Ich mag dich. Ein Kommentar über gelebten Antirassismus.

Ich mag dich. Ein Kommentar über gelebten Antirassismus.

Von Fanny Holter

 

Wien im Jahre 1992, ich bin Volksschülerin. Einige meiner Klassenkolleg*innen schreiben in der Pause „Bussi“ auf die Tafel, um der Lehrerin eine Freude zu machen. Ich fühle mich ermuntert mitzumachen, denn ich mag die Pädagogin. Denke nicht darüber nach, ob ich auf Deutsch oder Ungarisch schreiben kann, soll oder will, sondern handle einfach.

Ausgrenzung im Alltag

Wenige Minuten später betritt sie das Klassenzimmer, greift nach dem Schwamm und wischt meinen Gruß mit verärgerter Miene weg. Warum, kann ich im Alter von sieben Jahren nicht nachvollziehen. Denn Bussi, auf Ungarisch Puszi, spricht man hierzulande so aus: Pussi.

Ich habe damals nicht verstanden, was ich angeblich falsch gemacht haben soll. Weiß jedoch heute noch, dass ich mich schlecht gefühlt habe. So wie es einem Kind nun mal geht, das verbal eine auf den Deckel bekommt und keine Ahnung hat, warum. Jahre später kann ich über dieses Erlebnis noch immer nicht lachen. Schließlich zeigte sich damals das Unvermögen meiner Lehrerin, mit Mehrsprachigkeit umzugehen.

Gelebte Sprachenvielfalt?

Kinder sollen möglichst früh Fremdsprachen lernen, hört man überall. Jede Sprache, die man spricht, sei eine wertvolle Ressource. Das ist die Theorie, in der Praxis schaut es anders aus.  Französisch- und Italienischunterricht in der Schule? Ja, bitte. Aber Türkisch und Arabisch? Doch lieber nicht.

Ich bin zweisprachig aufgewachsen und empfinde jede Sprache, in der ich mich verständigen kann, als Bereicherung. Hatte nie Angst um meine Identität, wenn ich mich entschieden habe, eine neue Sprache zu lernen. Sprachenlernen ist kein Nullsummenspiel, bei dem eine*r gewinnt und eine*r verliert.

Gesellschaftlicher Zusammenhalt

Manchmal braucht es im Leben einen glücklichen Zufall. Zeit meines Lebens wurde ich von meinen Mitmenschen sprachlich ausgebessert und daher verfolgte mich der Gedanke, ich könne nicht ordentlich Deutsch. Bis ich Nicola, einen angehenden Bildungswissenschaftler, kennengelernt habe. Eines Abends erzähle ich ihm also, dass ich manchmal verunsichert bin, weil ich die vier Sprachen, die ich mehr oder weniger beherrsche, gerne mal mische. Er sagt daraufhin, jeder Mensch habe seine eigene Sprache. Was das für mich konkret bedeutet hat? Dass ich in Ordnung bin, so wie ich bin und wie ich mich ausdrücke. Dass ich niemandem unterlegen bin, schon gar nicht minderwertig, ob meiner eigenen Art und Weise, mich zu verständigen.

Rassismus tut weh

Ich kann aufgrund meiner persönlichen Geschichte nicht schweigen und schon gar nicht tatenlos zusehen, wie die Zukunft von Kindern mit Migrationshintergrund auf angeblichen Defiziten aufgebaut und mit politisch motivierten Füßen getreten wird.

Die Bundesregierung arbeitet seit ihrer Angelobung daran, die Gesellschaft zu spalten und eine gesellschaftliche Einförmigkeit zu erzwingen, die es in der Realität nicht gibt. Menschen mit Migrationshintergrund ausschließlich als defizitär zu betrachten und dies öffentlich zu kommunizieren, führt dazu, dass sich immer größere Teile der Gesellschaft nicht als zugehörig empfinden.

Es geht bei Sprache(n) auch um Identität, also unter anderem um die Frage nach Zugehörigkeit und Ausschluss. Vermittelt man bereits Kindern, sie seien nicht gut genug für das Schulsystem und müssten daher in getrennten Klassen unterrichtet werden, kann das nur nach hinten losgehen. Nennen wir die Dinge beim Namen. Es handelt sich nicht um Deutschförderklassen, sondern um Segregationsklassen. Den betroffenen Kindern und ihren Familien wird vermittelt: „Bist du gut genug, darfst du aufsteigen. Dann hast du etwas geleistet und gehörst zu uns.“ Wie wäre es stattdessen mit einem herzlichen: „Willkommen. Schön, dass du da bist.“

Mein Herz spricht meine Sprache

Jede*r Einzelne kann durch die eigene Haltung und sich daraus ergebende Handlungen zu einer antirassistischen Stimmung beitragen. Von Pädagog*innen bis zu Arbeitskolleg*innen und Freund*innen, die Menschen bestärken ihre Mehrsprachigkeit zu leben. Solidarität und Offenheit sind Voraussetzungen für eine echte Willkommenskultur.

Ich bin, wie mein Vater, Wienerin. Meine Mutter, bei der ich nach der Trennung meiner Eltern aufgewachsen bin, kommt aus Ungarn. Heute bin ich 33 und erachte Deutsch als meine Erstsprache und Ungarisch als Zweitsprache. Nicht nur, weil ich Deutsch perfekt beherrsche und dasselbe über meine Ungarischkenntnisse nicht behaupten kann. Ich kann keinen Dialekt, aber mein Herz spricht mein eigenes Deutsch.

 

[Foto: aaabbc – stock.adobe.com]