„Jede Zeit hat die Literatur, die sie verdient“

„Jede Zeit hat die Literatur, die sie verdient“

Von Valentine Auer

Triggerwarnung: Text enthält Inhalte zum Thema sexualisierte Gewalt.

„Eigentlich war die Anthologie letzten Endes so eine Art Experiment. Es war die Frage, kann man Erzählungen versammeln, die wirklich literarisch stark sind, die aber unter einem Oberthema stehen, das sehr aktuell und gesellschaftlich relevant ist. Also auch die Frage - was für einen Beitrag kann Literatur eigentlich zu den Debatten unserer Zeit leisten“, sagt Muzur in einem Deutschlandfunk-Interview. Lina Muzur ist stellvertretende Verlagsleiterin des Hanser Berlin Verlags und Herausgeberin der Anthologie „Sagte Sie. 17 Erzählungen über Sex und Macht“.

Eigentlich wollte Muzur die für sie interessantesten deutschsprachigen Autorinnen und Autoren mit Kurzgeschichten in einem Band versammeln. Mit dem Starkwerden der #metoo Debatte änderte sich dieses Konzept: Nun schreiben ausschließlich Autorinnen Kurzgeschichten über Sex und Macht.

Der Versuch des Verdrängens und Vergessens

„C. ist total für ‚Gleichberechtigung‘. [...] C. findet Mansplaining und den Gender-Pay-Gap megascheiße.“ Und dennoch steckt C. der Protagonistin die Zunge in den Hals und den Finger in die Vagina - obwohl sie das gar nicht will. Es sind Erzählungen wie „Setzen Sie sich“ von Antonia Baum, die die #metoo Debatte erinnern. Nicht nur aufgrund des Übergriffs, der so oder so ähnlich, vielen Frauen bekannt sein wird. Sondern auch aufgrund der Stimmen, die die Geschehnisse im Kopf der Protagonistin kommentieren: „Sorry, aber warum fällt Ihnen das alles erst jetzt ein?“ oder „Es hat ihnen gefallen? Würden Sie sagen, dass Sie ihn angemacht haben?“. Aussagen, die frau immer wieder hört, aber nicht mehr hören kann, nicht mehr hören sollte – auch nicht verinnerlicht durch die eigenen Stimmen im Kopf. Denn diese Kritik lässt oftmals verstummen. Das Erlebte kann nicht erzählt werden und muss verdrängt oder vergessen werden.

Aber Verdrängen und Vergessen sollten keine Alternative sein. Für viele ist es jedoch die naheliegendste Möglichkeit. Von den Folgen dieses Verdrängens und Vergessens schreiben Annika Reich in „Der Fleck“ oder Margarete Stokowski in „Zurück“. Bei „Zurück“ wird Mira schmerzhaft bewusst, dass der Glaube daran, Schweigen sei das Beste und sie hätte einfach Pech gehabt, zu bröckeln beginnt: „Das war kein Pech, sondern ein verdammtes Verbrechen, das sie versucht hatte zu vergessen, dass sich aber in ihr festgebissen hatte und nicht von alleine wieder losließ.“ Oder auch Elif („Ein Zimmer am Flughafen“ von Fatma Aydemir), die sich fragt, wie viele Joints sie noch rauchen muss, um zu vergessen. Weder mithilfe von Joints noch durch den Umzug vom Tatort – ihr ehemaliges Zimmer –, konnte sie die Vergewaltigung hinter sich lassen.

Die Dekonstruktion von Rollen- und Geschlechterbilder

Es sind Geschichten wie diese, die die Leser*innen mit einem beklemmenden Gefühl zurücklassen, und in denen die Gedanken der Protagonistinnen vielen weiblichen Leserinnen vertraut sind, genauso wie die Reaktionen des Umfelds. Doch die Rollen sind nicht immer klar verteilt. So vielfältig die Autor*innen sind, so vielfältig sind die Herangehensweisen zum Thema Sex und Macht. In Erzählungen, die nicht weniger real sind, werden Rollen- und Geschlechterbilder dekonstruiert.

Es gibt im Buch männliche Chefs, die sexuell übergriffig gegenüber ihren weiblichen Angestellten werden, und damit ihre Machtposition demonstrieren. Aber es gibt auch Beate, die sich nichts sehnlicher wünscht als mit ihrem Chef zu schlafen (Juliane Liebert – „Der Montagsbuddha oder Beate Beate Beate“). Es gibt Frau 2, die ebenso namenlos bleibt wie einige männliche Protagonisten im Sammelband und davon erzählt, einen Mann vergewaltigt zu haben (Mercedes Lauenstein – „Die Wahrheit“). Es gibt den Jungen, der in der Schule von Mädchen gemobbt und belästigt wird (Anna Katharina Hahn – „Drei Mädchen“). Aber es gibt auch einen kritischen Beitrag über unterschiedliche Erwartungshaltungen, die an Mädchen und Jungen herangetragen werden.

Ihrer Version der Geschichte zuhören

Erwartungshaltungen und ungleiche Behandlungen, die es in Zukunft aufzubrechen gilt, damit in der nächsten Generation ein Sammelband wie „Sagte Sie“ nicht mehr notwendig ist. Denn – so schreibt Lina Muzur im Vorwort – jede „Zeit hat die Literatur, die sie verdient, und vielleicht ist die Literatur im Jahr 2018 zuerst weiblich und dann universell“. Die vermeintliche „Einseitigkeit“, aus einer ausschließlich weiblichen Perspektive zu erzählen, ist vielmehr der Versuch ein Gleichgewicht herzustellen, so Muzur: „Und weil es durchaus sein könnte, dass wir schon zu lange und zu oft seiner Version der Geschichte zugehört und Glauben geschenkt haben, soll in dieser Anthologie ausschließlich ihre Sicht der Dinge erzählt werden.“

Gerade deshalb wäre es wünschenswert, mehr auf Positionen einzugehen, die – geht es um Sex und Macht – ebenfalls nicht oder nur leise gehört werden. Dazu zählen unterschiedliche sexuelle Orientierungen ebenso wie Identitäten abseits der Zweigeschlechtlichkeit, die im Buch kaum vorkommen. Und dennoch: Für (nicht nur heterosexuelle) Frauen sind viele der meist fiktiven Protagonistinnen vertraut, ihre Haltungen und Gedanken sind nachvollziehbar. Auch wenn sie sich in gänzlich anderen Lebensrealitäten befinden. Und so erweitert der Sammelband die #metoo-Debatte durch diese gefühlte Nähe zu den Protagonist*innen. Ein Buch, dessen Zielgruppe keinesfalls einzig Frauen sein sollten, den diese vielen nahbaren Analysen sollte gerade Männer öfters erreichen.

Lina Muzur (Hg.:) Sagte Sie. 17 Erzählungen über Sex und Macht. Hanser Berlin Verlag. 224 Seiten, 2018.

Mit Beiträgen von Fatma Aydemir, Antonia Baum, Kristine Bilkau, Heike-Melba Fendel, Nora Gomringer, Annett Gröschner, Anna-Katharina Hahn, Helene Hegemann, Margarita Iov, Mercedes Lauenstein, Juliane Liebert, Anna Prizkau, Annika Reich, Anke Stelling, Margarete Stokowski, Jackie Thomae, Julia Wolf.

 

Weitere Informationen:

Unter der Überschrift „Gewalt verhindern“ vereint das Frauenvolksbegehren Forderungen zum Ausbau von Gewaltschutz und Gewaltprävention. Die Eintragungswoche für das Volksbegehren läuft von 1. bis 8. Oktober.

[Foto: Benjamin Storck]