„Sich näherzukommen ist nicht vergnügungssteuerpflichtig.“

„Sich näherzukommen ist nicht vergnügungssteuerpflichtig.“

Von Wolfgang Krumm

Die positiven Kritiken zum Buch „Das Integrationsparadox. Warum gelungene Integration zu mehr Konflikten führt“ überschlagen sich: Die Zeit spricht von einem beruhigenden Buch in unruhigen Zeiten, der Tagesspiegel sieht einen erfrischenden Perspektivenwechsel und der Freitag ein Aufklärungsbuch, Spiegel Online verordnet es in jede Hausapotheke und auf dem Literaturblog wird gefordert, dass das Buch Pflichtlektüre für PolitikerInnen werden sollte. Ganz schön viel Lob. Zu Recht?

Der Autor des Buches, der Soziologe Aladin El-Mafaalani, wurde bereits mehrfach ausgezeichnet für Arbeiten in den Forschungsfeldern Bildung und Migration. Nach verschiedenen Lehrtätigkeiten an Hochschulen ist er seit 2018 im Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration in Düsseldorf beschäftigt und Koordinator für die Integrationspolitik in Nordrhein-Westfalen.

Er verweist auf die allgemeine Wahrnehmung der Bevölkerung, die derzeit eine gespaltene Gesellschaft sieht und eine Welt, die aus den Fugen gerät. Dagegen hält er seine These: Die Gesellschaft wächst zusammen und die Welt ist sich nähergekommen. Diese Veränderungen führen jedoch zu Spannungen und Konflikten, da die Welt in Bewegung ist und sich die alte Ordnung verliert. Dabei gilt: „Sich näherzukommen ist nicht vergnügungssteuerpflichtig.“

El-Mafaalani vertritt den Standpunkt, dass Integration in Deutschland ziemlich gut gelingt, da die Chancen an Teilhabe von Minderheiten über die letzten Jahrzehnte wesentlich besser geworden sind. Aber dennoch ist es noch nicht perfekt, eine Gleichheit an Chancen ist noch nicht erreicht. Migration beschleunigt den sozialen Wandel und dies überfordert viele Menschen, daher sind Begegnung und Austausch fundamental wichtig für Integration.

Der allgemeinen These, dass eine konfliktfreie Gesellschaft als Referenzrahmen für Erfolge der Integration anzusehen ist, widerspricht er. Es ist eine unrealistische Vorstellung zu glauben, dass durch gelingende Integration und der Realisierung einer offenen Gesellschaft alles gut, harmonisch und im Einklang sei. Die zentrale Folge von gelungener Integration ist zuerst ein erhöhtes Konfliktpotential. Denn gelungene Integration führt nicht zu Homogenisierung, sondern zu Heterogenisierung, nicht zu mehr Harmonie und Konsens, sondern zu mehr Dissonanz und Neuaushandlungen. Somit steht der „Konflikt als Ausdruck des Zusammenwachsens.“

El-Mafaalani liefert mit seinem Buch einen gelungenen Beitrag zum Thema Migration und Integration. Er schreibt sachlich, aber nicht trocken, verknüpft wissenschaftliche Studien mit eigenen Erfahrungen und zeigt dabei auf, dass Integration ein mühsamer, aber auf jeden Fall ein lohnenswerter Prozess ist, der über die letzten Jahrzehnte Minderheiten mehr Teilhabe in der Gesellschaft ermöglicht hat.

 

Aladin El-Mafaalani: Das Integrationsparadox. Warum gelungene Integration zu mehr Konflikten führt. KiWi-Verlag. 240 Seiten. 2018.