Österreich lebt durch Zuwanderung & Vielfalt

Österreich lebt durch Zuwanderung & Vielfalt

Von Valentine Auer

Migration. Ein Thema, über das viel gesprochen wird – oftmals jedoch auf emotionaler Basis und im Rahmen von Schuldzuweisungen. Doch über wen sprechen wir überhaupt, wenn wir über Migrant*innen sprechen? Wie viele Menschen, die ihren Lebensmittelpunkt in Österreich haben, besitzen einen ausländischen Pass? Wie viele sind im Ausland geboren und migrierten nach Österreich? Aus welchen Ländern migrieren die meisten Menschen? Und wie würde Österreich eigentlich aussehen, wenn es keine Zuwanderung geben würde?

Österreich wird vielfältiger

Das Offensichtliche zuerst: Ja, Österreich wird zunehmend vielfältiger – unter anderem aufgrund von Migration. Österreich hat eine Bevölkerung von 8,8 Millionen Menschen. Knapp 1,4 Millionen von ihnen besitzen eine ausländische Staatsangehörigkeit. 1,7 Millionen sind – unabhängig davon, welche Staatsangehörigkeit sie besitzen – nicht in Österreich geboren, also selbst migriert. Das entspricht einem Ausländer*innen-Anteil von 15,8 Prozent, 19,2 Prozent sind Migrant*innen der ersten Generation. 2002 lagen diese Werte noch deutlich niedriger: Damals lebten 9,1 Prozent Ausländer*innen in Österreich und 13,8 Prozent der Menschen wurden im Ausland geboren.

 

 

 

Geht man noch weiter zurück in die Geschichte, zeigt sich, dass es immer wieder Zeiten gab, in denen Migration verstärkt auftrat. Da war zum Beispiel die Anwerbung von sogenannten Gastarbeiter*innen. So lebten 1961 102.000 Menschen mit ausländischer Staatsangehörigkeit in Österreich (1,4 Prozent), durch die Anwerbung von Arbeiter*innen aus dem damaligen Jugoslawien und der Türkei stieg diese Zahl in den 1960ern und 1970ern kontinuierlich an. 1974 wurde ein vorläufiger Höhepunkt des Ausländer*innen-Anteils von 4,1 Prozent (311.689 Personen) erreicht. Oder auch die Kriege im damaligen Jugoslawien führten zu einem Anstieg der Migration, konkreter: zu einem Anstieg der Menschen, die aus ihrer Heimat flüchten mussten. Laut Angaben des UN-Flüchtlingskommissariats (UNHCR) flüchteten in den 1990er Jahren etwa 115.000 Personen aus Kroatien, Bosnien-Herzegowina und dem Kosovo nach Österreich. Mehr als 60.000 von ihnen fanden in Österreich eine neue Heimat.

Freiwillige Migration und EU-Migrant*innen

Dass Migration und somit die Vielfalt der österreichischen Bevölkerung steigt, ist also weder neu noch streitbar – egal aus welcher Perspektive argumentiert wird. In den aktuellen Diskussionen rund um Abschiebungen und Grenzschließungen, gerät jedoch allzu oft in Vergessenheit, dass Flucht nur einen Teil der Migration ausmacht. So zeigt der International Migration Outlook 2018 der OECD, dass im Jahr 2016 56,4 Prozent der Migration nach Österreich freiwillig stattfand. 28,9 Prozent zählten zur sogenannten humanitären Migration (hierzu gehören Geflüchtete) und 9,4 Prozent der Migrant*innen kamen durch Familienzusammenführungen nach Österreich.

Dieser große Anteil der freiwilligen Migration spiegelt sich auch bei der Beantwortung der Frage, woher Menschen migrieren, wieder. Wirft man einen Blick auf jene Menschen, die im Ausland geboren wurden, zeigt sich, dass lange Zeit deutlich mehr Personen aus Drittstaaten als aus EU-oder EFTA-Staaten zuwanderten. In den vergangenen Jahren näherten sich diese Zahlen jedoch an, da nicht nur die Zahl der Geflüchteten, sondern auch die Zuwanderung aus EU-/EFTA-Ländern zunahm: Lag die Nettozuwanderung (= Zuwanderung minus Abwanderung) im Jahr 2018 innerhalb der Drittstaatsangehörigen bei 16.255 Personen, waren es unter EU-Bürger*innen 33.234. Diese Entwicklung führte dazu, dass mittlerweile 46 Prozent aller Migrant*innen erster Generation im EU- und EFTA-Ausland geboren wurden.

 

 

 

Außerdem: Die deutlich stärkste Gruppe der Migrant*innen, die nach Österreich migrieren, sind nach wie vor Deutsche.

 

 

 

Weniger Vielfalt bedeutet auch eine ältere Bevölkerung und weniger Akademiker*innen

Ohne Migration würde Österreichs Bevölkerung zurückgehen, auch das ist eine nur wenig überraschende Aussage. Laut Prognosen der Statistik Austria wird die Zahl der Sterbefälle jene der Geburten aufgrund des Älterwerdens der Baby-Boom-Jahrgänge nach und nach übersteigen. Ohne Zuwanderung würde die Einwohner*innen-Zahl in Österreich vorerst stagnieren, langfristig schrumpfen.

Doch die Folgen fehlender Migration würden sich nicht nur durch das Schrumpfen der Bevölkerung und durch die fehlende Vielfalt bemerkbar machen, auch die Demographie ändert sich durch den Wegfall von Zuwanderung. So wäre die Bevölkerung ohne Migrant*innen um einiges älter: Derzeit liegt das Durchschnittsalter in Österreich bei 42,6 Jahren. Während österreichische Staatsangehörige durchschnittlich 44,1 Jahre alt sind, liegt das Durchschnittsalter bei nicht-österreichischen Staatsangehörigen bei 34,8 Jahren. Und das hängt wiederum stark mit den Fluchtbewegungen zusammen: Am jüngsten sind Menschen aus Afghanistan, Syrien und dem Irak.

 

 

 

Auch andere Bereiche werden von Migrant*innen stark beeinflusst. Die Akademiker*innen-Quote wäre beispielsweise niedriger: Im Jahr 2017 verfügten laut Statistik Austria 18,8 Prozent der 25- bis 64-Jährigen über einen akademischen Abschluss. Der Anteil der Akademiker*innen ist bei Menschen ohne Migrationshintergrund mit 17,7 Prozent deutlich geringer als bei Migrant*innen der ersten Generation mit 22,5 Prozent. Auch manche Berufsbranchen wären ziemlich verloren, wenn es Migration nicht gäbe. Laut den Statistiken des Sozialministeriums sind 52,2 Prozent der Erwerbstätigen in der Branche Land- und Forstwirtschaft (inkl. Fischerei) Ausländer*innen, im Beherbergungs- und Gastronomiebereich sind es 49 Prozent. Und auch die Branchen Erziehung und Unterricht (21,4 Prozent Ausländer*innen-Anteil) sowie Kunst und Unterhaltung (25,4 Prozent) leben – wie Österreich allgemein – durch Vielfalt.

 

Weitere Informationen:

Statistiken zur Bevölkerungsstruktur: http://www.statistik.at/web_de/statistiken/menschen_und_gesellschaft/bevoelkerung/bevoelkerungsstruktur/bevoelkerung_nach_staatsangehoerigkeit_geburtsland/index.html

Der Migration Outlook 2018 der OECD ist online verfügbar: https://read.oecd-ilibrary.org/social-issues-migration-health/international-migration-outlook-2018_migr_outlook-2018-en

Statistiken zum österreichischen Arbeitsmarkt: http://www.arbeitsmarktpolitik.at/bali/

 

[Foto: Pixabay | geralt]