Erinnerung an die Novemberpogrome 1938

Erinnerung an die Novemberpogrome 1938

von Šemsa Salioski

November 1938: Die Synagogen erleuchten durch Flammen die dunkle Nacht, Scherben von eingeschlagenen Fensterscheiben liegen auf den Straßen, zahlreiche jüdische Geschäfte werden verwüstet und geplündert, Wohnungstüren werden aufgebrochen, Wertgegenstände werden gestohlen und jüdische Frauen werden vergewaltigt. Unschuldige werden in Haft genommen oder beim geringsten Widerstand ermordet. Plakate mit antisemitischer Propaganda wie „Tod dem internationalen Judentum“  oder “Rache für Mord an vom Rath.“ werden von Nationalsozialisten stolz über den Köpfen getragen. Mittendrin stehen zahlreiche Schaulustige und beobachten die angeblich „spontan organisierte Aktion des Volkszorns“ auf die Juden. Angst vor den Konsequenzen hat niemand, denn Konsequenzen gibt es keine.

Die Nacht vom 9. auf den 10. November im Jahr 1938 markiert den grausamen Startschuss für den Übergang von vorerst hochgradiger Diskriminierung zur systematischen Dehumanisierung und Vertreibung von Juden und Jüdinnen. Die Novemberpogrome ebneten schließlich zusammen mit anderen Maßnahmen des NS-Regimes den Weg zum Holocaust.

Zerstörte Menschenleben, nicht nur „Kristalle“

Es existieren verschiedene Bezeichnungen für die von den Nationalsozialisten organisierten Gewaltmaßnahmen gegen die jüdische Bevölkerung. Der womöglich am häufigsten verwendete Ausdruck lautet „Novemberpogrome“, also im Plural. Dieser wird den Tatsachen am ehesten gerecht, da sich die Ausschreitungen über mehrere Tage hinwegzogen. Der Begriff Pogrom stammt vom gleichnamigen russischen Nomen „pogrom“ ab, was passend zu den Geschehnissen „Zerstörung“ bedeutet. Er ist erstmals in einem ähnlichen Kontext mit Übergriffen auf Juden und Jüdinnen im Russland der 1880er Jahre aufgetaucht. In der deutschen Sprache sind damit konkret die Ausschreitungen gegen bestimmte Personengruppen einer Gesellschaft gemeint.

Problematischere Begriffsvarianten für die Hetzjagd auf Juden und Jüdinnen sind Begriffe wie „Reichskristallnacht“ oder „Reichskristallwoche“. Beide sollen eine Wortschöpfung aus dem Volksmund sein. Das Wort „Kristall“ spielt auf die zertrümmerten Fensterscheiben der Wohnungen, Synagogen oder Geschäfte an. Bei vielen Historikern stößt dieser Begriff auf heftige Kritik. Die gewaltsamen Pogrome lediglich als „Reichskristallnacht“ zu bezeichnen, wird als Euphemismus betrachtet, da hiermit suggeriert wird, dass hauptsächlich Fensterscheiben eingeschlagen wurden. Das eigentliche Übel, nämlich die Ermordung, Körperverletzung, Vergewaltigung und Verhaftung von Juden und Jüdinnen rückt dadurch zu stark in den Hintergrund.

„Rache“ als Anlass für die Jagd auf die jüdische Bevölkerung

Die Stimmung gegen die Juden und Jüdinnen nahm mit der Annexion Österreichs im Jahr 1938 immer weiter zu. Bei der Konferenz in Evian im Juli desselben Jahres erklärten die teilnehmenden Staaten, dass sie keine geflüchteten Juden und Jüdinnen aufnehmen würden. Polen entschied sich zusätzlich dazu die Pässe von den mehr als fünf Jahre in Deutschland lebenden polnischen Juden und Jüdinnen ungültig zu machen.  Die Gestapo nahm die Betroffenen fest und ließ sie, weit vorher als vereinbart, nach Polen zwangsdeportieren. Sie wurden im Niemandsland zwischen Deutschland und Polen ausgesetzt und mussten darauf warten, dass die Regierung ihren Aufenthalt im Flüchtlingslager in Zbonszyn gewährte. Die Familie des polnischen Juden Herschel Grynszpan wurde ebenso verschleppt. Aus Wut schoss der damals 17-jährige in Paris auf NSDAP-Mitglied und Diplomat Ernst Eduard von Rath, welcher kurz darauf verstarb.

Das von einem Juden begangene Attentat kam dem NS-Regime äußerst gelegen. Hitler besprach sich mit Goebbels und plante im Stillen die angeblich „spontan organisierte Aktion des Volkszorns“.  Alle Juden und Jüdinnen im Deutschen Reich sollten nun für den Tod von Rath zur Verantwortung gezogen werden. Das schon lange beabsichtigte Pogrom konnte endlich in die Wege geleitet werden. Angehörige der SA und SS reagierten zuerst in Zivil getarnt auf das Attentat und verbreiteten zur Vorbereitung auf das Kommende öffentlich ihre antisemitischen Hetzreden. Nachdem kurz darauf eine NS-Ortsversammlung einberufen wurde, ist die Jagd auf die jüdische Gesellschaft nun offiziell eröffnet worden. Die Befehle lauteten sämtlich jüdische Geschäfte zu zerstören, Synagogen in Brand zu setzen, jüdisches Eigentum zu plündern, so viele Juden und Jüdinnen wie möglich festzunehmen und diese bei Widerstand zu ermorden.

Der Horror der Novemberpogrome in Zahlen

Die Pogrome in Wien waren von extremer Brutalität gekennzeichnet, denn auch vor der Annexion Österreichs war die Stimmung im Land im hohen Maße antisemitisch geprägt. Mehr als ein Fünftel der gesamten Todesopfer der Novemberpogrome sollen sogar auf die österreichische Hauptstadt fallen. 70% der Wiener Juden und Jüdinnen wurden von den Hausdurchsuchungen betroffen. 27 Morde, 88 schwer Verletzte und 680 Suizide werden für Wien angegeben. 6500 Personen wurden in das Polizeigefängnis im 9. Bezirk eingeliefert. Schulen wurden zweckentfremdet und als sogenannte „Notarreste“ genutzt. Zwischen 3500 und 4800 Juden wurden schließlich in das KZ Dachau verschleppt.

Laut „Synagogue Memorial“ wurden im gesamten Deutschen Reich 1574 Synagogen und Betstuben vollständig zerstört. Des Weiteren wurden 7500 jüdische Geschäfte und Tausende jüdische Wohnungen geplündert und verwüstet. Die Zahl der Toten wird heute auf 400 bis 1500 Personen geschätzt, inklusive Selbstmorde, welche durch die Pogrome veranlasst wurden. 26 000 bis 30 000 Juden wurden verhaftet und in Konzentrationslager deportiert.

Weitere Maßnahmen zur Dehumanisierung der Juden und Jüdinnen

Am 12. November fand eine Konferenz mit Göring als Vorsitzenden statt. Es ging grundsätzlich darum die jüdische Bevölkerung aus allen Wirtschafts- und Kulturbereichen zu entfernen und sie somit aus der Öffentlichkeit fernzuhalten. Göring verlangte von der jüdischen Bevölkerung außerdem die Zahlung von einer Milliarde Reichsmark. Die Begründung dafür sollte „die feindliche Haltung des Judentums gegenüber dem deutschen Volk“ sein. In Wahrheit befand sich das Deutsche Reich in einer prekären finanziellen Lage, was auch mit der Aufrüstung der Wehrmacht zu tun hatte. Es bestand ein Haushaltsdefizit von ungefähr zwei Milliarden Reichsmark. Das NS-Regime zwang Juden und Jüdinnen kurz darauf ihre Betriebe zu schließen und ihr Eigentum zu verkaufen. Am 14. November veranlasste Bernhard Rust die sofortige Entlassung von jüdischen Schülern und Schülerinnen. Am 3. Dezember wurden ihnen die Führerscheine und KFZ-Papiere entzogen. Goebbels verbot dem jüdischen Volk schließlich jegliche Teilnahme an Kulturveranstaltungen. Das Betreten von Theatern, Kinos, dem Zirkus oder Kabarett war ihnen somit nicht mehr erlaubt. Den Juden sollte noch einige Jahre vor dem Holocaust jede Art von Lebensfreunde genommen werden.

Warum ist die Erinnerung an die Ereignisse der NS-Zeit heute noch relevant?

Die Verbrechen der Nationalsozialisten wurden von Zeitzeugen in der Öffentlichkeit, jedoch auch im privaten Raum, lang totgeschwiegen. Die Angst vor der Wahrheit und die Tabuisierung der Fakten beweisen, dass die Auseinandersetzung damit notwendig ist und immer notwendig sein wird. Es existieren mit Sicherheit noch zahlreiche Geschichten, die wichtig für die kollektive Erinnerung wären, der Öffentlichkeit allerdings noch immer nicht bekannt sind. Zusätzlich kommen immer jüngere Generationen dazu, welche über die gesamte Vergangenheit aufgeklärt werden müssen. Aus diesem Grund müssen sich Medien, Wissenschaftler/innen und Forschungseinrichtungen weiter darum bemühen, die Welt nicht vergessen zu lassen, welche Verbrechen gegen die Menschlichkeit während der Zeit des Nationalsozialismus zugelassen wurden. Vor allem Österreich darf sich der Verantwortung der Erinnerung nicht entziehen. Das Land hat sich  lange hinter der „Opferrolle“ versteckt. Erst durch den sozialdemokratischen Kanzler Franz Vranitzky kam die erste Wende Richtung Vergangenheitsbewältigung. Er sprach 1991 erstmals über die Mitverantwortung Österreichs. Die Reflexion über die NS-Vergangenheit zeigt außerdem, dass der Holocaust das Ende eines Prozesses war und sich die Ideen des NS-Regimes Schritt für Schritt durchgesetzt haben. Die Novemberpogrome waren nicht der Beginn der Diskriminierung gegen die Juden und Jüdinnen. Man muss sich nur an den „Judenboykott“ von 1933 oder die „Nürnberger Rassegesetze“ von 1935 erinnern. Die Novemberpogrome waren dennoch ein bedeutender Wendepunkt und verdienen in Sachen Vergangenheitsbewältigung besondere Beachtung.

Schlussendlich lässt uns die Erinnerung daran über den Hass gegenüber Minderheiten in der heutigen Zeit nachdenken. Vor allem das Internet und die sozialen Netzwerke haben sich zu einer Plattform entwickelt, in der Personen falsche Tatsachen, Hetze und Drohungen veröffentlichen können. In der westlichen Welt betrifft die Diskriminierungswelle oft Muslime, Musliminnen, sowie Flüchtlinge. Auch reale Ausschreitungen und Angriffe auf Menschengruppen sind keine Seltenheit. Angstmacherei via Öffentlichkeit und Medien sind der Kern vieler potenzieller verbaler oder körperlicher Attacken.  Die Erinnerung an die Verbrechen der NS-Zeit soll auch zukünftige Generationen dabei unterstützen Rassismus, Diskriminierung, sowie Medieninhalte und Maßnahmen der Regierungen zu hinterfragen, bevor es zu spät ist.

 

Weitere Informationen:

http://www.demokratiezentrum.org/fileadmin/media/img/Gedenktage/GO_7.3_AshkenazHouse.pdf

https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Novemberpogrom

https://www.zukunft-braucht-erinnerung.de/die-kristallnacht-luege/

 

[Foto: Holocaust-Manhmal in Berlin, pixabay.com | 3093594]