„Ich bin ja kein Rassist, aber….“

„Ich bin ja kein Rassist, aber….“

Von Lisa Pongratz

„Ich bin ja kein Rassist, aber...“ ist eine Aussage, die die meisten von uns schon einmal von dem einen oder der anderen gehört haben. Dr. Klaus Ottomeyer, emeritierter Professor für Sozialpsychologie an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt, spricht in diesem Zusammenhang von modernisiertem Rassismus. Das Gewissen, in Sigmund Freuds 3-Instanzen-Modell auch Über-Ich genannt, wird durch den ersten Teil des Satzes beruhigt. Nur, um im Beisatz umso hemmungsloser fremdenfeindliche Äußerungen tätigen zu können.

Fremdenfeindlichkeit als Alltagsphänomen

Rassismus im Alltag ist keine Seltenheit. Doch wie entstehen rassistische Einstellungsmuster überhaupt? Einen großen Stellenwert hat der Aspekt der Angst vor dem Fremden, der auch unter Xenophobie bekannt ist. Rechtsextreme politische Parteien machen sich die Angst vor dem Fremden besonders erfolgreich zunutze, um Wähler*innenstimmen zu generieren. Zu dem Konstrukt „Rechtsextremismus“ zählen  Ungleichwertigkeitsvorstellungen und antisemitische sowie sozialdarwinistische (survival of the fittest, Anm. Redaktion) Einstellungen. Bereits in der Geschichte, beispielsweise zur Zeit der Entdeckung Amerikas, sahen sich die weißen Christen als „Herrenmenschen“, die andere Völker aufgrund der Unterlegenheit ihrer Rasse ausbeuteten, versklavten und ermordeten. Die indianische Bevölkerung wurde aus ihrem Land vertrieben und Menschen anderer Hautfarbe wie Tiere behandelt.

Psychologische Ursachen: Eine Drei-Faktoren-Theorie

Laut dem deutschen Psychologen und Traumatologen Klaus Ottomeyer beeinflussen insbesondere drei Faktoren die Entstehung von Rassismus: die Persönlichkeit, die situative Verunsicherung und die Demagogie.

1. Persönlichkeit: Bereits 1941 formulierte Erich Fromm die Theorie vom sadomasochistischen Charakter, welcher durch das Aufbrechen von traditionellen Strukturen stark verunsichert und verängstigt ist. Dieser Charakter wurde zumeist autoritär erzogen, von einer brutalen Vaterfigur, der man sich unterzuordnen hat. Stärkung findet der sadomasochistische Charakter durch das Verfolgen und Quälen von Schwächeren.

Auch Theodor W. Adorno beschrieb mit seiner Studie „The Authoritarian Personality“ eine ähnliche Persönlichkeitsstruktur, die rassistische Denkmuster begünstigt. Die Hassgefühle, die durch die Unterdrückung von „oben“ empfunden werden, werden umgeleitet auf die Fremden und die Schwächeren und können somit ausgelebt werden. In einer weiteren Studie zu Persönlichkeitsfaktoren von Decker und Brähler fand sich bei rechtsextremen Studienteilnehmer*innen unter anderem ein niedriges Selbstwertgefühl, niedrige Resilienz, erhöhte Ängstlichkeit und Depressivität.

2. Situative Bedingungen: Ist eine Gesellschaft verunsichert und herrscht ein Zustand der Verwirrung bezüglich Normen und Werten, so wird in der Soziologie von Anomie gesprochen. Gerade in Zeiten der Unsicherheit ist der Nährboden für fremdenfeindliche Einstellungsmuster fruchtbar.

Auch der Einfluss von traumatischen Erfahrungen darf hier nicht unerwähnt bleiben. Individuelle traumatische Erlebnisse werden zu einem Kollektiv gebündelt und Induktionsschlüsse (also Schlüsse von einzelnen Vorfällen zu allgemeinen Gegebenheiten) getroffen. So kann dies dazu führen, dass durch nur ein einziges negatives Erlebnis mit einer Person, die als Ausländer*in gelesen wird, eine gesamte ethnische Gruppe kategorisiert wird.  

3. Demagogie, also die ideologische, meist politische Hetze: Demagog*innen machen sich das beschriebene kollektive chosen trauma gerne zunutze, um ein gemeinsames Feindbild zu generieren und starke Emotionalität hervorzurufen. Ebenso werden eigene, unliebsame Eigenschaften oft dem sogenannten Fremden zugeschrieben, um sich selbst besser und stärker zu fühlen. Es kommt zu einer Täter-Opfer-Umkehr und Aggressionen gegen die Helfer*innen entstehen, die dem Gewissen einen Spiegel vorhalten. Die Bezeichnung Gutmensch ist ein klassisches Beispiel für diesen Abwehrmechanismus.

Dem Rassismus den Kampf ansagen

Wer schon einmal versucht hat, mit einem wahrlich rassistischen Menschen zu diskutieren, weiß wohl, dass Emotionalität im Vordergrund steht und Faktenwissen eher eine Seltenheit darstellt. Ottomeyer sieht als wesentlichsten Beitrag im Kampf gegen Rassismus eine haltgebende und toleranzfördernde Erziehung. Die Entwicklung eines starken Selbstwertgefühls ist maßgeblich, um der Entwicklung von fremdenfeindlichen Tendenzen vorzubeugen. Der Mensch müsse lieben und arbeiten, finanziellen Spielraum haben und gebraucht werden.

Seitens der Politik und der Wirtschaft ist es wichtig, den Menschen äußere Rahmenbedingungen zu bieten, die Sicherheit geben. Ebenso wäre die Aufklärung und Bildung in Bezug auf psychoanalytische Faktoren des Rassismus bereits im jungen Alter wichtig, um die Faszination und Gefahr der Abhängigkeit dieses Phänomens zu schwächen. Aufklärung ist also auch hier ein wesentlicher Bestandteil der möglichen Lösung. Es bedarf Eigeninitiative und einer gesunden Portion Idealismus, doch: Jeder Beitrag zählt.

 

Weitere Informationen:

Klaus Ottomeyer: Rassismus. In: A. Pelinka (Hg.): Vorurteile. Ursprünge, Formen, Bedeutungen. Sir Peter Ustinov Institut zur Erforschung und Bekämpfung von Vorurteilen. De Gruyter, Berlin/Boston 2012 (169-204).​

Decke O., M. Weißmann, J. Kiess u. E. Brähler: Die Mitte in der Krise. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2010. Berlin: Friedrich-Ebert-Stiftung 2010, S.91/92.

 

[Foto: Mwangi Gatheca | unsplash]