„Dem nächsten Mann, der eine Arbeit über das Menstruationstabu schreibt, gebe ich ein Bier aus“

„Dem nächsten Mann, der eine Arbeit über das Menstruationstabu schreibt, gebe ich ein Bier aus“

Von Valentine Auer

Das Thema geht so gar nicht. Es sei ein Tabuthema. So die erste Reaktion der Hochschule, an der Franziska Wartenberg ihre Bachelorarbeit über das gesellschaftliche und mediale Menstruationsblut schreiben wollte. Sie machte es dann doch und erklärte auf Facebook nach ihrer erfolgreichen Verteidigung der Arbeit, wie schwierig es war, einen Prüfer oder eine Prüferin zu finden. Sie erklärt aber auch, wie wichtig es ist, über das monatliche Bluten zu sprechen. Ihr Facebook-Post ging viral. Wir sprachen mit Franziska über die Reaktion ihrer Hochschule und über die Ergebnisse ihrer Arbeit.

 

Du hast im August deine Bachelorarbeit mit dem Titel „Die Enttabuisierung eines Themas in Gesellschaft und Medien am Beispiel Menstruation" fertiggestellt. Allerdings zeigte sich, dass das Thema auch auf deiner Hochschule noch ein großes Tabuthema ist: Dir wurde vorgeschlagen nicht darüber zu schreiben. Von wem ging dieser Gegenwind aus und was war die Begründung? 

Ich hatte schon befürchtet, dass sich die 27 potenziellen Prüferinnen und Prüfer meiner Hochschule, wovon gerade mal zwei weiblich sind, vielleicht nicht um die Betreuung meiner Arbeit reißen würden. Entweder sie antworteten nicht oder sie sagten mir ab. Als ich die Koordinatorin meiner Hochschule um Hilfe bat, riet sie mir, das Thema zu vergessen, da sich keine Prüferin und kein Prüfer dafür finden ließe. Wörtlich hieß es: „Das Thema geht so gar nicht, sorry. Das ist eine Art Tabuthema“. In diesem Moment habe ich mir schon an den Kopf gefasst.

 

Du schreibst auf Facebook auch, dass die männlichen Prüfer geschluckt haben. Kannst du ein wenig genauer auf die Stimmung während der Verteidigung der Bachelorarbeit eingehen? 

Die einzige Frage, die nach meiner Präsentation von einem männlichen Prüfer kam, war die nach dem Steuersatz von Männerrasierern. Er bezog sich damit wohl auf die von mir erwähnte maximale Versteuerung von Tampons [in Deutschland sind das 19 Prozent und in Österreich 20 Prozent, Anmerkung der Redaktion] – eine finanzielle Belastung, die ja nur Frauen betrifft. Ich fragte mich, ob einige Männer glauben, dass Frauen von Natur aus unterhalb der Wimpern haarlos sind und verwies auf die allgemeine Preisdiskriminierung unter Geschlechtern. Viele Produkte - wie zum Beispiel auch Rasierer - sind in der Variante für Frauen trotz gleicher Qualität tendenziell teurer. Danach sagte er nichts mehr.

 

Du hast dir das Stigma in Zusammenhang mit der Menstruation genauer angeschaut. Welche historischen Legitimationen findet man, um menstruierende Frauen zu stigmatisieren?

Bereits griechische und römische Philosophen legten den Grundstein für kulturelle Menstruationsirrtümer. Plinius der Ältere (ca. 50 n. Chr.) machte Menstruierende für das Matten von Spiegeln, Welken von Blumen und sogar für das Sterben von Bienen verantwortlich. Damals gab es die Überzeugung, dass die Frau eine Art "missglückter Mann" sei. Im Mittelalter verbreitete sich dann die Behauptung, dass Menstruationsblut das schädlichste Gift der Welt sei – erst 1958 wurde dies medizinisch widerlegt.

Auch religiöse Ansichten sind am Stigma beteiligt. Die katholische Kirche sieht in der Menstruation eine Strafe für die Verfehlung Evas. In fast allen Religionen der Welt gibt es klare Regeln, die Frauen während ihrer Menstruation sozial einschränken. Das Alte Testament sieht vor, sie sieben Tage lang aus der Gesellschaft zu verbannen – aufgrund ihrer "Unreinheit". Im 19. Jahrhundert verbreitete sich dann die Ansicht der "irren" oder "hysterischen" Frau. Auslöser für Psychosen oder Schizophrenie war in den Augen vieler Ärzte, die bis dahin immer noch ungeklärte, mythenumrankte Menstruation.

 

Wie sieht es heute aus mit diesem Stigma?

Diese Jahrtausende lang vermittelten Unsauberkeits- und Minderwertigkeitsvorstellungen haben bis heute Einfluss auf unser Denken. Erst 2015 bezichtigte der US-Präsident Donald Trump eine Journalistin, bestimmte Fragen nur gestellt zu haben, weil seiner Meinung nach wohl offensichtlich Blut aus ihrer "whatever" rann. Noch heute werden Menstruierende als unzurechnungsfähig dargestellt und sind von Peinlichkeit und Scham geplagt. Die Hälfte aller Frauen in Deutschland fühlt sich während ihrer Menstruation in sozialen Situationen unwohl – jede zweite sogar sehr. 

 

Im Titel deiner Bachelorarbeit steht der Begriff der Enttabuisierung. Wie könnte das Thema Menstruation sowohl medial als auch gesellschaftlich enttabuisiert werden?

Gerade die sozialen Medien bieten gute Chancen, offen über Tabus zu sprechen. Eine Enttabuisierung gelingt aber nur, wenn wir insgesamt anfangen, mit dem Thema normal umzugehen und vor allem mehr Aufklärung darüber stattfindet. Umfragen unter Schülerinnen und Schülern zeigen auch in Europa große Wissenslücken zum Thema Menstruation. Tabus reproduzieren sich – glücklicherweise aber auch Bildung.

 

Du rufst insbesondere Frauen dazu auf, über das Thema zu sprechen, aufhören sich zu schämen oder eben Abschlussarbeiten darüber zu schreiben. Sollten nicht viel mehr Männer dazu aufgerufen werden sich gegenüber dem Thema anders zu verhalten? Wenn ja, wie könnten Männer und ihr individuelles Verhalten zur Enttabuisierung beitragen?  

Frauen schämen sich auch das Thema Männern gegenüber zu kommunizieren –  das liegt einerseits an der Angst, als ekelhaft dazustehen, aber auch an Sprüchen wie "Die hat doch ihre Tage". Als Resultat der tabuisierten Umgangsweise mit dem Thema ist die Menstruation bei vielen Männern immer noch als rätselhafter Umstand, von dem sie nichts wissen wollen oder sollen, abgespeichert. Dabei ist Wissen Macht! Dem nächsten Mann, der über das gesellschaftliche Menstruationstabu eine Arbeit schreibt, gebe ich gerne ein Bier aus.

 

Zur Person:

Franziska WartenbergFranziska Wartenberg ist ist 23 Jahre alt und hat Angewandte Medienwissenschaften in Mittweida (Sachsen) studiert.  Im nächsten Jahr beginnt sie in Berlin einen Master in Gender-Studies.

Auf ihrem Blog frankafrei.com enttabuisiert sie die Menstruation.

 

Weitere Informationen:

Die Plattform #aufstehn setzt sich dafür ein, die Tamponsteuer herabzusetzen. Hier kann unterschrieben werden: https://actions.aufstehn.at/runter-mit-der-tampon-steuer

Der Comic „Der Ursprung der Welt“ der schwedischen Comiczeichnerin Autorin Liv Strömquist setzt sich mit der Geschichte der Vulva auseinander und spart dabei auch das Thema Menstruation nicht aus: http://www.avant-verlag.de/comic/der_ursprung_der_welt

[Fotos: Franziska Wartenberg | Fritzi Wartenberg]