„Die Fremdbestimmung ist trotzdem da“

„Die Fremdbestimmung ist trotzdem da“

Über die Situation LGBTIQ*-Geflüchteter am Wiener Wohnungsmarkt

Von Lisa Jama

Nachdem jahrelang Einzelpersonen ehrenamtlich geflüchtete LGBTIQ* Personen (Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Trans-, Inter- und Queerpersonen) unterstützten, entwickelte sich 2013 die Queerbase als Gruppe in der Rosa Lila Villa. Seitdem ist die Queerbase zentrale Anlaufstelle für die Belange von geflüchteten LGBTIQ* Personen. 2016 konnte die Queerbase durch eine Förderung auf ein Vereinswesen umstellen und somit auch ihre Ressourcen ausbauen. Nun arbeiten neben drei hauptamtlichen Mitarbeiter*innen bis zu 40 ehrenamtliche Personen, um LGBTIQ*-Geflüchtete in Wien zu unterstützen. Neben Sozial-, und Rechtsberatung sowie Deutschkursen ist aber ein Thema dauerpräsent: Das Wohnen. Ich treffe mich mit Cécile von Queerbase in der Rosa Lila Villa um die Situation LGBTIQ*-Geflüchteter am Wiener Wohnungsmarkt zu besprechen.

Die drei Hauptherausforderungen sind laut Cécile Rassismus, Homophobie und Transphobie, die fehlende Unterstützung der Herkunftscommunity und die Tatsache, dass die meisten ihrer Klient*innen alleinstehend sind. Rassismus und Homophobie bzw. Transphobie haben Auswirkungen auf alle Bereiche des Lebens der Betroffenen. Bezogen auf den Wohnungsmarkt bedeutet das, dass insbesondere Transpersonen diskriminiert werden, wenn sie sich persönlich vorstellen oder auf ein Wohnungsinserat antworten, da ihre äußerliche Erscheinung nicht mit den Erwartungen an den Geburtsnamen übereinstimmt. Denn sie schicken ihre Anfragen auf Inserate, kommen persönlich zum Besichtigungstermin und sehen aber anders aus als ihr Name es erwarten hat lassen. Transpersonen sind also besonders vulnerabel und werden oft zu Zielscheiben von rassistischen und transphoben Menschen.

Queerbase hat die Erfahrung gemacht, dass sich die Entscheidungsträger*innen am Wohnungsmarkt, also Vermieter*innen und Makler*innen, zwar meist höflich geben, aber keine reelle Chance besteht die Wohnung zu ergattern. Schwulen Männern wird die Wohnung oft basierend auf der stereotypen Vorstellung, sie würden zu oft Party machen, nicht vermittelt und bei lesbischen Frauen ist die Wohnung laut Auskunft der Vermieter*innen doch nicht mehr zu vergeben. Das scheint der Alltag von LGBTIQ*Geflüchteten auf der Wohnungssuche zu sein.

Doch was die Situation besonders erschwert, ist laut Cécile auch die fehlende Unterstützung aus den Herkunftscommunities der geflüchteten LGBTIQ*. „Wir haben alle unsere Communities. Wir haben alle unsere Netzwerke. LGBT-Refugee haben diese aber nicht, weil sie in der Herkunftscommunity aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität oft ausgeschlossen werden. Dann kommt der Refugee-Status hinzu, das heißt sie müssen versuchen, Wohnplätze ohne Lohnzettel zu bekommen. Und das funktioniert nur mit einem guten Netzwerk. Das haben sie nicht.“, beschreibt sie. In der österreichischen Mehrheitsgesellschaft werden sie wiederum aufgrund ihrer Herkunft ausgeschlossen. Wollen geflüchtete LGBTIQ* Unterstützung der Herkunftscommunity in Anspruch nehmen, müssen sie in manchen Fällen ihre sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität verstecken. Und sie leben meistens in der Angst, dass irgendwas ausgeplaudert wird. Manche, die ein bisschen mehr Selbstbewusstsein haben, entscheiden sich auf diese Unterstützung zu verzichten um ihre Persönlichkeit in Freiheit und Sicherheit ausleben zu können.

Für alleinstehende Personen stellt auch der finanzielle Aspekt eine unüberwindbare Hürde dar. Der Wohnungsmarkt in Wien ist so angespannt, dass  kleine Wohnungen nicht finanzierbar sind, wenn man* nicht mindestens 1.500,- EUR netto verdient, wovon die meisten Klient*innen der Queerbase noch weit entfernt sind. Was bleibt übrig? WG Zimmer, welche auch nicht so einfach zu finden sind.

Mittlerweile ist die Queerbase in der queeren Community in Wien bekannt und wird somit oft kontaktiert, wenn Zimmer in Wohngemeinschaften frei werden. Allerdings scheitert es manchmal an wichtigen Details wie in etwa Essgewohnheiten. Was in den meisten Wohngemeinschaften selbstverständlich ist, bedeutet für Andere das Betreten von Neuland. Vegetarische Küche, Haushaltskasse, Mülltrennung, Privatsphäre tolerieren und respektieren, aber auch gleichzeitig zusammensitzen und über gemeinsame Themen wie Politik und Aktivismus zu diskutieren, scheinen wichtige Grundvoraussetzungen an (zukünftige) Mitbewohner*innen zu sein. Aufgrund vom Trauma der Flucht und dem fehlenden Wissens über ortsübliche Gepflogenheiten kann dies zu Missverständnissen führen und auch mal schief gehen. Dabei darf man* nicht vergessen: „Wir sprechen über Menschen, welche teils noch nie alleine gewohnt haben und nun nach Ankunft in Österreich jahrelang nicht alleine in einem Zimmer eingeschlafen sind und immer auf der Hut sein mussten. Sie konnten jahrelang nicht für sich selbst entscheiden, wie sie leben wollen. Und wenn dann der positive Asylbescheid kommt und sie ihre eigenen Zimmer haben, müssen sie mit Menschen leben, die wieder die Regeln machen. Auch wenn die WG-Mitbewohner*innen sich selbst als liberal definieren. Die Fremdbestimmung ist trotzdem da.“, erklärt die Queerbase Mitarbeiterin.

Außerdem sei es ein strukturelles Problem unserer Gesellschaft. Hier werden struktureller Rassismus, Homophobie und Transphobie sichtbar. Es gibt sehr viele Menschen, die zu einer privilegierten Klasse gehören und dies nicht wissen oder realisieren wollen. Die Hierarchie am Wohnungsmarkt ist unter anderem definiert durch die Auswahl der neuen Mitbewohner*innen. Sie haben das Zimmer - sie entscheiden wer einzieht und unter welchen Bedingungen in dem Wohnraum gelebt werden darf. Es wird festgelegt, wann gekocht wird und was gekocht werden darf. So ist in etwa das Kochen von Fleisch in vielen Wiener WGs ein Punkt, über den sich nicht diskutieren lässt. Fleisch wird somit nur gekocht, wenn die Mitbewohner*innen nicht anwesend sind. Cécile sagt: „Es wird die Miete anteilig gezahlt, die Haushaltskassa gefüllt, aber die Freiheit zu kochen, wann man* will, ist nicht gegeben. Auf der Suche nach Kompromissen werden strukturelle Ausschlussmechanismen reproduziert. Wir beschweren uns trotzdem nicht, weil wir so froh sind, dass überhaupt noch Zimmer angeboten werden, die leistbar sind.“

Gibt es also überhaupt etwas, das gut funktioniert? In den letzten Jahren dürfte sich zumindest das Bewusstsein in unserer Gesellschaft für die Bedürfnisse und Problemstellungen von LGBTIQ*-Geflüchtete erweitert haben. Das spürt auch Queerbase: „Wir können endlich klarer reden. Wir können klarer kommunizieren. Die Leute begreifen und wagen es eher einen Schritt auf die anderen zuzugehen. Es ist eine kleine Gruppe, die das macht aber es funktioniert und das auch gut. Das hilft auch ein bisschen. Leute verlangen dann zum Beispiel nur zwei Monatsmieten Kaution und nicht drei und im Vergleich zu den ersten Wohnungssuch-Versuchen sprechen die Leute nun schon besser Deutsch. Sie können die Wohnungsinserate selbstständig lesen und sich ein bisschen unterhalten.“

Mittlerweile findet man* sich am Wiener Wohnungsmarkt bei Wohnungsbesichtigungen in einem Vorstellungsgespräch wieder. Es geht darum sich zu artikulieren, sich zu präsentieren und man* stellt sich vor, so gut man* kann. Es macht einen großen Unterschied, welche Sprachkompetenz die Interessent*innen mitbringen. Und diese entscheiden darüber, ob die Interessent*innen das Zimmer bekommen – oder eben nicht. Einfache Sätze wie „Guten Tag. Mein Name ist... Ich komme aus… und bin seit 3 Jahren hier. Ich gehe gern spazieren.“ werden in der Queerbase erprobt bevor Besichtigungstermine anstehen. Cécile dazu: „Das sind keine Menschen die einen Aufsatz rezitieren. Das sind Menschen mit vollen Rechten, die vor ihrer Flucht gearbeitet oder studiert haben und nun die diese Demütigung über sich ergehen lassen, um Zugang zu einem Menschenrecht zu haben. Nämlich dem Wohnen.  Das ist die Situation, die so ungerecht und zum Schreien ist. Es ist schwierig, weil wir dabei zusehen müssen, wie alle Türen geschlossen werden. Ja, wir finden Schlupflöcher, wir finden Schleichwege – aber mehr ist es nicht.“

Die Queerbase hat eine kleine Statistik mit vier Klient*innen erstellt, für die kleine Texte zur Wohnungssuche vorbereitet und 40 Mal zu unterschiedlichen Wohninseraten versandt wurden. Geantwortet wurde nur auf zwei davon. Die Schlussfolgerung: Geantwortet wird elegant oder gar nicht. Direkte Anrufe sind bei der Wohnungssuche leichter. Ohne sehr guten Deutschkenntnissen ist telefonieren aber noch schwieriger, womit Geflüchtete Menschen generell immer am zweiten Platz landen. Cécile sagt: „Unlängst hat mich ein junger, 18-jähriger Mann gefragt: ‚Warum krieg ich keine Antwort?‘ Und ich muss ihm erklären: weil da Rassismus ist. Und er fragt: ‚Krieg ich keine Antwort, weil ich schwul bin? Aber die Leute können es gar nicht wissen, wenn ich es nicht schreibe.‘ Also bleibt der Rassismus in diesem Fall alleine stehen.“

Diese vielzähligen Rückschläge können verheerend sein. Die Leute haben sehr lange gewartet und haben nun endlich Asyl bekommen. Sie sind oft in ihren Verfahren nach negativem Asylbescheid vom Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl (BFA) mittels Beschwerde in die nächste Instanz bis zum Bundesverwaltungsgericht gegangen. Sie haben die Strapazen von drei bis vier Jahren Asylverfahren hinter sich und müssen immer noch kämpfen, können immer noch nicht zur Ruhe kommen. „Alles was sie aufgebaut haben, an Selbstwert - es bröckelt. Für Viele bleibt nichts anderes übrig als in Wohnungen einzuziehen, wo sie nur einen Platz in einem Mehrbettzimmer haben. Und dann sind sie genau da, wo sie auch vor dem Asylverfahren waren. Nämlich genau mit den Leuten, vor denen sie geflohen sind.  Das heißt, das was wir an jahrelanger Sozialarbeit leisten ist nach ein paar Monaten kaputt. Und die Leute kommen zu uns und weinen immer noch und wir können nix machen.“, stellt Cécile über die Situation am Wohnungsmarkt für geflüchtete Menschen fest. Diese Wohnungen sind bekanntlich Substandard-Wohnungen mit massivem Überbelag und weit entfernt von würdevollem Wohnen.

Es bilden sich Machtstrukturen, die mehrfach wiederholt werden und unbewusst passieren, weil niemand sich einer bestimmten Frage stellen will, analysiert Cécile: „Es ist nicht einfach in sich hineinzugehen und zu schauen: Wo reproduziere ich strukturellen Rassismus und Muster. Wo bin ich homophob, auch wenn ich es nicht sein möchte. Es ist nicht einfach sich selbst infrage zu stellen aber wir können uns nicht dahinter verstecken. Wir können nicht sagen es ist schwierig für uns, unsere Machtverhältnisse infrage zu stellen, weil gegenüber sind Menschen, die das Tag ein, Tag aus erleben. Die erleben den Rassismus auf der eigenen Haut, wie sich das anfühlt. Es ist ein Problem das es zu lösen gilt.“

Es ist also ein strukturelles Problem. Es fehlt an Geld, an Offenheit, an Menschlichkeit.

 

[Foto: Lisa Jama]