Call Them By Their True Names

Call Them By Their True Names

Von Julia Jerabek

In ihrem neuen Buch schreibt Rebecca Solnit über die USA in der Krise. Die Themen strecken sich über Misogynie im Wahlkampf, über die Gentrifizierung San Franciscos weiter zu Polizeigewalt und Rassismus. Sie gewährt ihren Leser*innen tiefe Einblicke in die Abgründe der U.S. Amerikanischen Gesellschaft und Politik. Ein sehr aufwühlendes Buch, dass einen auch als Europäer*in nicht kalt lässt. Zu nah liegen unsere Gesellschaften beieinander, zu viele Parallelen kann man zur heimischen Politik ziehen.

 

„Because the revolt against brutality begins with a revolt against the language that hides that brutality.“

 

Eines ihrer ersten Essays in diesem Band, widmet Rebecca Solnit der Sprache, die Politiker*innen wissentlich verdrehen um ihren Positionen mehr Kraft zu verleihen. Statt „Familienzusammenführung“ sagen diese „Kettenmigration“, statt Folter, „erweiterte Vernehmung“. Auch die Emotionalisierung in der Politik ist eng mit Sprache verwoben. Solnit geht der Frage auf den Grund, warum gerade Wut und Zorn politisch instrumentalisiert wird. Welchen Einfluss das auf die Gesellschaft hat und wer die Leidtragenden dieser Politik sind.

Einer dieser Leidtragenden war Alejandro Nieto. Ein junger Mann, dessen einziger Fehler es war einen Taser mit sich zu führen, eine rote Jacke zu tragen und mexikanischer Abstammung zu sein. Neunundfünfzig Mal schossen die Polizisten auf ihn. Rebecca Solnit begleitete den Gerichtsprozess, lernte die Eltern, Freunde und die Gemeinschaft aus der er kam kennen. Man erkennt wie tief verwurzelt Rassismus in der US Amerikanischen Gesellschaft ist und versteht als Außenstehende*r besser wie Donald Trump es geschafft hat, seine wahnwitzige Idee Präsident zu werden, durchzusetzen. Auch die Geschichte von Jarvis Masters, der im Todestrakt des San Quentin Gefängnis einsitzt und gegen seine Verurteilung ankämpft, geht einem nah. Man erfährt, dass obwohl nur 6,5% der kalifornischen Bevölkerung Afroamerikanisch ist, 29% von ihnen eingesperrt und, 36% zum Tode verurteilt sind.

 

„Being on death row, I have a front row seat on what suffering is. I'm not damaged, not had this place tear me up like I've seen a hundred times. I'm probably crazy for not being crazy.“

 

Aber es wäre nicht Rebecca Solnit wenn sie ihre aufgewühlte Leser*innenschaft nicht auch wiederaufbauen würde. In den Essays am Ende des Buches, beschreiben sie den Kampf gegen dieses System. Sie erzählt wie Indigene ihre jahrhundertealten Zerwürfnisse hinter sich lassen und gemeinsam mit Veteranen der US Army ein Reservat vor dem Bau einer Pipeline beschützen und gewinnen. Wie der Sieg Donald Trumps nicht darin resultierte, dass die Menschen sich zurückziehen, sondern, dass sie auf die Straße gehen und demonstrieren. Leute die früher kein sonderliches Interesse an Politik hatten, wollen sich jetzt einmischen und machen Lärm. Sie erzählt von Aktivist*innen die andere inspirierten. Und versucht ihre Leser*innen auf die Wichtigkeit ihres Handelns aufmerksam zu machen.

Rebecca Solnit arbeitet in diesem Buch ernste Themen auf, dennoch schafft sie die Gratwanderung zwischen Ernsthaftigkeit und Leichtigkeit, zwischen Fakten und Emotionen. Damit hat sie ein leicht zu lesendes, aufschlussreiches und topaktuelles Buch geschrieben, welches man unbedingt gelesen haben sollte. Der Blick über den eigenen Tellerrand hat bekanntlich noch niemanden geschadet.

 

Seit 1. April 2019 ist das Buch in deutscher Fassung erhältlich.

Rebecca Solnit: Die Dinge beim Namen nennen, Hoffmann und Campe Verlag. 320 Seiten, 2019.

 

[Bildrechte: Hoffman und Campe Verlag]