„Es ist wie 24 Stunden im Schaufenster zu leben“

„Es ist wie 24 Stunden im Schaufenster zu leben“

Von Lisa Pongratz

Daniel (55) zog vor 14 Jahren aus der Schweiz nach Österreich. Hier leitete er jahrelang einen eigenen Betrieb, finanziell ging es ihm und seiner damaligen Lebenspartnerin gut. Doch dann kam ein schwerer Arbeitsunfall, die Beziehung ging zu Ende. Die Probleme häuften sich und vor fünf Jahren wurde Daniel zum ersten Mal obdachlos. Im Interview mit „DAS MAGAZIN“ spricht er über seine persönliche Lebensgeschichte, über die Erfahrungen als wohnungsloser Mensch und der Situation in Wien.

 

Ich würde gerne mit Ihrer persönlichen Geschichte beginnen. Wie sind Sie obdachlos geworden?

Das hatte bei mir mehrere Gründe. In den wenigsten Fällen gibt es nur einen einzigen Grund für Obdachlosigkeit. Meistens sind es mehrere Gründe, die zeitgleich passieren. Wenn so viele Probleme gleichzeitig aufeinandertreffen, sieht man vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr. Wenn man dann nicht bereit ist, sich irgendwo Hilfe zu holen, falscher Stolz im Spiel ist, kommt man in eine solche Situation. Es war bei mir lange so, dass ich einfach das Gefühl hatte, ich schaffe das alleine. Ich habe die Hilfe nicht in Anspruch genommen, manchmal bin ich eben ein sturer Hund (lacht). Beratungsresistenz ist auf jeden Fall ein Thema – da bin ich aber sicher nicht alleine.

Sie sind gebürtiger Schweizer. Wieso sind Sie nach Österreich gezogen?

Ja, ich komme aus dem Berner Oberland, genau an der Sprachgrenze zur französischen Schweiz. Meine Muttersprache ist de facto Französisch. Ich hatte das Glück, dass ich zweisprachig aufgewachsen bin. In der Schweiz haben wir da weniger Probleme als in Österreich, ein Ortstafelstreit wäre in der Schweiz nicht denkbar. Nach Österreich gekommen bin ich ursprünglich aus beruflichen Gründen. Ich lernte eine Österreicherin kennen, verliebte mich und bin, wie sagt ihr Österreicher so schön, „picken geblieben“ (lacht). Ich hatte zunächst gute Jahre hier, leitete selbst einen Betrieb. Wir hatten eine große Wohnung, zwei Autos, ein schweres Motorrad, es ging uns finanziell gut. Dann hatte ich aber einen schweren Arbeitsunfall. Seitdem habe ich ein künstliches Kniegelenk, ein künstliches Hüftgelenk und ein paar Schrauben im Rücken drin. Ich war selbstständig erwerbstätig und habe de facto kein Anrecht auf Arbeitslosengeld, da ich nicht zusätzlich versichert war. Ich scheute die Kosten und unterschätzte das Ganze. Durch meinen Unfall war ich längere Zeit außer Gefecht, mein Montagebetrieb funktionierte einfach nicht mehr.

Was ist dann in weiterer Folge passiert?

Eine Problematik, die bei mir über die Jahre immer größer wurde, war mein Alkoholkonsum. Meine Ex-Lebenspartnerin stellte sich öfter vor mich und sagte: „Du, Schatz, brems a bissl.“ Es war bei vielen Leuten, mit denen ich gesprochen habe, haargenau gleich. Man merkt es einfach nicht. Das ist sehr schleichend. Und wir gehen in Mitteleuropa mit dem Alkohol zu sorglos um. Vom Spitzenpolitiker bis zum Bauhandwerker säuft eigentlich jeder. Ich sage jetzt keine Namen (lacht). Außerdem kamen bei mir enorme finanzielle Probleme dazu und Barbara, meine Ex-Lebenspartnerin, lernte einen anderen Mann kennen. Es war innerhalb von einem Jahr alles weg, was ich mir jahrelang aufgebaut habe. Ich geriet ins Rutschen, zuerst in die sogenannte versteckte Obdachlosigkeit. Das heißt, ich bin von einem Bekannten zum anderen, von einer Frau zur nächsten, bis alle Optionen ausgeschöpft waren. Ich ging dann öfters im „s Häferl“ (Institution mit kostenfreiem Mittagessen für Obdachlose und ehemalige Häftlinge, Anmerkung Redaktion) essen, weil ich kein Geld hatte. Dort war ein Obdachloser, der gesagt hat: „Schweizerlein, magst du ein Bier?“. Wir haben dann im Esterhazypark ein paar Bier miteinander getrunken und irgendwann hat er mir eine Wolldecke zugeworfen. So habe ich meine erste Nacht im Park verbracht. Geplant war das nicht. Damals machte ich mir keine großen Gedanken darüber, das kam erst später. Die Wintermonate draußen zu übernachten, das ist hart –  sowohl körperlich als auch psychisch. Ich wurde sehr depressiv, gerade über die Weihnachtszeit. Man ist da draußen, schaut in irgendwelche Fenster hinein und weiß, die anderen sind im Warmen, die sitzen mit der Familie zusammen.

Weiß Ihre Familie über Ihre Situation Bescheid?

Im Dezember vor einem Jahr war der Küchenchef des Carlton Ritz in der Gruft und ich hatte Küchendienst. Ich wurde gebeten, ein Interview zu geben. Zu Pfingsten sitzt meine Schwester in der Schweiz vor dem TV, schaut sich eine Sendung an über Wien und Obdachlose und denkt sich: „Moment, den Alten kenn ich doch.“ Ich habe danach ein eineinhalbstündiges Telefongespräch mit meiner Familie geführt. Seitdem ist meine Familie informiert. Meine Mutter fragte mich, warum ich nichts gesagt habe und wieso ich nicht nach Hause komme. Ich sagte ihr, dass ich weiß, wie ich gewisse Sachen handhabe und dass ich kein kleiner Bub mehr bin. Ich bin schon so aufgewachsen und zur Selbstständigkeit erzogen worden. Solange es geht, mache ich es alleine.

Mittlerweile haben Sie wieder eine Arbeit und zwar bei „Shades Tours“. Was genau sind „Shades Tours“?

Es geht darum, Arbeitsplätze für Obdachlose zu schaffen. Es ist ganz wichtig eine Perspektive für Obdachlose zu schaffen – auch, um wieder eine Wohnung zu bekommen. Mittlerweile sind wir neun Guides, die Touren durch Wien machen zum Thema Obdachlosigkeit. Über 30 Prozent unserer Kunden sind Schüler, in allen Altersstufen. Die Chefin von „Shades Tours“ hat sich aber auch überlegt, wie man das Soziale mit dem Tourismus verbinden könnte. Das sind zwei Sachen, die sich ja eigentlich beißen. Überall wo Touristen sind, sind Obdachlose nicht gerne gesehen. Mehr oder weniger aggressiv wird ja auch Repressionspolitik betrieben. Durch den Regierungswechsel wird das nicht besser werden, im Gegenteil, das spüren wir jetzt schon.

Welche Stationen zeigen Sie bei den Touren?

Bahnhöfe, Sozialinstitutionen, Parks. Wobei ich gleich sagen muss, dass wir keinen Sozialvoyeurismus betreiben. Der einzige Obdachlose, mit dem die Tourteilnehmer zu tun haben, bin ich selbst. Es wird einfach darauf hingewiesen, wie das Leben in einem Bahnhof aussieht. Was gibt es für Möglichkeiten? Was ist erlaubt und was nicht? Die ÖBB hat massiv aufgerüstet, gerade bei Sicherheitsvorkehrungen. Da herrscht ein zwiegespaltenes Verhältnis. Die ÖBB nennt ihre eigenen Sicherheitsleute zum Beispiel Mungo. Das ist ein Raubtier, beheimatet in Asien. Es ist ein Schlangenjäger, ein Schlangenfänger. Das find ich schon ein bisschen bedenklich. Komischerweise scheint es mit den Wiener Linien zu funktionieren. Man hat auch im letzten Winter darum gebeten, ein Auge zuzukneifen, etwas toleranter zu sein, vor allem in der kalten Jahreszeit.

Sie haben jetzt schon viel über die Situation von Obdachlosen in Wien erzählt. Können Sie darauf noch ein wenig genauer eingehen? Wie viele Obdachlose gibt es Wien? Wie sieht die Versorgung aus?

Die offiziellen Schätzungen gehen von rund 10.000 Obdachlosen hier in der Stadt Wien aus. Soziale Institutionen, Sozialarbeiter und Streetworker sagen aber ganz klar, dass es mehr sein müssen. Sie sprechen von 20.000 bis 25.000. Die Stadt Wien ist vorbildlich und macht sehr viel. Immer noch zu wenig, aber es wird viel gemacht. Andere Länder haben da mehr Probleme, Ungarn zum Beispiel. Da hat man Obdachlosigkeit einfach kriminalisiert. Aber trotzdem ist es so, dass bei Gemeindebauwohnungen mit sehr langen Wartefristen zu rechnen ist. Auch im besten Fall kann es ein bis zwei Jahre dauern, bis man endlich eine Gemeindebauwohnung bekommt. Und ein bis zwei Jahre können verdammt lange sein. Wenn man davon ausgeht, dass da 20.000 bis 25.000 Menschen auf der Straße unterwegs sind und davon ein Drittel in der harten, offensichtlichen Obdachlosigkeit lebt, sind das immer noch 8.000 Menschen. Und für 8.000 Obdachlose schnell einen Wohnraum bereit zu stellen, das ist fast ein Ding der Unmöglichkeit. Mittlerweile ist die Arbeitssituation auch nicht mehr so rosig, dass man, wenn man hier nach Österreich kommt, sofort eine Arbeitsstelle findet. Und genau hier beginnt ja der Teufelskreis. Ohne Arbeit keine Wohnung und ohne Wohnung keine Arbeit.

Wie sieht es mit dem Sicherheitsgefühl auf Wiens Straßen aus?

Das Leben auf der Straße ist sehr hart, ein Einzelner würde das nicht überstehen. Ein Kumpel von mir wurde vor drei Jahren angezündet in seinem Schlafsack. Aber dadurch, dass ich Berufssoldat war, gehe ich vielleicht mit einigen Sachen anders um und zwar nicht nur körperlich, sondern auch psychisch.

Fühlt man sich Exekutivbeamt_innen gegenüber sicher oder eher unwohl?

Ich hatte mit gewissen Polizisten ein Problem, nicht mit der Polizei an sich. Da gibt es einen Herrn im sechsten Bezirk, der ist das Feindbild Nr. 1. Nicht nur von mir, sondern von allen Leuten, die mit dem schon zu tun hatten. Er hat es fertiggebracht, mich am Morgen mit einem Fußtritt in die Rippen zu wecken. Dann gibt es aber auch andere Polizisten, mit denen man absolut keine Probleme hat. Es gab einen alten Polizisten, der hat wortwörtlich mal zu mir gesagt: „Schau, ich möchte mich nicht jetzt mit dir streiten. Die letzte Streife kommt kurz vor halb zwölf (Mitternacht) vorbei und die erste ist kurz vor sechs, du hast ein Zeitfenster von sechs Stunden, in denen du deine Ruhe hast, aber ich will dich vorher und nachher nicht sehen.“ Damit war der Fall geregelt.

Sie sagten bereits, dass Sie auch den Regierungswechsel spüren. Was sind das für Veränderungen durch die neue Regierung?

Ja, das spürt man ganz klar. Ich habe Kontakte zu anderen Bundesländern, und vor kurzem mit einem Mann aus Oberösterreich gesprochen. Dort wird jetzt eine sogenannte Salamitaktik betrieben. Das heißt, man kürzt nicht 20 Prozent der Gelder über einen Zeitraum von zwei Jahren, sondern man kürzt hier zwei Prozent und dort zwei Prozent, damit es nicht auffällt. Aber wenn man das zusammenrechnet sind es dann über 20 Prozent, die einfach gestrichen werden. Aber auch Kleinvieh macht Mist. Das passiert im Sozialbereich sehr schleichend. Man bemerkt es als „normaler“ Bürger nicht, wenn man sich nicht gerade mit dem Thema beschäftigt.

Sie leben derzeit im Wohnhaus Obdach Wurlitzergasse. Wie kann man sich den Alltag dort vorstellen?

Ich habe ein eigenes Zimmer und kann kommen und gehen, wie ich will. Ich bin jahrelang in der Gruft gewesen, das heißt tagsüber habe ich mich im Tageszentrum aufgehalten, nachts in der Notschlafstelle. Das wurde mir mit der Zeit dann zu viel. Schlafen kann man nicht viel in einer Notschlafstelle, dessen muss man sich einfach bewusst sein. Schlafmangel kann auch zu gesundheitlichen Folgen führen. Ich habe über 10 Kilo Körpergewicht verloren, wegen Dauerstress. Es ist wie 24 Stunden im Schaufenster leben. Man ist in einer konstanten Stand-By Situation.

Zum Schluss noch einen Ausblick auf das Kommende: Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Ich möchte eigentlich, dass diese Kultur, die in Wien hinsichtlich Obdachlosenhilfe herrscht, bleibt. Ich glaube, wir leben in einer Wohlstandsgesellschaft und man wird trotzdem nie alle Obdachlosen von der Straße kriegen, das ist illusionär. Manche haben sich ganz bewusst für dieses Leben entschieden, ich kenne etliche. Ich kenne zum Beispiel einen Mann, der seit 15 Jahren auf der Donauinsel lebt. Den kriegt man nicht mehr in eine Wohnung rein. Ich wünsche mir einfach, dass diese Kultur, die über die Jahrzehnte hinweg entstanden ist, so bleibt.

 

Weitere Informationen:

Der Artikel ist Teil des Dossiers Recht auf Wohnen: http://www.das-buendnis.at/news/dossier-rechtaufwohnen

Stadtführungen von Shades Tour werden sowohl von Obdachlosen als auch von Geflüchteten angeboten. Mehr Informationen: https://www.shades-tours.com/

 

[Fotos: Shades Tours, Lisa Pongratz]