„Es wird besser mit dir“

„Es wird besser mit dir“

Der Anstieg von Suiziden schwuler Teenager in den USA im Jahr 2010 war der Ausgangspunkt der IT GETS BETTER-Kampagne. Der Journalist Dan Savage reagierte mit einem Video, in dem er gemeinsam mit seinem Lebenspartner Terry Miller über sein Coming-Out und seine Erfahrungen sprach. Die zentrale Botschaft dahinter, die an LGBTQI*-Jugendliche gerichtet war und ist: Es wird besser! Mittlerweile gibt es die Kampagne in 20 Ländern. Am 19. August 2013 startete die Videokampagne auch in Österreich. Fünf Jahre später gibt es mehr als 200 Videobotschaften von unterschiedlichen Menschen, die LGBTQI* Jugendlichen Hoffnung spenden wollen. DAS MAGAZIN nimmt das Jubiläum zum Anlass, um mit dem Projektleiter der österreichischen ES WIRD BESSER-Kampagne Hikmet Kayahan über die Situation von LGBTQI* Jugendlichen in Österreich, zu sprechen.

Die Kampagne „Es wird besser Österreich“ ging am 19. August 2013 online und ist nun fünf Jahre alt. Kannst du erzählen, aus welcher Notwendigkeit die Kampagne ins Leben gerufen wurde?

Der Ursprung der Kampagne liegt in den USA und hängt mit dem Anstieg der Suizide von schwulen Jugendlichen zusammen. Auch in Österreich ist unter LGBTQI* Jugendlichen die Suizidrate fünf bis sechs Mal höher als in der allgemeinen Bevölkerung. 17 Prozent der Schwulen in Österreich berichten von zumindest einem Suizidversuch in ihren Leben, fünf Prozent davon geben an, den Suizidversuch durchgeführt zu haben und zwar aufgrund des Mobbings in der Schule. Am höchsten ist das Suizidrisiko während des Coming-outs. Ein Drittel der Jugendlichen leidet unter homophober Repression durch Peers. Diese alarmierenden Zahlen waren 2013 für den damaligen Geschäftsführer der NEOS Feri Thierry und dem damaligen Bundesrat-Abgeordneten der Grünen Marco Schreuder Grund genug, die IT GETS BETTER-Kampagne auch nach Österreich zu holen. 2014 habe ich das Projekt mit einem neuen Team übernommen, da Feri und Marco keinen parteipolitischen Touch der Kampagne wollten.

Die Kampagne soll LGBTQI* Jugendlichen Zuversicht und Mut spenden. Du hast bereits die hohe Suizidrate unter schwulen Jugendlichen in Österreich erwähnt. Wieso ist das Suizidrisiko so hoch? Welche Probleme gibt es, die es zu bessern gilt?

Das erhöhte Suizidrisiko kann durch „Minoritätenstress“ – dem Stress aufgrund Homophobie – erklärt werden. Dazu zählen unter anderem Gewalt- und Diskriminierungserfahrungen, Angst vor Ablehnung, Stress, der mit der Geheimhaltung der Homosexualität verbunden ist, Selbstabwertungen („internalisierte Homophobie“) oder das Erleben von Isolation und die fehlende familiäre Unterstützung. Auch heterosexuelle Personen können Opfer von Homophobie werden. Zum Beispiel durch ein Abweichen von stereotypen Geschlechtsrollen für schwul oder lesbisch gehalten werden. Eine Möglichkeit der Suizidprävention ist daher der Abbau von Homophobie in der Gesellschaft. Dazu gehören nicht nur gesetzliche Gleichstellungsmaßnahmen, sondern auch Aktivitäten in der Schule und Bewusstseinskampagnen. Von primärer Bedeutung sind aber zweifellos die Unterstützung der Jugendlichen im Familienverband sowie die Möglichkeit der Identifikation mit „Role Models“. Diese können überall zu finden sein: im engeren sozialen Umfeld, aber auch in der Öffentlichkeit.

Die österreichische Regierung zeichnet sich nicht nur durch Rechtspopulismus bis hin zum Rechtsextremismus aus, sondern fällt auch immer wieder durch homophobe Äußerungen, Forderungen oder Handlungen auf. Daher die Frage: Wird es wirklich besser?

Ja und nein. Im historischen Vergleich ist es natürlich besser geworden. In Österreich werden keine Menschen mehr aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität in Gefängnisse gesteckt, es gibt zahlreiche Gesetze, die vor Diskriminierung schützen, die Toleranz in der Gesellschaft ist gestiegen. Auch im internationalen Vergleich ist es bei uns besser geworden. Von einer tatsächlichen Akzeptanz sind wir aber noch weit entfernt. Das Recht auf Ehe wurde nicht politisch ermöglicht, sondern musste vor den Gerichten erkämpft werden. Der Fall des Flüchtlings, der kein Asyl bekam, weil er dem Beamten nicht schwul genug war oder lesbische Paare, die aus Kaffeehäusern oder Bädern geworfen werden, weil sie sich küssten: All diese Momentaufnahmen führen dazu, dass man das Gefühl hat, es wird nicht besser – im Gegenteil, alles wird schlimmer. Objektiv betrachtet stimmt das aber nicht, denn es gibt ganz viele Organisationen, Beratungsstellen, Vereine, die einem helfen. Wir dürfen nicht vergessen, dass Homosexualität zwischen Erwachsenen erst 1971 legalisiert wurde. Seit 2004 ist die Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung gesetzlich verboten.

Wie wirkt sich die Homophobie auf politischer Ebene auf die öffentliche Akzeptanz von LGBTQI* aus?

Gerade erst letzte Woche mussten wir wieder erleben, wie die Emotionen wegen dem ÖBB-Werbesujet, das ein – möglicherweise – schwules Paar mit Kind zeigte, hochgingen. Die hässliche Fratze der Homophobie und des Rassismus zeigten sich wieder. Wenn Respektlosigkeit und Hass von PolitikerInnen kommen, denken sich viele Menschen „Ach, wenn die das sagen, dann darf ich das auch!“ Da haben wir noch viel zu tun, vor allem jetzt, wo vielen progressiven Projekten das Geld abgedreht wird. Außerdem sind wir beim Thema LGBTQI* oft auf den urbanen Bereich fokussiert, auf schillernde Events wie die Regenbogenparade oder den Life Ball. Der größte Teil der LGBTQI*-Jugendlichen entwickelt sich aber im Verborgenen. Fast ganz vergessen sind die vielen Jugendlichen im ländlichen Raum, wo es keine Vereine oder Hilfsangebote gibt und die Jugendlichen die restriktiven gesamtgesellschaftlichen Auswirkungen einer menschenfeindlichen Politik unmittelbarer abbekommen.

Welche politischen Rahmenbedingungen bräuchte es, damit jugendliche LGBTQI* Personen geschützter leben können und es tatsächlich besser wird?

Eigentlich wäre es sehr einfach: Die Menschen, egal ob jung oder alt, nehmen wie sie sind, unabhängig von ihrer Hautfarbe, Religion, ihrer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität. Aber die aktuelle politische Führung treibt immer mehr Keile zwischen verschiedene Gruppen. Menschenfeindlichkeit, Hass und Verhetzung sind unter dem Deckmantel der „Meinungsfreiheit“ wieder salonfähig geworden. Da gilt es zunächst mal darum HALT! zu sagen, auf verbaler Ebene. Den Worten sollten im zweiten Schritt auch Taten folgen, wir müssen uns schützend vor die Opfer von Diskriminierung stellen. Das muss aber auch von der Regierung kommen. Das Ermöglichen von Informationskampagnen, Unterstützungsprojekten wäre nicht nur sinnvoll, sondern dringend notwendig. Und vielleicht das Wichtigste: Gerade Jugendliche brauchen Schutzräume, wo sie so angenommen werden wie sie sind, ohne verurteilt zu werden, wo sie wissen, dass sie sicher sind, wertgeschätzt werden und ihnen geholfen wird. Aber das ist natürlich nur ein frommer Wunsch. Derzeit sperren Frauenhäuser zu, weil ihnen das Geld gestrichten wird, Familienberatungsstellen müssen ihre Leistungen reduzieren, Opferschutzprojekte werden runtergefahren. Da ist es natürlich blauäugig auf Schutzräume für LGBTQI* Jugendliche zu hoffen – und wie du sehen kannst, habe ich keine blauen Augen.

Mehr als 200 Menschen haben bereits eine Videobotschaft an junge LGBTQI* Personen gerichtet. Was ist deine Botschaft?

Egal, wo oder wer du bist, egal in welcher nicht so schönen Situation du dich gerade befindest: Es wird besser! Denn es gibt viele Menschen, die an dich glauben, die dich so annehmen und lieben wie du bist. Verzagen ist keine Option, wir sind hier und es wird wieder ein Stück besser mit dir!

 
Weitere Informationen:

Zur ES WIRD BESSER KAMPAGNE: www.eswirdbesser.at

Zu den Videos: www.youtube.com/eswirdbesserAT

Siehe auch: IDAHOT 2018 - Danke für Nichts!