Antiziganismus: Der ignorierte Rassismus

Antiziganismus: Der ignorierte Rassismus

Von Viktoria Penz

Dass Rassismus von Fremdenfeindlichkeit bis zu Antisemitismus viele Gesichter annehmen kann, ist allgemein bekannt. Eine Form des Rassismus wird von Medien, Politik und Mehrheitsgesellschaft jedoch kontinuierlich ignoriert: Der Antiziganismus*. Aktivist*innen des Romano Centro setzen sich dagegen ein – zum Beispiel mit einem Stadtspaziergang „Plätze der Roma in Wien“.

 

„Wenn Sie folgende Nachbarn hätten, würde Sie das sehr, eher schon, eher nicht oder gar nicht stören?“ – diese Frage stellten zwei Meinungsforschungsinstitute (IFES & Demox Research) im Zuge einer vor kurzem veröffentlichten Antisemitismus-Studie der österreichischen Bevölkerung. Die Boulevardmedien beschäftigte an der Studie vor allem die ablehnende Haltung der türkisch- und arabischsprechenden Bevölkerung gegenüber Homosexuellen; andere Medien und Regierungsvertreter*innen kommentierten verständlicherweise besonders die Platzierung der Jüd*innen. So gut wie keine mediale Aufmerksamkeit erfuhr hingegen Platz zwei der Liste, die Volksgruppe der „Roma und Sinti“. Die Studienergebnisse und ihre  mediale Rezeption unterstreichen, welche Rolle Antiziganismus in Österreich hat: Jene  einer weitgehend ignorierten und akzeptierten Form von Rassismus. Laut einem Bericht der Deutschen Welle aus dem Jahr 2014 beruht dieser Rassismus vor allem auf Projektionen der Mehrheitsgesellschaft, nicht jedoch auf ihren Erfahrungen. Die Ablehnung wird dabei aus generationenübergreifenden Vorurteilen vom „fahrenden Volk“, das faul und kriminell sei, gespeist.

Ungleiches Gedenken

„Fahrendes Volk – und das, obwohl meine Familie seit 300 Jahren in Wien ist“, kommentiert Diana Dworzack dieses Klischee. Dworzack, welche sich als Aktivistin auf vielfältige Weise für Rom*nja engagiert, geht es aber um mehr als die allgegenwärtige Vorurteile: Mit anderen Aktivist*innen setzt sie sich für ein breiteres Bewusstsein der Antiziganismus-Problematik und des geplanten Völkermordes an Rom*nja und Sinti*ze im zweiten Weltkrieg ein. So auch an dem frühlingshaften Samstagnachmittag, an dem sie zum interaktiven Stadtspaziergang „Plätze der Roma in Wien“ lädt. „Vor etwa drei Jahren wurde von der Stadt Wien ein Prospekt zur Erinnerungskultur herausgegeben. In diesem wurden auch die Gedenkplätze einzelner Volksgruppen in Wien zusammengefasst,  jedoch fand kein einziger Platz der Rom*nja und Sinti*ze Eingang in die Broschüre“, erklärt sie den Anstoß hinter der Idee für den Spaziergang. Erst später wurden der Broschüre einige Sätze über Roma und Sinti hinzugefügt – dabei gäbe es mehrere Plätze, die auf die Geschichte und Figuren der österreichischen Rom*nja in Wien hinweisen.

Einer dieser Plätze ist der Ilija-Jovanovic-Park, welcher den Ausgangspunkt für den Spaziergang bildet. Jovanovic ist eine der wichtigsten Personen für die Geschichte der Volksgruppe, denn der Romanes-Dichter ist auch Begründer der Lernhilfe innerhalb des Romano Centro, einer der ersten Rom*nja-Vereine Österreichs. Dworzack schmückt die Informationen über die einzelnen Stationen nicht nur mit aktuellen Fakten und geschichtlichen Hintergründen der Volksgruppe aus, sondern lässt auch ihre persönlichen Erlebnisse in den Spaziergang fließen. „Zwar werden heute Roma-Kinder in ihrer Ausbildung nicht mehr behindert, aber sie wird ihnen immer noch erschwert. Auch mir selbst wurde gesagt, es sei ja klar, dass ich als Romnja nicht gut auf Deutsch schreiben könne – dabei bin ich Legasthenikerin“, erzählt sie.

Der vergessene Völkermord

Aufgrund des ähnlichen Schicksals im zweiten Weltkrieg fallen viele Stationen des Spaziergangs mit Gedenkplätzen der jüdischen Geschichte zusammen. Das Mahnmal am ehemaligen Aspangbahnhof, von welchem ab 1939 Zehntausende Jüd*innen, aber auch mehrere Tausend Rom*nja und Sinti*ze in die Vernichtungslager der Nazis transportiert wurden, ist eine dieser Stationen. Rom*nja und Sinti*ze werden allerdings auf den Gedenktafeln nicht erwähnt. „Die aus den KZs zurückkehrenden Rom*nja wurden auch ganz anders behandelt: Nach Ende des Weltkriegs gab es ein internes Papier der Polizei, dass vor Rom*nja warnte, die vorgeben würden, aus dem KZ zu kommen. Dafür hätten sie sich sogar die KZ-Nummern eintätowieren lassen“, erzählt Samuel Mago, Schriftsteller und Aktivist, der ebenfalls an dem Spaziergang teilnimmt.

Wie absurd dieses Agieren war, wird im Laufe des Spazierganges immer klarer. In der Barbarakapelle des Stephansdoms weist Dworzack auf das Kreuz hin, an dem zwei kleine Behälter mit Erde und Asche befestigt sind. „Was nur sehr wenige Menschen wissen: Die Erde und die Asche stammen aus Auschwitz und Mauthausen und stehen repräsentativ für alle, die kein Grab haben“, erklärt Dworzack. Im „Zigeunerlager“ in Auschwitz, in welchem an die 20 000 als „Zigeuner“ kategorisierte Menschen ermordet wurden, kam es denn am 16. Mai 1944 zu einem Aufstand der Rom*nja. Dieser Aufstand führte einerseits dazu, dass viele Gefangene in der Folgezeit von Auschwitz weggebracht wurden, andererseits katalysierte er auch den späteren Befehl zum „finalen“ Völkermord an der Gruppe. Aufgrund dieser Order wurden allein am 2. August 1944, welchem heute als International Roma Genocide Remembrance Day gilt, über 2000 Menschen vergast.

Auch das Heimatrecht, welches den Rom*nja (zumindest) seit Maria Theresias Zeiten bis ans Ende des letzten Jahrhunderts verweigert wurde, ist Thema des Spaziergangs. Am Judenplatz, welcher bereits vor dem zweiten Weltkrieg diesen Namen trug, erinnert ein Mahnmal mit nach außen gewendeten Bibliothekswänden an das durch die Gräueltaten der Nazis verlorene Wissen der jüdischen Gemeinschaft. Die verkehrten Bücher symbolisieren auch jene Bücher, welche Jüd*innen zur Registrierung der Mitglieder ihrer Gemeinschaft nutzten, die später den Nazis deren Verfolgung erleichterte. Die Romn*ja hingegen hatten keine vergleichbaren Bücher oder Nachweise über das Heimatrecht, wodurch ihnen auch die Ausreise vor Beginn der Verfolgung versagt wurde. Gleichzeitig fanden die Nazis aber ihre Methoden, um die Rom*nja zu registrieren.  Dworzack erinnert auch an die Staatenlosigkeit, mit welcher Rom*nja nach der Rückkehr aus den Lagern kämpfen mussten. „Dieses wichtige Grundrecht wurde Rom*nja bereits zur Zeit Maria Theresias versagt. Bezeichnend ist das Beispiel der Linzerin Rosa Winter, welche als KZ-Rückkehrerin bis in die 90er auf ihre Staatsbürgerschaft warten musste“, erklärt Dworzack. Aber auch aus einem anderen Grund ist der Platz im ersten Bezirk eine Station des Spaziergangs: Einen Platz im Zentrum Wiens, der den Verbrechen an den Rom*nja gedenkt, gibt es bis heute nicht. Zwar existieren Gedenkplätze in Floridsdorf und anderen äußeren Bezirken – die Aktivist*innen fordern jedoch einen zentralen Platz, an dem ihrer Geschichte gedacht wird.

Antiziganismus, ein internationales Phänomen

Eine Maßnahme, welche die Geschichte und Rolle der Rom*nja stärker ins kollektive Bewusstsein rücken würde, wäre angesichts des allgegenwärtigen Antiziganismus dringend notwendig. „Antiziganismus richtet sich nicht nur gegen Rom*nja selbst. Er umfasst Rom*nja zugeschriebene Merkmale, die sich jahrhundertealter Vorurteile bedienen. Dabei spielt auch Colourism, also Diskriminierung aufgrund der Hautfarbe, eine große Rolle“, sagt Samuel Mago. Erst Ende März wurden in Frankreich zwei Männer von Angreifern aus einem Kleintransporter gezerrt und verprügelt, da diese sie fälschlicherweise für Roma hielten. In den sozialen Medien kursierte zuvor die Meldung, dass Roma in weißen Lieferwägen Kinder und junge Frauen entführen würden. In der Ukraine kam es besonders im Vorjahr zu Pogromen gegen Rom*nja. Die Polizei schritt kaum gegen die Straftaten ein; laut European Roma Rights Centre solle es sogar Beweise für Absprachen zwischen rechtsextremen Gruppierungen und der Polizei gegeben haben.

Antiziganistisch motivierte Straftaten gibt es freilich auch im Inland. Im Dezember 2017 veröffentlichte das Romano Centro den Bericht „Antiziganismus in Österreich“, welcher Übergriffe und Fälle von Diskriminierung auflistet. Auch Diffamierungen und rassistische Äußerungen österreichischer Medien und Politiker*innen fanden in diesen Eingang. Während Boulevard und rechte Medien über die „Bettel-Mafia“ berichten, die oft automatisch mit Rom*nja gleichgesetzt wird, lassen sich auch Landeshauptmänner und BürgermeisterInnen zu vorverurteilenden Aussagen hinreißen. Die allgemeine Ausprägung des Antiziganismus ist somit wenig verwunderlich.

Positive Nachrichten

Allerdings lohnt es sich zu erwähnen, dass das Bewusstsein für die Antiziganismus-Problematik in den letzten Jahren glücklicherweise auch außerhalb der Volksgruppe wächst. „Ständig hört man von Pogromen, beispielsweise erst letzte Woche in Rom (Anm. der Redaktion: ein rechter Mob attackierte eine Roma-Notunterkunft in der italienischen Hauptstadt). Antiziganismus ist allgegenwärtig, dem Problem wird aber viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Aus diesem Grund bin ich zu dem Spaziergang gekommen“, meint beispielsweise Bernav, einer der Teilnehmer der Aktion. Für Fortschritte in der Bewusstseinsbildung spielt natürlich auch Dokumentation eine wichtige Rolle, wie Dworzack am Mahnmal des ehemaligen Gestapo-Sitzes am Morzinplatz thematisiert. „Seien es verbale Übergriffe oder auch Schmierereien auf Hauswänden, Übergriffe und Diskriminierung von Rom*nja sollten unbedingt gemeldet werden“, informiert sie. „Acht von zehn Übergriffen an Rom*nja werden von außen zur Anzeige gebracht, nicht von den Opfern selbst. Das zeigt, wie viele Rom*nja Angst haben und bloß keine Aufmerksamkeit erregen wollen.“  Auch auf die belastete Beziehung zwischen der Volksgruppe und Institutionen wie der Polizei und Gesundheitseinrichtungen weist diese Zahl hin, wie Dworzack erklärt. „Das der Volksgruppe bei vielen Vorfällen pauschal nicht geglaubt wurde und sie selber Opfer ungerechtfertigter Beschuldigungen wurden, aber auch, dass Ärzt*innen sie nicht behandeln wollten und Romnji zwangssterilisiert wurden, führte dazu, dass nur Wenige sich an Ärzt*innen und die Polizei bei Problemen wenden.“

Als Inspiration für den anhaltenden Einsatz für die Rechte der Volksgruppe gilt Ceija Stojka, Namensgeberin des letzten Platzes des Spaziergangs. Die Schriftstellerin und Künstlerin, die als Kind mehrere KZs überlebt hatte, hatte sich als erste Romnja für die Rechte der Volksgruppe in Österreich eingesetzt – obwohl viele Rom*nja ihr von öffentlichen Äußerungen abrieten. Mit diesem Gedanken endet denn auch der Spaziergang: Der Kampf gegen Antiziganismus mag zwar noch nicht so fortgeschritten wie jener anderer Volksgruppen sein, doch vor allem die junge Generation der Rom*nja will sich nicht mehr mit halbfertigen Plänen und politischen Strategien abspeisen lassen, sondern für nachhaltige Gleichbehandlung in Politik und Gesellschaft einsetzen.

 

Hinweise

* Wir verwenden den Begriff Antiziganismus, da er vom Verein Romano Centro und den dort arbeitenden Rom*nja-Aktivist*innen verwendet wird. Wir wollen aber darauf hinweisen, dass der Begriff des öfteren kritisiert wird, da er auf der diskriminierenden und auf Stereotype aufbauenden Fremdbezeichnung "Zigeuner" beruhe. Zudem geht der Begriff auf den "Tsiganologen" Bernhard Streck zurück. Mehr Infos: https://www.mut-gegen-rechte-gewalt.de/service/lexikon/a/antiziganismus

Am 8. April, dem internationalen Tag der Rom*nja, wird in vielen europäischen Hauptstädten die Flagge der Volksgruppe (grün/blau mit dem roten Speichenrad/Chakra) zum Andenken gehisst. Um 14.30 Uhr wird  heuer auch erstmals die Flagge am Wiener Rathaus zu sehen sein.

Ebenfalls am 8. April findet im ORF RadioKulturhaus eine Podiumsdiskussion und ein Konzert anlässlich des Internationalen Tags der Rom*nja statt. Mehr Infos: http://www.das-buendnis.at/magazin/internationaler-tag-der-roma-mit-podiumsdiskussion-konzert

Portal mit Informationen zu Rom*nja (Kultur, Politik, Nachrichten): http://www.roma-service.at/dromablog/

Der Antiziganismus-Bericht steht auf der Webseite des Romano Centro zum Download zur Verfügung: http://www.romano-centro.org/

 

[Fotos: Viktoria Penz]