5 Gründe, wieso Feminist*innen auch in Zukunft nicht leise sein dürfen und werden

5 Gründe, wieso Feminist*innen auch in Zukunft nicht leise sein dürfen und werden

Von Valentine Auer

Eigentlich gibt es ja unzählige Gründe, wieso Feminist*innen laut sind und gehört werden müssen, kurzum, wieso es feministische Stimmen auch im Jahr 2019 brauchen wird. Runterbrechen lassen sich diese Gründe auf patriarchale Strukturen, die sich in verinnerlichten Handlungs- und Denkmustern von Menschen zeigen. Wir haben fünf dieser Gründe herausgepickt und mit Statistiken genauer beleuchtet.

 

1. Weil es nicht sein kann, dass im Jänner 2019 bereits sechs Frauen ermordet wurden und der Grund dafür in der Migration anstatt in patriarchalen Strukturen gesehen wird.

Beginnen wir mit der extremsten und deutlichsten Form, in der sich patriarchale Strukturen äußern können: Der Gewalt gegen Frauen. Ein Thema, das aufgrund der gehäuften Frauenmorde im noch jungen Jahr 2019, stark diskutiert wird. Ein Blick auf die Bundeskriminalstatistik zeigt, dass ein Anstieg von Frauenmorden bereits seit mehreren Jahren zu beobachten ist. Zwischen Jänner und November 2018 (aktuellere Daten stehen derzeit nicht zur Verfügung) wurden insgesamt 70 Menschen ermordet, 41 von den Todesopfern waren dabei Frauen – umgerechnet entspricht das einem Frauen-Anteil von 59 Prozent. Im Gesamtjahr 2017 gab es 62 Mordopfer in Österreich, davon waren 36 ihnen Frauen. 2016 waren von 49 Mordopfer 28 Frauen.

 

 

Dass innerhalb der geführten Diskussionen oftmals nicht anerkannt wird, dass das zentrale Merkmal der Täter, ihr Geschlecht und nicht ihre Herkunft ist, muss an dieser Stelle klar gesagt werden. So zeigt die Statistik der Wiener Interventionsstelle gegen Gewalt in der Familie, dass von den insgesamt 6.185 betreuten Klient*innen im Jahr 2017 86,3 Prozent weiblich und 91,7 Prozent der Gefährder*innen männlich waren. Außerdem geschieht Gewalt gegen Frauen nur selten durch unbekannte Personen: Der Wiener Interventionsstelle zufolge waren nur 1,1 Prozent der Gefährder*innen dem Opfer nicht bekannt. Bei 45,5 Prozent handelte es sich um Ehepartner*innen, Lebensgefährten oder dem Freund bzw. seltener der Freundin.

 

 

2. Weil Frauen aus unterschiedlichsten Gründen immer noch weniger verdienen als Männer und viele das scheinbar nicht wahrhaben wollen.

Auch, wenn immer wieder Stimmen lauten werden, die meinen der Gender Pay Gap sei nicht aussagekräftig, gilt dennoch: Der Gender Pay Gap ist real und er sagt sowohl etwas über die unterschiedliche Bezahlung, als auch über unterschiedliche Karrieremöglichkeiten von Männern und Frauen aus. Diese Missstände gilt es immer wieder deutlich zu machen – in der Hoffnung das Bewusstsein zu schärfen und so auch in der Arbeitswelt entgegensteuern zu können. Und tatsächlich: Wirft man einen Blick zurück, zeigt sich, dass der Gender Pay Gap in Österreich sinkt. Lag dieser laut der Eurostat-Defintion 2006 bei 25,5 Prozent, sank er bis 2016 auf 20,1 Prozent. Im selben Zeitraum ist der Gender Pay Gap im EU-Durchschnitt nur um 1,5 Prozentpunkte gesunken. Und trotzdem liegt der Lohnunterschied in Österreich deutlich über dem EU-Durchschnitt von 16,2 Prozent im Jahr 2016. [EU-Definition des Gender Pay Gaps: Lohnunterschied basierend auf die durchschnittlichen Bruttostundenverdienste der unselbstständig Beschäftigten in der Privatwirtschaft.]

 

 

 

Natürlich kann man an dem vom Eurostat berechneten Gender-Pay-Gap kritisieren, dass hier Branchen und Positionen verglichen werden, die sich nicht vergleichen lassen. Aber genau hier muss die Kritik weitergeführt werden. Wieso sind Frauen öfters in anderen (schlechter bezahlten) Branchen und Positionen tätig? Wieso werden „männlich“ wahrgenommene Branchen besser bezahlt als „weibliche“ Branchen? Und welchen Zusammenhang gibt es zwischen Karrieren und unbezahlter Haus- und Pflegearbeit?

Haben sich die Kritiker*innen des Gender Pay Gaps mit diesen Fragen auseinandergesetzt, können sie sich mit einer weiteren Zahl beschäftigen: Denn unter Berücksichtigung aller beobachtbaren Faktoren, die den Lohnunterschied beeinflussen, bleiben immer noch 13,6 Prozent, die sich nicht erklären lassen – naja, außer durch das Patriarchat und der damit zusammenhängenden Benachteiligungen. Dies hat die Statistik Austria im Jahr 2014 untersucht. Zu den Faktoren, die den Lohn beeinflussen zählen die Branche, der Beruf, Alter und Bildungsniveau, die Dauer der Unternehmenszugehörigkeit, Vollzeit- und Teilzeit-Anstellungen, die Art des Arbeitsvertrages aber auch die Region und die Unternehmensgröße.

 

3. Weil Frauen immer noch den Großteil der unbezahlten Haus- und Pflegearbeit machen und auch das sich auf den Gender Pay Gap auswirkt.

Dass Frauen in schlechter bezahlten Branchen und Positionen arbeiten, sowie oftmals einer Teilzeit-Beschäftigung nachgehen, liegt auch daran, dass diese einen Großteil der unbezahlten Arbeit erledigen. So gaben im Rahmen der „European Quality of Life Survey“ von Eurofund, die befragten Frauen an, dass sie durchschnittlich 16 Stunden in der Woche für Kochen oder Hausarbeit aufwenden, während Männer nur 10 Stunden damit verbringen. Noch um einiges höher ist der Unterschied bei der Kinderbetreuung: Denn wöchentlich verbringen Männern durchschnittlich 27 Stunden damit, Frauen aber 52.

 

 

Eine neue Studie, an der unter anderem Henrik Kleven von der Universität Princeton mitgearbeitet hat, zeigt zudem die Entwicklung der Gehälter von Frauen und Männern nach der Geburt des ersten Kindes. Das Ergebnis: Selbst zehn Jahre nach der Geburt des ersten Kindes verdienen Frauen in Österreich durchschnittlich um 51 Prozent weniger als ein Jahr vor der Geburt.

 

4. Weil Frauen in unglaublich vielen Bereichen unterrepräsentiert sind und das, obwohl doch so sehr nach ihnen gesucht wird.

Genauso wenig ein Mythos, wie der Gender Gap, ist auch die gläserne Decke. Frauen sind in vielen Bereichen unterrepräsentiert. Das zeigt sich zum Beispiel, wenn man einen Blick auf die Führungskräfte in Österreich wirft: Insgesamt sind 68,2 Prozent aller Führungskräfte männlich.

 

 

Ein ähnliches Verhältnis sieht man auch bei Professor*innen und das, obwohl mittlerweile mehr Frauen als Männer einen Hochschulabschluss vorweisen. Aber auch in anderen Bereichen sind Frauen unterrepräsentiert. Der Frauenanteil im österreichischem Nationalrat liegt beispielsweise bei 37,2 Prozent. Auf Podien, bei Konferenzen oder Talkshows sieht man nicht selten ausschließlich Männer, wie die Plattform „Rock the Podium“ permanent aufzeigt und dokumentiert. Auch im Kunstbereich zeigen sich Missstände. Beim österreichischen Amadeus-Award 2018 waren von den 65 nominierten Gruppen acht rein weiblich und 48 rein männlich. Beim Rest handelte es sich um gemischte Bands. Die aktuellste FACTS-Erhebung des Musikerinnen-Netzwerks female:pressure zeigt zudem, dass von 229 untersuchten Festivals weltweit, 78 Prozent der Musik-Acts männlich sind.

Hinter der allzu oft gehörten Floskel „aber wir finden einfach keine Frauen“, verstecken sich erneut patriarchale Strukturen, die dazu führen, dass Frauen weniger Chancen auf Führungspositionen in der Politik, oder eben auch in anderen Bereichen haben. Für Veranstalter*innen, die das zumindest auf ihren Podien ändern wollen, lohnt ein Blick auf die Datenbank speakerinnen.org. Hier finden sich über 2.000 Expertinnen zu allen möglichen Themen. Und auf femalepressure.net findet sich eine weltweite Datenbank mit Musikerinnen, die auf Festivals und Konzerte eingeladen werden können und sollen!

 

5. Weil Sexismus allgegenwärtig und normal zu sein scheint.

Und doch gibt es Bereiche in denen auch Frauen sichtbar sind: Die Werbung zum Beispiel. Werbung zeigt eindrücklich, wie stark Sexismus in den Köpfen der Menschen verankert ist, wie wenig Sexismus hinterfragt wird und wie sehr sich damit Geld machen lässt. Schon seit Jahren führt der Grund „Geschlechterdiskriminierende Werbung“ die Liste der häufigsten Beschwerden, die an den Österreichischen Werberat gehen, an – und zwar deutlich: 2018 gingen 41 Prozent der Beschwerden aufgrund von Geschlechterdiskriminierung ein.

Gleichzeitig zeigt eine aktuelle Erhebung des Österreichischen Werberats, dass Sexismus immer stärker als ein Störfaktor in der Werbung wahrgenommen wird. 2017 gaben 47 Prozent der Befragten an, dass sie die Darstellung von gesundheitsgefährdenden Körperformen (Stichwort: Magermodels) sehr stört (2015: 40 Prozent). 50 Prozent empfinden Darstellungen, die Menschen auf Grund des Geschlechts abwerten, als sehr störend (2015: 41 Prozent).

 

 

Trotz einiger positiver Veränderungen, zeigen auch die bereits erläuterten Punkte, wie sehr Sexismus zum Alltag gehört und dadurch auf Feminist*innen zum Alltag gehören müssen. Sie müssen laut werden, wenn Gewalt gegen Frauen rassistisch begründet wird. Sie müssen immer wieder Ungleichheiten benennen, wenn der Gender Pay Gap als unwahr bezeichnet wird und dahinterliegende Diskriminierungen nicht gesehen werden. Sie müssen alternative Rollenbilder aufzeigen, wenn Frauen  nach wie vor den Großteil der Pflege- und Hausarbeitsarbeit machen. Sie müssen kritisieren, wenn Frauen in bestimmten Positionen nicht mehr zu finden sind, weil nicht nur die Vereinbarung zwischen Beruf und Familie, sondern auch Männerbünde als Karriereschmiden, aber auch das Frauenbild, dies verhindert. All das sind nur einige wenige Gründe, wieso Feminist*innen auch in den kommenden Jahren weiterkämpfen werden, weiterkämpfen müssen.

 

Weitere Informationen:

Statistik des Bundeskriminalamts: https://www.bundeskriminalamt.at/501/start.aspx

Statistiken der Wiener Interventionsstelle: https://www.interventionsstelle-wien.at/statistiken-der-wiener-interventionsstelle 

Studie des Österreichischen Werberats: https://werberat.at/news_252.aspx

Beschwerde-Statistiken des Österreichischen Werberats: https://werberat.at/statistik.aspx

Statistiken zum Gender Pay Gap: https://www.statistik.at/web_de/statistiken/menschen_und_gesellschaft/soziales/gender-statistik/einkommen/index.html

Erhebung des Eurofunds, European Quality of Life Survey: https://www.eurofound.europa.eu/data/european-quality-of-life-survey

Arbeitsmarkt-Statistiken der Statistik Austria: https://www.statistik.at/web_de/statistiken/menschen_und_gesellschaft/arbeitsmarkt/erwerbsstatus/index.html

Weitere Fakten und Entmythisierungen liefert das Buch „No More Bullshit. Das Handbuch gegen sexistische Stammtischweisheiten“ des Frauennetzwerks Sorority: http://www.das-buendnis.at/magazin/no-more-bullshit-das-handbuch-gegen-sexistische-stammtischweisheiten

 

[Foto: Chloe Simpson @ unsplash.com]