlichen Umständen aus ihren Ländern. Unzählige kommen ohne Papiere aus den libyschen Detention-Centers, andere kommen gleich nach der Reise durch Libyen auf die Schlauchboote.

 

Die Hilfe und ihre Grenzen         

Armand stand unter akuter Lebensgefahr, als er die Elfenbeinküste verließ. Nach der Ermordung seiner Mutter versteckte er sich für einige Tage in einer Kirche. Mit seiner Frau und den Kindern flüchtete er am 12. April 2011 nach Ghana. Er musste seine Kautschukplantage zurücklassen, seine Kinder konnten wiederum im Nachbarland keine Schule besuchen. Dafür wurde ein viertes Kind während der Zeit in Ghana geboren.     

 

Einen Tag vor Armands Flucht war der ehemalige Präsident festgenommen worden. Nachdem über eine Million Menschen aufgrund der Kämpfe geflohen waren – viele von ihnen innerhalb des eigenen Landes – wollte der neue, international anerkannte Präsident mit Friedensgesprächen Normalität herstellen. Den Geflüchteten sollte die Rückkehr ermöglicht werden. 

 

Armand beschließt 2014, drei Jahre nachdem er das erste Mal aus der Elfenbeinküste geflohen war, wieder zurückzukehren. Doch schon vor der Grenze zu Ghana wird seine Familie abgefangen. Es erfolgt eine Fahrzeugkontrolle, die Dokumente der Familie werden konfisziert und die Familie wird zur nächsten Polizeistation gebracht. Während die Frau und die Kinder die Station nach einer Nacht verlassen können, wird Armand festgehalten, ihm sollen die Bedingungen seiner Rückkehr eingebläut werden: Von nun an solle er sich ruhig verhalten und jeglichen Kontakt zu seiner ehemaligen Gruppe abbrechen. Ansonsten bringe man ihn um. Um ihm letzteren Umstand zu verdeutlichen, wird er auch gefoltert. Als er den Bedingungen zustimmt, lässt man ihn frei. Armand versteckt sich in dem Haus, das er vor seiner Ehe bewohnte. Er holt seine Familie zu sich. Von FreundInnen erfährt er, dass sein Haus in Abidjan angezündet wurde; wo die Überreste seiner Mutter und der Bekannten verblieben sind, weiß niemand. Armand wagt sich nach Abidjan vor, will das, was von seinem Haus übrig geblieben ist, retten. Er versucht herauszufinden, ob er irgendetwas tun kann, trifft auch wieder auf Mitglieder seiner früheren Gruppe. Wenige Tage später erscheinen zehn Personen in drei Autos vor dem Haus, das er mit seiner Familie bewohnt. Er nimmt eine Dusche zu jenem Zeitpunkt; seine Frau sagt den Rebellen, er sei fort. Als er schließlich zur Szene stößt, werden seine Frau und die Kinder von den Männern geschlagen. Mit den Gewehrkolben beginnen sie auch auf ihn einzuschlagen. Schließlich wenden sich die Männer dem jüngsten Kind zu, das erst in Ghana geboren wurde. Die Männer schlagen auf das Kind ein und erschießen es schließlich. Dann wird Armand abtransportiert.

 

Wieder wird er für zwei Wochen gefoltert, jeden Tag, bis er eines Tages das Bewusstsein verliert. Die Peiniger glauben, er sei tot und werfen ihn auf ein Feld. Doch Armand lebt noch. Eine Frau findet ihn zufällig. Armand wird ins Krankenhaus gebracht und reanimiert. Nach einer Woche kommt er wieder zu Bewusstsein. Armand erzählt, dass die Frau, seine Retterin, ihn immer wieder besuchte und ihm ihre Hilfe anbot, ohne die er wohl nicht überlebt hätte. 

 

„Als würde einem das Kreuz brechen“   

Als ich Vladimir nach der Motivation für die Arbeit auf der Aquarius frage, kommt auch er auf die Menschen zu sprechen, die seiner Familie nach ihrer Ankunft in Deutschland immer wieder geholfen hatten. Diese Unterstützung trug für ihn und seine Familie eine maßgebliche Bedeutung. Auch die moralische Verpflichtung, Menschen in Not zu retten, spricht er an. Natürlich waren es aber auch praktische Gründe, welche ihn auf das Schiff geführt hatten: Als Diplomingenieur für Seefahrt hatte er viele Jahre auf Schiffen gearbeitet, bevor er als Logistiker für die Organisation Ärzte ohne Grenzen tätig war. Auf der Aquarius anzuheuern war daher naheliegend. Letzten Endes unterscheidet sich die Arbeit auf einem Seenotrettungsschiff jedoch grundsätzlich von jener auf einem Handelsschiff. Besonders Rettungen bei Nacht seien eine schiere Herausforderung, erzählt Vladimir.

 

Auch die letzte Rettungsaktion vor der Schließung der italienischen Häfen zog sich bis in die Nacht. Nachdem die römische Koordinationsstelle den Notruf des Schlauchbootes weitergeleitet hatte, fuhr die Aquarius bei beginnender Dunkelheit in Richtung der Search-and-Rescue-Area. Vladimir erklärt, dass dieser Bereich etwa 25 Seemeilen vor der libyschen Küste, also gut 45 Kilometer vom Festland, beginnt. Die Zone war damals als Such- und Rettungszone definiert, da sie aufgrund eklatanter Mängel nicht von der libyschen Küstenwache gesichert werden konnte. Sobald von dort ein Notruf an die Koordinationsstelle einging, wurde dieser an Schiffe im Umkreis weitergeleitet. Oftmals wurden die Schlauchboote schon auf dem Weg durch die Küstengebiete, welche sie für mehrere Stunden durchqueren mussten, von der libyschen Marine wieder aufgegriffen. Die Schließung der italienischen Häfen wirkte sich letztlich auch auf den Status dieser Search-and-Rescue-Zone aus: Kurz nachdem Italien und Malta erklärten, dass sie keine von den NGOs geretteten Flüchtlinge mehr aufnehmen wollten, wurde die Zone überraschenderweise zu einem von der libyschen Küstenwache offiziell kontrollierten Gewässer erklärt. Dadurch fällt Libyen sowohl die Koordination von Rettungsaktionen in dieser Zone, als auch das Bereitstellen eines sicheren Ankunftshafens zu.

 

Als sich die Aquarius schließlich auf den Weg zur Search-and-Rescue-Zone begab, fand die Crew bei Sonnenuntergang ein erstes in Seenot geratenes Boot. Ein zweites wurde gefunden, als es bereits dunkel war. Wie bei jeder Rettungsaktion waren die Teams in den Rettungsbooten, welche die Menschen von den Schlauchbooten auf die Aquarius bringen, mit kleinen Videokameras auf ihren Helmen ausgestattet. Denn um die Rettungseinsätze zu verbessern, wurden die Aufnahmen nach jedem Einsatz ausgewertet. Vladimir sagt, diese Videos zu analysieren sei noch schwieriger als die eigentlichen Rettungen: Zu sehen ist Dunkelheit, zu hören sind Schreie, welche nach einiger Zeit aussetzen. Denn besonders, wenn die Geflüchteten bei der Ankunft der Aquarius bereits im Wasser sind, sind die Rettungen eine übermenschliche Herausforderung; kommt dann auch noch die Dunkelheit hinzu, können trotz der Erfahrung der Crew oft nicht alle gerettet werden. Im Normalfall nähern sich die Rettungsboote dem Schlauchboot, um den Geflüchteten eine Erklärung des Rettungsablaufs in verschiedenen Sprachen zuzurufen. Wenn die Menschen schon im Wasser sind, werden ihnen Schwimmwesten zugeworfen, um sie über Wasser zu halten, bis sie in das Rettungsboot geholt werden können. Wenn man die Leute ins Boot zieht, sagt Vladimir, glaubt man, das eigene Kreuz würde brechen; selbst für ihn, der fast zwei Meter misst, ist das eine physische Ausnahmeleistung. Denn die Menschen haben nach der vielstündigen Fahrt meist keine Kraft mehr, selbst mitzuhelfen. Vladimir erzählt, dass ein Geruch von Treibstoff, Schweiß und Fäkalien die Rettungen begleitet. Oftmals haben die Menschen schwere Verätzungen am Gesäß, denn in den Booten werden auch Benzinkanister für den Antrieb mitgenommen. Wenn das Benzin ausläuft, verbindet es sich mit dem Salzwasser zu einer ätzenden Mischung. Halbtot vor Erschöpfung wollen sich die Geflüchteten nur noch ausruhen, sobald sie es auf das Schiff geschafft haben. Später, im Laufe der nächsten Tage, kommt die Freude. Bei den Gesprächen, die dann an Bord mit den Menschen geführt werden, bekommt das Team Gewissheit darüber, ob und wie viele Menschen ertrunken sind. Auch in jener Nacht fehlen zwei Personen, die im Schlauchboot waren, es aber nicht auf die Aquarius geschafft hatten. Vladimir sagt allerdings, dass diese letzte Rettung nicht die schlimmste war.

 

Besonders tragisch blieb ihm eine Rettung in Erinnerung, bei der an die 20 Menschen vermisst wurden. Eine Frau sagte, sie habe ihr Baby verloren; es konnte nicht mehr wiedergefunden werden. Bei einer anderen Rettung barg man den Leichnam einer Frau, von der sich später herausstellte, dass sie eine Totgeburt in Libyen hatte, bei welcher sie auch selbst verstorben war. Den Menschen am nächsten Schlauchboot war von den Schleppern befohlen worden, ihre Leiche auf dem Meer zu entsorgen. Auf Schiff wurde später eine Totenwache gehalten. 

 

Nach jener letzten Rettung und dem Aufenthalt in Spanien nahm die Aquarius wieder Kurs auf die Search-and-Rescue-Zone. Vladimir erzählt, dass das Schiff zuerst vom Koordinationszentrum Richtung Tunesien geschickt worden war. Ein Boot sei dort in Seenot geraten, finden konnte man jedoch keines. Währenddessen erhielt die Crew Informationen von mehreren Booten, die von der libyschen Küste abgelegt hatten. Statt jedoch die Aquarius zu involvieren, gab man Bescheid, dass die libysche Küstenwache sich um sie kümmere. Vladimir sagt, man hätte immer mehr den Eindruck bekommen, dass der Besatzung der Aquarius Informationen vorenthalten würden. Als die Crew wenig später in Marseille anheuerte, beschloss sie schließlich, zumindest für die nächsten Wochen nicht auszulaufen, um Lösungen für die verworrene politische Situation zu finden. Selbst den französischen Hafen anzulaufen habe viele Überlegungen eingeschlossen, erzählt Vladimir: Die Crew vermutete, dass man das Schiff nicht mehr abreisen lassen hätte, hätte es in Italien angelegt. Die Vermutung erwies sich als richtig. Eine Woche später musste sich der Kapitän einer anderen Rettungsorganisation auf Malta vor Gericht verantworten.

 

Gestrandet

Dass Armands Peiniger sich vor Gericht verantworten müssen, ist unwahrscheinlich. Viele Mitglieder der ehemaligen Regierung, auch der Präsident, wurden innerhalb der letzten Jahre wegen Menschenrechtsverletzungen angeklagt und verurteilt. Die Verbrechen der Rebellen, welche später den neuen Präsidenten stellten, wurden, wie Menschenrechtsorganisationen kritisieren, international nicht im selben Maße verfolgt. Nachdem der totgeglaubte Armand sich nach den erneuten Folterungen im Krankenhaus erholte, versuchte er über seine Retterin Kontakt zu seiner Familie herzustellen. Seine Frau wollte ihn jedoch nicht mehr wieder sehen. Armand war bewusst, dass er nicht mehr in seinem Heimatland bleiben konnte. Seine Retterin schickte ihn zu ihrem Bruder nach Burkina Faso. So verließ Armand das zweite Mal seine Heimat. In Burkina Faso verbrachte er einige Monate ohne Kontakt zu seiner Familie, bis hin zu dem Tag, als er einem der Rebellen auf einem Markt in Burkina Faso begegnete. Armand erzählt, er sei ohne sich noch einmal umzudrehen zum nächsten Busbahnhof gelaufen. Seine Wahl fiel auf einen Bus Richtung Niger. Er gab niemandem Bescheid, auch nicht dem Bruder jener Frau, die ihm über Monate geholfen hatte. Im Niger angekommen, schloss er sich einer Gruppe an. Armand sagt, dass er, auf der Route Richtung Libyen gelandet, immer weiter nach Norden gelangte und schließlich für kurze Zeit in einem der libyschen Lager war. Von der Überfahrt selbst erzählt er genauso wenig wie vom Lager. Am 21. Juli 2016 erreichte er Italien. Nach zwei Wochen wurde er nach Macerata gebracht.

 

Nachdem er von Italien aus Kontakt zu seiner ehemaligen Retterin aufgenommen hatte, erfuhr er, dass Armands Frau schließlich Kontakt zu seiner Retterin aufgenommen hatte. Wie zuvor Armand, schickte sie auch seine Frau nach Burkina Faso. Nach vielen Zwischenstationen kam diese ohne Kinder in Sizilien an. Armand sagt, er hätte es nicht glauben können, als er das erste Mal wieder ihre Stimme am Telefon hörte. Sie hätten beide geschwiegen und geweint. Obwohl sie nun ebenfalls in Macerata ist, erzählt Armand kaum von ihr. Er sagt nur, sie hätten Probleme.  

 

Als ich Armand noch einmal treffe, ist er wie gewohnt schweigsam. Erst als der Smalltalk überwunden ist und wir wieder über die  Elfenbeinküste sprechen, lebt er auf. Trotz dieser zwei Jahre in Italien merkt man, wo Armand in Gedanken wirklich ist. Er erzählt, dass er im ersten Jahr nach der Überfahrt nach Italien kaum geschlafen habe. Er sagt, er habe seinen Kopf nicht mehr berühren können, solche Kopfschmerzen habe er davon gehabt, und seine Augen hätten sich entzündet.  

 

Vladimir schläft gut. Er erzählt nur Wenigen in Macerata, dass er auf der Aquarius war. Er weiß, dass viele der Ankömmlinge nicht wie Armand sind, dass sie in ihren Heimatländern keiner derartigen Verfolgung ausgesetzt sind. Er weiß, dass viele der Ankömmlinge kein Asyl erhalten werden. Vladimir vergleicht die Lage mit der physikalischen Theorie von zwei Polen, zwischen denen Spannung herrscht: Afrika und Europa seien solche Pole. Das Mittelmeer sei lange eine Isolierschicht gewesen; diese Schicht könne aber mittlerweile überwunden werden. Wird die Spannung schließlich zu groß, entlädt sie sich durch Blitze. Vladimir meint, im Fall von Afrika und Europa seien diese Blitze die Menschen, die ihr Leben bei der Überfahrt aufs Spiel setzen. 

 

Tatsächlich werden die Blitze derzeit weniger, die Spannung zwischen den Polen ist jedoch anhaltend stark. Laut Schätzungen des UNHCR sind 2018 2.262 Menschen beim Versuch, das Mittelmeer zu überqueren, verstorben. Die UN publizierte außerdem kurz vor Weihnachten einen Bericht, welcher die anhaltend katastrophale menschenrechtliche Lage in den libyschen Lagern dokumentiert. Italiens Innenminister schimpft indes auf zwei Rettungsschiffe mit 49 MigrantInnen, welchem Italien und Malta das Anlegen kategorisch verbot.

 

Und Macerata? Nach der Schießerei wurde es wieder ruhig in dem idyllischen Kleinstädtchen; nur wenige kennen die Geschichten seiner beiden scheuen Bewohner. Das ist denen wohl auch ganz recht. Denn mittlerweile weht in dem Land, in dem die aktuelle Welle der Fremdenfeindlichkeit erst vergleichsweise spät Fuß fassen konnte, ein anderer Wind.

 

Blick auf Macerata: V.Mischitin

Armand arbeitet mittlerweile in einer Pizzeria nahe Macerata als – wie er es selbst bezeichnet – Praktikant (was eine Tätigkeit mit einem Lohn unter dem Existenzminimum bedeutet). Er hofft trotz allem, eines Tages nach Abidjan zurückkehren zu können.

 

Vladimir war im Oktober noch ein weiteres Mal im „Stand-By“-Modus für die Aquarius tätig. Während die Besatzung versuchte, eine Flagge für das Schiff zu erlangen, beteiligte er sich in Italien an der Öffentlichkeitsarbeit von SOS MEDITERRANEE, der Organisation hinter der Aquarius. Im Dezember überführte er mit der Crew der Organisation Sea-Eye die „Professor Albrecht Penck“ von Rostock nach Gibraltar. Das Seenotrettungsschiff harrt bis vor ein paar Tagen mit 17 der oben erwähnten 49 MigrantInnen vor Malta aus.

 

Die aktuelle Studie zur Situation in den libyschen Lagern kann hier heruntergeladen werden.

 

Die Autorin studierte in Macerata und ist dort auf diese außergewöhnlichen Geschichten gestoßen.

 

Fotos:

  • Titel: alypso77 | stock.adobe.com
  • Vladimir und Armand in Macerata: V.Mischutin
  • Vladimir auf der Aquarius: Hara Kaminara | SOS Mediterranee
  • Rettungsring: Alexander Sinn | unsplash.com
  • Armand blickt auf Macerata: V.Mischutin
  • Blick auf Macerata: V.Mischutin