„... und was, fragen wir, werdet ihr morgen sagen?“

„... und was, fragen wir, werdet ihr morgen sagen?“

Von Valentine Auer.

Die Hoffnung. Der menschliche Körper. Und Grenzen - sowohl körperliche als auch emotionale, moralische oder geographische Grenzen. Diese Begriffe verbindet der Text- und Fotoband „hope“ im Rahmen dreier Erzählungen, die Themen berühren, die nur selten medial behandelt werden. Die drei Texte der Sozialanthropologinnen Veronika Siegl, Julia Rehsmann und Gerhild Perl werden dabei von Bildern der Fotografin Sarah Hildebrand begleitet. Sie sprechen mit Menschen, die Grenzen überschreiten wollen, überschritten haben. Menschen, die von ihren gesunden Körpern erzählen, die sie als Leihmutter brauchen, von ihren kranken Körpern und der Hoffnung auf eine gesunde Leber und Menschen, die von ihren toten Körpern, die am Grunde des Mittelmeers liegen, erzählen und dabei Gerechtigkeit fordern.

                                                                                                                                                                                     

Zehn Monate

„Nach der Geburt gibst du mit deiner Unterschrift das Recht auf die Mutterschaft ab, und die Geburtsurkunde wird auf den Namen der Eltern ausgestellt. Wenn die Mutter bei der Geburt anwesend sein will, solltest du ihr das erlauben. Du wirst das Kind nicht sehen, es wird auch nicht auf deine Brust gelegt, sondern geht direkt in die Arme der Mutter“, erklärt Olga Pawlowna einer der vielen Frauen in Russland, die Leihmutter werden wollen. Veronika Siegl verbrachte für ihre Dissertation viel Zeit in der Moskauer Fertilitätsklinik AltraVita, sprach mit unterschiedlichen Akteur*innen, allen voran mit Leihmüttern. Gespräche, die sie im Text „Zehn Monate“ verarbeitet: Da ist zum Beispiel Zhenja, die ihre Teilnahme am Leihmutterschaftsprogramm damit erklärt, dass man nirgends sonst in Russland eine Million Rubel verdienen könne. Menschen, die keine Kinder bekommen können, helfen, um die eigenen Kinder versorgen zu können. Oder Nadja, die endlich Leihmutter werden will. Sie nimmt seit einem dreiviertel Jahr regelmäßig die 13-stündige Reise von ihrem Wohnort nach Moskau auf sich, aber es scheint nicht zu klappen: „Selbst schwanger zu werden, war nicht so kompliziert“, sagt Nadja. Und auch mit Vera, die am Ende dieser zehn Monate steht und von der Geburt spricht, von der Schwierigkeit loszulassen und der Ungewissheit, wie es nun weitergeht: „Vom ökonomischen Standpunkt aus sollte ich noch einmal am Leihmutterschaftsprogramm teilnehmen, vom psychologischen weiss ich es nicht, ehrlich gesagt“.

 

Organismus

„Das Belastende am Warten, das Zehrende sei die Ungewissheit. Auf alles andere könne er sich einstellen, er ‚wisse‘, was auf ihn zukommt. Er wird aufgeschnitten, raus mit dem alten, kranken Organ, rein mit dem neuen. Er verlasse sich auf die Kunst der Ärztinnen. Natürlich habe er Angst, aber das, was zehrt, sei die Ungewissheit“, schreibt Julia Rehsmann in ihrem Text „Organismus“. Eigentlich wollte sie über jene Menschen schreiben, die außerhalb des legalen Rahmens versuchen, an eine gesunde Leber zu kommen. Der Zugang blieb ihr jedoch verwehrt. Stattdessen heißt es warten. Rehsmann lässt einige der 1.157 Menschen zu Wort kommen, die in Deutschland auf den Wartelisten für eine Lebertransplantation stehen. Sie schreibt darüber, dass nicht alle rechtzeitig ein Organ erhalten werden, dass die Wartelisten Ungleichheiten zementieren würden. „Bei der Verwaltung eines Mangels, wenn es zu wenig gibt für alle, die dieses Etwas haben wollen, sei die Benachteiligung mancher Gruppen unvermeidbar“, sagt eine Ärztin. Manche Erkrankte könnten sich auch das Geld für die teure Nachsorge nach der Operation gar nicht leisten. Aber auch jenen, die eine Transplantation hinter sich haben, wird Raum gegeben: Von einer langsam beginnenden Normalität zwanzig Jahre nach der Operation ist die Rede, aber auch von Menschen mit einem bestimmten Glitzern in ihren Augen, über Menschen, die sich über ihre erlangte Lebensqualität durch die Transplantation freuen.  

 

Wasser

Und auch der Text von Gerhild Perl, „Wasser“, reiht sich, trotz seiner Aktualität und seiner medialen Präsenz, in Ungleichheiten ein, denen nur wenig Beachtung geschenkt wird: Die Straße von Gibraltar – jene 14 Kilometer, die Spanien von Marokko trennen. Etwa sechs Millionen Menschen überqueren die Straße von Gibraltar jährlich, die meisten unbeschwert, am Weg zur Arbeit, zu ihrer Familie. Doch viele lassen hier auch ihr Leben beim Versuch, auf den pateras, so werden die seeuntaugliche Boote genannt, nach Europa zu fliehen. Diese Menschen stehen im Zentrum des Textes: Bestattungsunternehmer kommen zu Wort, Menschen, die die Flucht von Marokko nach Spanien versuchten und schafften, aber auch jenen Menschen, die es nicht schafften; Perl gibt den toten Körpern, die am Grunde des Mittelmeers liegen, eine Stimme: „Sie wollen uns von sich wegdrängen, während wir uns mit unserer Ungeheuerlichkeit aufdrängen. Wir tauchen neben den Yachten der Ausflügler auf, die Strohhüte und Sonnenbrillen tragen, die Entspannung suchen und Spass. Wir aber sind die Spassverderber des Mittelmeers, und wir verfangen uns in den Netzen der Fischer, das heisst, Reste von uns gehen den Fischern in die Netze, und wir erschrecken sie mit unserem Restedasein. [...] Manche von euch sagen, dass dieses Meer ein Friedhof ist. Machen sagen es heute, manche haben es vor zwanzig Jahren gesagt und was, fragen wir, werdet ihr morgen sagen?“.

 

Objekte, die von Menschen erzählen

Ärztekittel in der Altra Vita Klinik. Ein Ventilator in den Apartments, in denen Leihmütter nahe der Klinik leben können. Eine Medikamenten-Box in einem Kleiderschrank. Eine Tasse mit einem grinsenden Smiley in der Küche einer Selbsthilfegruppe für Leberkranke. Eine Sandale oder auch eine patera an der Küste zwischen Algeciras und Tarifa. Särge in einer Leichenhalle: Die Fotografin Sarah Hildebrand hält diese drei Geschichten visuell fest, indem sie auf Materielles fokussiert. Keine Menschen, sondern Objekte, die alltäglich erscheinen, es aber oftmals nicht sind, begleiten die drei Erzählungen. Hildebrand richtet den Blick auf Details der Dinge. Und dennoch: Die Bilder, das gesamte Buch sind zutiefst menschlich, denn „hope“ gibt den Menschen Raum für ihre Geschichten, die erzählt werden müssen, jedoch kaum erzählt werden. „hope“ schafft es dabei wissenschaftliche Erkenntnisse in eine literarische Erzählweise umzuwandeln, die für eine breite Leser*innenschaft leicht verständlich und durch die Nähe am Menschen eingängig ist. „hope“ benennt Perspektiven der Hoffnung, deren ungleiche Verteilung und ist damit ein Werk, das für Gerechtigkeit und Offenheit in einer Welt voller Unsicherheiten und Abschottung, einsteht.

 

Am Montag, den 5. November wird das Buch ab 19 Uhr im Wiener „depot“ (Breite Gasse 3) in Anwesenheit aller Autorinnen und der Fotografin präsentiert.

Sarah Hildebrand, Gerhild Perl, Julia Rehsmann, Veronika Siegl: Hope. Christoph Merian Verlag, Basel 2018, 184 Seiten, 75 farbige Abbildungen.

 

[Foto: Benjamin Storck]