Der Optimist im komplizierten Land

Der Optimist im komplizierten Land

[Die englische Version dieses Artikels findest du hier.]

 

von Viktoria Penz                                                                                               

Seit im Januar Berichte von einer erneuten Verfolgungswelle von Homosexuellen in Tschetschenien laut wurden, ist das Thema wieder in aller Munde: Die Rechte der LGBTQI-Personen in Russland. Alexey Mazurov, Leiter der LGBTQI-Bewusstseins-Kampagne „It Gets Better“ in Russland, verrät im Gespräch beim Wienbesuch, wie er die Lage der Gemeinschaft in Russlands großen Städten verbessern will.   

 

Am Anfang dieses Artikels hätte eigentlich ein direktes Zitat aus der Novaya Gazeta stehen sollen. In einem Bericht mit dem Titel „Nazija Stracha“, also „Die Nation der Angst“, beschreibt eine Journalistin, warum sich in Tschetschenien niemand an die Polizei wendet, wenn Menschen aufgrund ihrer tatsächlichen oder vermuteten sexuellen Orientierung verschleppt, gefoltert oder ermordet werden. Dem Artikel „Nazija Stracha“ wurde jedoch kurz nach seinem Erscheinen eine Präambel vorangestellt. In dieser wird erklärt, dass die Autor*innen der Novaya Gazeta aufgrund ihrer Berichterstattung über die Verfolgung der LGBTQI-Community in Tschetschenien öffentlich bedroht worden wären. Besonders pikant ist der Verweis auf den Instagram-Account des tschetschenischen Medienministers. Dieser veröffentlichte ein Video, in welchem er die Novaya Gazeta als eine von westlichen Medien gesteuerte Ente bezeichnet und sie herabsetzt – eine Zeitung, deren Auszeichnungen vom „Reporter Ohne Grenzen-Menschenrechtspreis“ bis hin zum prestigeträchtigen „Henri-Nannen-Preis“ reichen.         

Die Präambel veranschaulicht, dass man in Tschetschenien nicht über das, was geschieht, sprechen kann; selbst im Rest Russlands ist es nicht ratsam, Kritik über die Vorgänge in der autonomen Republik im Südwesten des Landes zu äußern.

Eine Organisation, die das trotzdem tut, ist das russische LGBTQI-Netzwerk. Vor drei Wochen veröffentlichte es eine Stellungnahme, in welcher es von Informationen über 14 Menschen berichtete, welche in den letzten Wochen unrechtmäßig auf einem Polizeirevier in Tschetscheniens Hauptstadt Grozny festgehalten und gefoltert wurden. Zuvor wurde bereits eine andere Stellungnahme veröffentlicht, welche von 40 Festgehaltenen spricht - zwei Fälle hätten sogar mit Mord geendet. Das Netzwerk prangerte die Menschenrechtsverletzungen nicht nur öffentlich an, sondern legte auch eine Beschwerde bei Gericht ein und übermittelte die Daten eines vermutlich Getöteten an eine Investigativkommission; seit einer ersten Verfolgungswelle im Jahr 2017 evakuiert man außerdem Opfer. 

Unter Angabe ihres vollen Namen erzählen nur die wenigsten davon, wie sie entführt, festgehalten, gedemütigt, vergewaltigt und gefoltert wurden. Den Berichten zufolge werden die Verschleppten gegen Lösegeld, welches von den Verwandten erpresst wird, wieder frei gelassen. Allerdings wird den Angehörigen geraten, den oder die Entführte am besten selbst umzubringen. Im Fall Maxim Lapunovs, einem der einzigen beiden Männern, die je öffentlich über ihre Gefangenschaft und Folter berichteten, nahmen die zuständigen Ermittler die Strafverfolgung nicht auf, da sie seine Aussagen trotz detaillierter Beschreibungen als nicht bestätigt ansahen. Lapunov verließ Russland aus Angst vor erneuten Attacken.

„Niemand würde uns glauben, wenn wir sagen, alles wird besser“

Alexey Mazurov kommentiert die Lage in Tschetschenien einzig damit, dass er sagt, dass wir wenig sicher wissen, und dass das, was wir wissen, Fragen aufwirft. Der Leiter einer Gruppe von Aktivist*innen, welche im Rahmen einer internationalen Kampagne über die LGBTQI-Gemeinschaft aufklären will, hat bei seinem Besuch in Wien eine andere Botschaft. Obwohl die Kampagne den Titel „It Gets Better“ trägt, meint er, viele Menschen hätten keinen Anlass zu glauben, dass sich ihr Leben verbessern würde. Das unterscheide die Kampagne auch von ihren westlichen Pendants: „Die Russ*innen sind keine Optimist*innen. Das ist der Unterschied zu den anderen teilnehmenden Ländern: Wir sagen nicht, es wird besser. Wir lassen Menschen erzählen, bei denen es schon besser geworden ist. Wenn wir sagen, alles wird besser, würden uns die Leute nicht glauben.“    

Russland ist ein kompliziertes Land. Mazurov sagt, eine der beiden Möglichkeiten, die Lage der LGBTQI-Personen in Russland zu verbessern, sei eine Anhebung des Wohlstandsniveaus. „In kleineren russischen Städten und den Dörfern ist das Lebensniveau sehr niedrig. Wenn man dort von den Rechten der LGBTQI-Community spricht, berührt das die Menschen nicht. Denn wenn man nicht genug zu essen hat, sucht man eher einen Grund, seine Aggressionen an jemandem auszulassen. Wir konzentrieren uns daher darauf, Angehörige der LGBTQI-Gemeinschaft dabei zu unterstützen, in die Großstadt zu ziehen, dort Arbeit zu finden und sich zu orientieren.“ 

Tatsächlich ist der Unterschied zwischen Stadt und Land in Russland krasser als in anderen Ländern: Während die Moskauer Innenstadt als eines der teuersten Pflaster Europas gilt, leben die Zurückgelassenen in den Dörfern am Existenzminimum. Die Größe Russlands, welche ein Grund für diesen Unterschied ist, bedingt unter anderem auch seine geopolitische Stärke. Und besonders auf diese hat sich die russische Führung in den letzten Jahren konzentriert – gerne auch in Opposition zu Europa. In dieser Gegenposition hält sich ein anderer Grund für die schwierige Lage der LGBTQIs versteckt. Denn viele Homophobe meinen, Homosexualität sei ein Import aus Europa. Dies spiegelt sich auch in den Zahlen wieder: 2010 gaben bei einer Untersuchung des Meinungsforschungsinstituts Levada noch mehr als 70% der Menschen an, dass Homosexualität moralisch fragwürdig sei. 45 % sprachen sich in der gleichen Befragung zwar für Gleichberechtigung aus, dennoch waren mehr als 80% der Befragten gegen die Erlaubnis gleichgeschlechtlicher Ehen. Zu dieser allgemein feindlichen Einstellung kam 2013 noch das Gesetz gegen „homosexuelle Propaganda gegenüber Minderjährigen“: Dieses verbietet es, Dinge gegenüber Minderjährigen zu tun oder zu sagen, welche andeuten könnten, dass eine von Heterosexualität abweichende sexuelle Orientierung oder Genderidentifikation normal oder gar gut sei.             

Mazurov ist sich sowohl dieser Einstellungen, als auch der Gesetze bewusst. Er hält sich auch an letztere, denn im gesetzlich möglichen Rahmen zu erzählen und aufzuklären, ist legal. Aufklärung: Die ist seinem Erachten nach die zweite Möglichkeit, um die Situation der russischen LGBTQIs zu verbessern. „Es liegt in der Natur des Menschen, auf Neues und Unbekanntes mit Ablehnung  und Aggression zu reagieren. Deshalb ist es unsere Aufgabe, zu erzählen und zu erklären. Sogar, wenn Menschen eigene Theorien haben, die erklären, warum Homosexualität schlecht ist. Würde man hier mit Hass reagieren, würde das Ganze eine schreckliche Logik der Wechselwirkung annehmen. Wir wollen, dass man uns zuhört, also müssen auch wir zuhören, und nicht bereits als Antwort hassen.“

Obwohl Mazurov meint, die Russ*innen seien keine Optimist*innen, fasziniert er doch mit seinem eigenen Optimismus und seiner Geduld. Er nennt die Situation der LGBTQI-Menschen in Russland nicht schlecht oder schwer, sondern kompliziert. Doch genau daran will er gemeinsam mit den Aktivist*innen arbeiten. Kurze Videos, in welchen LGBTQI-Personen von ihren Erfahrungen erzählen, sollen ein Bewusstsein schaffen, aber auch Mut und Motivation schenken. Auch Menschen, die an den Import von Homosexualität glauben, demotivieren Mazurov dabei nicht. „Laut Statistik wollen immer mehr Russ*innen näher an Europa heran. Natürlich gibt es auch die andere Seite. Aber auch hier hilft nur eines: Erzählen, Zuhören und Aufklären. Russland ist ein großartiges Land; die russische Geschichte, Literatur und Kultur sind großartig. Was soll das alles mit Homophobie zu tun haben? Nichts! LGBTQI-Personen hat es in der russischen Geschichte immer schon gegeben, auch wenn dies oft verleugnet wird. Das war auch in Europa lange nicht anders. Europa hat aber mittlerweile eine neue Sichtweise gelernt. Auch Russland wird Homosexuellen irgendwann so eine Anerkennung entgegenbringen.“

Der Nutzen der Vernetzung

Mazurov stützt seinen Optimismus auch noch auf eine andere Säule, denn mittlerweile seien verschiedene aktivistische Gruppen so stark vernetzt, dass man auch auf die Erfahrungen anderer Minderheiten zurückgreifen könne. Eine solche Minderheit waren (und sind auch teilweise heute noch) Menschen mit besonderen gesundheitlichen Bedürfnissen. „Bis vor 30 Jahren war es in Russland üblich, Menschen im Rollstuhl einfach am Küchentisch stehen zu lassen. ,Das Leben ist schwer genug, und wir haben auch dich noch hier, bleib zu Hause sitzen und stör die anderen nicht beim Leben!‘ - das konnte man sich als Rollstuhlfahrer*in anhören. Allerdings hat sich in den letzten Jahren die Wahrnehmung der Menschen gewandelt. Die Geschichte dieses Wandels zeigt, wie sich die Wahrnehmung anderer Minderheiten ändern kann.“ 

Die Frage, ob er denn keine Angst habe, verneint Mazurov. Wovor auch? Er hält es für wichtig, im Moment zu leben, im Moment glücklich zu sein und im Hier und Jetzt zu leben. Als die Sprache auf den Auslöser für seine ausdauernde und positive Herangehensweise fällt, erwähnt er einen für ihn herausragenden Moment. „Vor sieben Jahren, nach einem der ersten Schübe der Multiplen Sklerose, hatten mir die Ärzte sehr düstere Aussichten prophezeit. Aber sich hinsetzen und schweigen ist keine Lösung. In Russland glauben einige, dass man bei Multipler Sklerose auch automatisch an einem eingeschränkten Gedächtnis leide. Soll ich die Menschen nun für diese Unaufgeklärtheit hassen? Nein, denn sie wissen es einfach nicht. Besser man erklärt und erzählt.“ 

Mazurov, der studierter Kulturologe und Reiseführer ist, arbeitet derzeit als Englischlehrer. Vielleicht schafft er es aufgrund dieser Kombination, seinem eigenen Land so viel Wertschätzung entgegenzubringen, während er gleichzeitig auch mühelos erklären kann, in welche Richtung sich Dinge verbessern könnten. Und tatsächlich zeigt sich besonders in den letzten Monaten etwas Bewegung in der jüngeren Generation: Das Levada-Institut, welches vor neun Jahren zum letzten Mal die homophoben Ansichten der Bevölkerung bezifferte, kam in letzter Zeit immer wieder mit Ratings, die Mazurovs Sprache sprechen, in die Schlagzeilen. Jede*r Fünfte ist demnach für eine Veränderung in Russland bereit zu „Meetings“, also öffentlichen Kundgebungen und Demonstrationen, zu gehen. Die Hälfte beziehungsweise ein Drittel der jungen Generation der Russ*innen (18 – 24 Jahre) gab außerdem die eigene Bereitschaft, in öffentlichen und politischen Organisationen zu arbeiten oder Freiwillige*r zu werden, an. Sicher ist also, dass Mazurovs Optimismus und seine Kompromissbereitschaft derzeit der beste Weg sind, um die russische LGBTQI-Gemeinschaft zu unterstützen. Und: Er ist nicht der Einzige, der diesen Weg gehen will.

 

Weitere Informationen:

Der Anstieg von Suiziden schwuler Teenager in den USA im Jahr 2010 war der Ausgangspunkt der „It Gets Better“-Kampagne. Der Journalist Dan Savage reagierte mit einem Video, in dem er gemeinsam mit seinem Lebenspartner Terry Miller über sein Coming-Out und seine Erfahrungen sprach. Die zentrale Botschaft dahinter, die an LGBTQI*-Jugendliche gerichtet war und ist: Es wird besser! Mittlerweile gibt es die Kampagne in 20 Ländern, auch in Österreich (siehe auch Interview mit dem Projektleiter der österreichischen Kampagne: „Es wird besser mit dir“ )

Zum Artikel „Nazija Stracha“ in der Novaya Gazeta (auf Russisch): https://www.novayagazeta.ru/articles/2019/02/04/79426-natsiya-straha

 

[Fotos: AnnaLisa Erdemgil Brandstätter]