Mehr als Tausendundeine Nacht

Mehr als Tausendundeine Nacht

Das Berliner Projekt Weiter Schreiben veröffentlicht Texte geflüchteter Autor*innen der Gegenwart.

Von Hanna Weichselbaum

Widad Nabi, Noor Kanj, Yamen Hussein und Ramy Al-Asheq. Sie alle haben etwas gemeinsam: Sie sind Autor*innen, kamen aus Syrien und leben nun in Deutschland. Dort angekommen, wollen sie weiterschreiben. Noor Kanj sagt: „Ich möchte, dass mich die Menschen als Schriftstellerin anerkennen, nicht als eine, die schreibt, weil sie geflüchtet ist.“

Die Autor*innen sind Teil des Projekts „Weiter Schreiben“, das 2017 in Berlin gegründet wurde. In diesem werden ihre Texte, Lyrik und Prosa, übersetzt und veröffentlicht. Anfang November 2018 erschien ein Auszug davon in der Anthologie „Das Herz verlässt keinen Ort, an dem es hängt“ im Ullstein-Verlag, herausgegeben von Annika Reich und Lina Muzur. Während das Buch nur die deutsche Übersetzung beinhaltet, finden sich auf dem Webauftritt des Projektes, weiterschreiben.jetzt, die Texte zusätzlich in Originalsprache. Die Autor*innen stammen aus Syrien, dem Irak, Jemen oder Afghanistan, manche sind Roma und Romnja.

Und auch die Illustrationen im Buch stammen von Künstler*innen, deren Wurzeln zum Teil in Krisengebieten liegen. Eine davon ist Luna Al-Mousli. Sie ist in Damaskus aufgewachsen und zog mit ihren Eltern, noch vor dem Krieg in Syrien, nach Österreich. Jetzt arbeitet sie als Grafikdesignerin und Autorin in Wien. Ihre Illustration zeigt einen Zitronenzweig, das Foto einer Socke dahinter. Es illustriert das Gedicht „Wäscheleine“ von Yamen Hussein. Drei Zeilen daraus lauten: „Wenn der Wind aus Homs weht, bilden wir Schulter an Schulter einen Halbkreis, um auf der Wäscheleine zu tanzen.“

Das goldene Ticket in den Literaturbetrieb

Ramy Al-Asheq beschreibt die Idee hinter Weiter Schreiben: „Als Autor ist es das Wichtigste, weiterzuschreiben. Das heißt nicht nur zu schreiben, sondern eine Möglichkeit zum Publizieren zu finden. In einem anderen Land mit anderer Sprache bedeutet das auch, dass dein Geschriebenes übersetzt werden muss. Außerdem müssen Lesungen organisiert werden.“ Das alles biete das Projekt. Annika Reich ergänzt: „Der Mainstreamdiskurs soll bereichert werden mit den Stimmen und Perspektiven auf Flucht und Asyl von den Menschen, die wissen, wovon sie reden.“ Sie ist Autorin, Aktivistin und künstlerische Leiterin von Weiter Schreiben.

In literarischen Tandems wird gemeinsam mit deutschsprachigen Autor*innen Expertise, aber auch Alltägliches ausgetauscht. Das passiert auf ganz unterschiedliche Weise, oft in Gesprächen bei Spaziergängen oder per Skype. „Das literarische Tandem ist wie das goldene Ticket zum deutschsprachigen Publikum“, meint Noor Kanj. Die Autorin Lena Gorelik erzählt über ihr Tandem mit Yamen Hussein: „Ich kann versuchen Kontakte zu vermitteln oder den Literaturbetrieb im deutschsprachigen Raum zu erklären. Gleichzeitig habe ich viel Literatur kennen gelernt durch das Tandem und traue mich nun direkter mit Lyrik umzugehen.“

Herta Müller auf Arabisch

Denn im arabischsprachigen Raum nimmt Lyrik eine wichtige Rolle ein, die hier kaum Beachtung findet: „Leider gibt es wenig Übersetzungen arabischer Werke ins Deutsche“, schildert Ramy Al-Asheq. „In Syrien lasen wir deutsche Literatur, wie zum Beispiel Günther Grass, Herta Müller oder Heinrich Heine. Die arabischsprachige Literatur, die in Deutschland gelesen wird, ist entweder sehr orientalistisch wie in Tausendundeiner Nacht oder es geht um den Islam. Es wäre gut, wenn die vielen syrischen Autor*innen in Deutschland dies nun ändern könnten.“

Die eigenen Texte zu veröffentlichen schaffe ein Gefühl der Sicherheit, so Widad Nabi. Im Frühjahr 2019 wird ihr Lyrikband „Kurz vor dreißig, küss mich“ im Sujet-Verlag erscheinen. Auch andere Autor*innen des Projektes konnten ihre Karriere als Autorin oder Autor in Deutschland wiederaufnehmen: Noor Kanj schrieb ein Theaterstück für Kinder. Ramy Al-Asheq ist Chefredakteur von FANN, einem deutsch-arabischen Kulturmagazin, und arbeitet unter anderem an der Schaubühne in Berlin an einem Theaterstück. Yamen Hussein veröffentlichte das Buch „Salam Yamen, lieber Said“, ein Austausch mit dem Autor SAID aus Teheran. Jetzt recherchiert er für seinen ersten Roman. Dieser wird von seinem Großvater handeln, der nach Syrien flüchtete.

„Wir wollen Solidarität leben“

Weiter Schreiben ist Teil des Aktionsbündnisses „Wir machen das“, das Projekte mit Geflüchteten organisiert und von 100 Frauen aus unterschiedlichen Berufszweigen initiiert wurde, darunter auch Annika Reich. „Charity-Aktionen produzieren oft ein hierarchisches Gefälle, das Dankbarkeit erwartet“, so Reich. „Da wussten wir immer, wir wollen nicht helfen, wir wollen unsere Welt teilen und Solidarität leben.“

Inzwischen bestehe etwa die Hälfte des Teams von „Wir machen das“ aus geflüchteten und migrierten Frauen. So könne das Prinzip des Teilens auch in der internen Organisation gelebt werden. Das Team werde für seine Arbeit aus öffentlichen Geldern bezahlt. Das Bündnis ist aber auch auf Spenden angewiesen.

Wie kann man Weiter Schreiben unterstützen?

Neben finanziellen Spenden könne man dem Projekt auch auf viele andere Weisen helfen, erklärt Reich: die Webseite und das Buch weiterempfehlen und darüber berichten, Autor*innen zu Lesungen und Diskussionen einladen, mithelfen das Netzwerk zu vergrößern. Denn Weiter Schreiben werde es noch länger brauchen, so die Herausgeberin.

Yamen Hussein schließt mit einem Appell an die Literaturcommunity: „Glaubt an die Freiheit. Die Freiheit ist in Gefahr, auch in Europa. Solidarisiert euch nicht nur mit Ländern wie Syrien oder dem Jemen, sondern der Idee etwas frei sagen und schreiben zu können. Das war unser Wunsch 2011, als wir eine Revolution begannen. Viele Schriftsteller oder Schauspieler sind bis jetzt im Gefängnis. Sie sind unsere Freunde, sie haben ein Recht in Freiheit zu leben.“

 

Das Buch: Das Herz verlässt keinen Ort, an dem es hängt. Weiter Schreiben – Literarische Begegnungen mit Autorinnen und Autoren aus Krisengebieten. Ullstein Buchverlage. 272 Seiten, 2018.

 

Weitere Informationen:

Weiter Schreiben: https://weiterschreiben.jetzt

WIR MACHEN DAS: https://wirmachendas.jetzt und https://magazin.wirmachendas.jetzt

FANN, das deutsch-arabische Kulturmagazin: https://www.fann-mag.com/de

 

Fotos: Lesung mit u. a. Noor Kanj (Copyright: Piero Chiussi) | Buchcover (Ullstein Buchverlage) | Noor Kanj (Piero Chiussi) | Yamen Hussein (Fritz Beck)